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Bergsport:"Der Berg wird zum reinen Turngerät"

Viele erfahrene Berggeher wundern sich über die neue Spezies. Axel Doering zum Beispiel. Doering war früher Förster im Classic-Skigebiet bei Garmisch, heute ist er Vizepräsident der Alpenschutzkommission Cipra Deutschland und Sprecher des Bund Naturschutz Arbeitskreis Alpen. Man darf davon ausgehen, dass der 70-Jährige nichts dagegen hat, dass sich Menschen in der Natur bewegen, im Gegenteil. Er hat ja früher selbst genug Zeit draußen verbracht. Aber manchmal wundert er sich, was da vor sich geht. "Der Berg", sagt Doering, "wird zum reinen Turngerät".

Früher sei es nämlich so gewesen: Und fünf Uhr nachmittags, wenn der Großteil der Skifahrer und Wanderer den Heimweg antrat, da habe "himmlische Stille" geherrscht, selbst an den viel besuchten Ausflugszielen. Aber dann seien die Bergläufer gekommen und dann die Mountainbiker und später die Tiefschneefahrer und Schneeschuhgeher, die jetzt quer durchs Gelände rasen und stapfen, während die Gleitschirmflieger darüber kreisen - von Spaßeinrichtungen wie Aussichtsplattformen und Seilrutschen ganz zu schweigen. Selbst die alten versteckten Jagdsteige könne heute jeder gehen, sobald sie ein mitteilungsbedürftiger Wanderer als Tour ins Internet gestellt hat. Inzwischen herrscht 365 Tage im Jahr an 24 Stunden Betrieb - und das auch noch in den letzten Winkeln der Berge. "Dabei braucht doch die Fauna auch ihre Regenerationszeiten", meint Doering.

75th Anniversary of the First Climb of the Eiger North Face

Als die Alpen noch ein Abenteuer waren: Heinrich Harrer in der Eiger Nordwand - vor fast 80 Jahren.

(Foto: dpa)

Manfred Lorenz, der nachdenkliche Bergführer-Reiseveranstalter-Chef, sieht auch die positiven Seiten der neuen Bergwelt. Zum Beispiel das höhere Sicherheitsbedürfnis der Wanderer und Bergsteiger. Inzwischen sei es für viele selbstverständlich, vor einer Tour das Wetter und den Lawinenlagebericht zu prüfen. Dies hängt natürlich auch mit dem technischen Fortschritt und den besseren Möglichkeiten zusammen. "Heute besteht die Herausforderung eher darin, aus dem Überangebot an Informationen und Foren im Internet das richtige zu finden", so Lorenz.

Gestern Mountainbike, heute Klettersteig, morgen Hochtour

Durch die neuen Möglichkeiten - vom lokalen Wetterbericht auf dem Smartphone über die perfekte Hardshelljacke bis zum Notruf mit gut funktionierender Rettungskette - hat der Berg auch an Schrecken eingebüßt. Was früher Drohkulisse war, gilt heute als Freizeitpark. Nur zu gerne stellen Sportartikelhersteller und Tourismusgemeinden im alpinen Raum die positiven Effekte der Berge auf Kopf und Körper heraus und versuchen, mit diversen Bergsportangeboten auch die Randzeiten zu füllen. Der Tourenskihersteller Dynafit ruft etwa im Winter unter dem Schlagwort "Nachtspektakel" zum abendlichen Pistentouren mit Stirnlampe auf - was sich für Dynafit wie für die Hüttenbetreiber als gutes Geschäft entpuppt. Diverse Anbieter paaren Klettern mit Yoga und greifen dadurch eine noch größere Zielgruppe ab. Und kaum eine Region mag mehr auf Klettersteige verzichten, jenen perfekten Anreiz für Wanderer, denen der bloße Berghatsch zu langweilig geworden ist.

Spontan und vielseitig ist der moderne Bergsportler nämlich auch noch, und längst haben die Bergreiseveranstalter auf die Bedürfnisse ihrer Kunden reagiert. Die Alpinschule Innsbruck lässt bei bestimmten Reiseangeboten den genauen Programmablauf beispielsweise bewusst offen, damit sich jeder Teilnehmer kurzfristig entscheiden kann: gestern Mountainbike, heute Klettersteig, morgen Hochtour. Zugleich ist die Erwartungshaltung gestiegen, wie Lorenz als Chef des DAV Summit Club weiß: "Wenn mal etwas nicht klappt, geht es schnell in Richtung Regress."

Ob ein Ende in Sicht ist? Lorenz meint: "Ich sag' jetzt einfach einmal, dass diese Entwicklung so weitergehen wird."

© SZ.de/woja/stein

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