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Berghuus Radons in der Schweiz:Ein Hoch auf die Schweinebacken

Motiv: Berghaus Radons. Online: ja. Danke!

Neu eröffnet: Das Berghuus Radons dürfte zu jenen Häusern zählen, die gerade während Pandemiezeiten besonders beliebt sind. Der Betrieb hat nur zwölf Zimmer und liegt auf 1900 Meter etwas abseits der Maiensäss-Siedlung Radons.

(Foto: Noeflum)

Im Berghuus Radons in der Schweiz wurde im vergangenen Jahr ausgemistet. Jetzt ist dort Platz für Atmosphäre. Und in Pandemiezeiten können noch ganz andere Dinge glücklich machen.

Von Dominik Prantl

Es hätte wahrlich bessere Zeiten gegeben, um das Berghuus Radons zu eröffnen. Denn was will man während solch einer weltumspannenden Krise schon groß erwarten? Der Fremdenzustrom stockend, die Stimmung gedrückt, der Tourismus am Boden, so steht es sinngemäß auf einer Zeitungsseite der Neuen Zürcher Zeitung, die im Eingangsbereich des Berghauses hängt. Sie stammt vom 9. Januar 1941, und Fadri Arpagaus, seit 2019 Chef des kleinen Hotels oberhalb von Savognin in der Schweiz, sagt: "Da gibt es schon gewisse Parallelen zu heute."

Was Arpagaus aber auf keinen Fall möchte: jammern. Dazu gäbe es freilich genügend Gründe, heute genauso wie beim Bau des Hauses in den Jahren 1939 und 1940. Schließlich hat Arpagaus das Anwesen mit der Hilfe von Bekannten vor dieser ungewöhnlichen Wintersaison für einen Betrag totalsaniert, den er alleine "nicht hätte leisten können". Nur weiß Arpagaus auch, dass die Schweiz - so rein alpentouristisch betrachtet - trotz aller Beschränkungen und reisevergrämenden Auflagen im Grunde die Insel der Glückseligen inmitten eines sturmgepeitschten Meeres bildet. Überall außen herum, ob in Italien, Frankreich, Österreich oder Deutschland, liegt die Hotelbranche seit Monaten brach. Arpagaus aber kann sagen: "Ich bin auch die nächsten Wochen recht gut gebucht." Er plant, sein Berghaus auch nach Ostern und über den gesamten Sommer zu bewirtschaften. "Wir ziehen das durch."

Die Chancen, dass sich das auszahlt, stehen nicht so schlecht. Das Berghuus Radons dürfte zu jenen Häusern zählen, die gerade während Pandemiezeiten besonders beliebt sind; zumindest bei jenen, die ihren Urlaub nicht unbedingt in Zelt, Camper oder Ferienwohnung verbringen wollen. Der Betrieb hat nur zwölf Zimmer und liegt auf 1900 Meter etwas abseits der Maiensäss-Siedlung Radons mit seinen kleinen Hütten, in denen anders als früher nicht mehr das Vieh Zwischenstation auf dem Weg zu den Almen einlegt, sondern erholungsbedürftige Menschen aus dem Tiefland ihren Urlaub verbringen. Im Winter führt von hier ein kleiner Lift ins Skigebiet von Savognin. Hinab zum Parkplatz ins immer noch auf 1600 Meter hoch gelegene Tigignas steht eine recht flache Piste zur Verfügung für Skifahrer, Rodler oder Besitzer eines Schneemobils wie Arpagaus. Drumherum stehen steinerne Riesen; der Piz Forbesch etwa, der Piz Alv oder der beliebte Skitourenberg Piz Mez.

Der Charme der Achzigerjahre ist mit der Renovierung verloren gegangen. Gott sei Dank.

(Foto: Dominik Prantl)

Vor dem Abendessen noch mal ein Blick auf die gerahmte NZZ-Seite von 1941. Dort ist zu lesen: "An die sanft ansteigende Berglehne geschmiegt, fügt sich das Haus mit seinem traulichen Giebel, seinem massiven Sockel und den gebräunten Balken harmonisch der Umgebung ein." Äußerlich hat sich nicht so viel geändert. Gebräunte Balken, massiver Sockel, alles noch da.

Aber letztlich sind es die inneren Werte, die zählen. Da sei vor dem Umbau lange nichts gemacht worden, meint Arpagaus. Es habe Kajütenbetten im oberen Stockwerk und darunter ein Selbstbedienungsrestaurant gegeben. Der Charme der Achtzigerjahre eben, auf den heute nur keiner mehr reinfällt. Bis auf die alte Arvenstube haben der neue Besitzer und Architekt Urs Mundwiler entsprechend ganzheitlich ausgemistet und sich beim Einrichten aufs Weglassen konzentriert. Die Rezeption besteht aus einem Stehtisch mit Laptop darauf, das Herz der noblen Hütte ist eine Lounge mit einem Kamin wie einem Großbildfernseher. Dicke Stämme als Tische, daneben fellummantelte Sessel, alles sehr gemütlich, viel massives Altholz, aber ohne den lästigen alpinen Hirsch-Chic. Statt irgendwelchem Krimskrams hat Atmosphäre Platz.

Wichtig auch: Arpagaus ist Koch. Er stammt aus der Gegend, hat im Waldhaus Sils gelernt, unter anderem in Bangkok, Kanada und Genf gearbeitet und war dann rund zehn Jahre lang Privatkoch bei Milliardären, die natürlich auch nicht jeden Würstchengriller in ihre Milliardärsküchen lassen. Entsprechend viel Wert wird im Berghuus aufs Essen gelegt, zum Beispiel auf die Steinpilz-Capuns, die - weil als Küchengruß serviert - leider nur Häppchengröße haben. Auch die Kalbsbäckchen zur Polenta zerschmelzen geradezu auf der Zunge, wobei diese Wahrnehmung unter dem Eindruck eines fast sechsmonatigen Restaurantentzugs entstanden ist und daher leicht verzerrt sein könnte. Was stört es da, wenn die Weinflasche annähernd so viel kostet wie ... eh, Moment, ist ja gar nicht so teuer! Nur setzt Arpagaus ("Ein Weinkeller kann nie groß genug sein") eben auf eher hochwertige Weine, die schon im Handel ihren Preis haben.

Jetzt aber ab ins Bett statt in die sehr geräumige, derzeit allerdings auf vier Personen limitierte Sauna. Zum Glück ist das Berghuus Radons qua Größe zwangsläufig ein Betrieb der kurzen Wege. In den Zimmern setzt sich das Primat des Holzes fort. Sogar der Baldachin überm Bett ist hölzern. Nachts fährt auf der nahe liegenden Piste die leider noch nicht elektrobetriebene Pistenraupe vorbei; sonst ist es still in und um Radons.

Auf der historischen Zeitungsseite heißt es in einem Kommentar neben dem Artikel über das Berghuus übrigens: "Die Hotellerie wird sich bestimmt erholen, sobald man wieder reisen kann." Denn das "Höhenklima ist als Gesundungsfaktor für die leidende Menschheit unübertroffen". Wobei schon Schweinebäckchen zu Rotwein Wunder wirken können.

Berghuus Radons, 7464 Radons, Schweiz, Übernachtung im DZ mit Frühstück ab 120 CHF (etwa 108 Euro) pro Person, im Schnitt rund 180 CHF (162 Euro). Parkplatz ist in Tigignas, dort Abholung mit dem Schneetaxi. Schneeschuhe für Erkundungstouren und Schlitten können gegen Leihgebühr gemietet werden, Tel.: 00 41/81/659 10 10, berghuus@radons.ch, www.berghuus.ch.

Sicherheitshinweise: Vor nicht notwendigen, touristischen Reisen in die Schweiz wird weiterhin gewarnt. Die Einreise aus Deutschland ist - außer von Thüringen - derzeit dennoch unproblematisch. Bei der Rückreise bestehen jedoch die üblichen Auflagen für die Einreise aus Risikogebieten (Einreiseanmeldung, Test- und Quarantänepflicht).

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ/ihe
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