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Alpen:Dann eben auf den Berg

Eine neue Seilbahn führt auf das Klein Matterhorn bei Zermatt in der Schweiz.

Seilbahn vor Matterhorn: Zermatt in der Schweiz

(Foto: Dominic Steinmann/dpa)

Für den Alpentourismus lief die Corona-Sommersaison besser als erwartet. Doch nun stehen die Wintermonate an - und damit neue Probleme.

Von Dominik Prantl

Manch einen Alpentouristiker erinnert dieser November etwas zu sehr an den März. Damals machten Bergbahnen angesichts der ersten Corona-Welle von einem Tag auf den anderen dicht; Hüttenwirte, Bergreiseveranstalter und Bergführer beklagten vor allem die Unsicherheit darüber, wie es weitergeht, in vielen Tourismusorten herrschte Krisenstimmung. Doch wie war der Sommer in den Bergen tatsächlich? Das Resümee zeigt: Nicht immer kommt es schlimmer, als man denkt.

Die Veranstalter

An die erste grenzüberschreitende Wanderreise mit Kunden in diesem Sommer kann sich Ambros Gasser, Geschäftsführer von ASI Reisen in Österreich, noch gut erinnern. Sie führte mit 15 Personen von Garmisch nach Sterzing - und war nach dem Lockdown noch einmal eine Art organisatorischer Ausnahmezustand. Auf deutscher Seite musste die Gruppe in drei Kleingruppen mit je einem Guide aufgeteilt werden; in Österreich reichten wegen der dortigen Regeln dann zwei Wanderführer, in Südtirol sogar ein einziger. "Aber es ging dann sehr schnell wieder bergauf", so Gasser. Am Ende habe man beim Alpengeschäft, das sämtliche sogenannte "erdgebundene Destinationen" (Gasser) zwischen Gardasee und Sylt umfasse, sogar ein Gästeplus von sechs Prozent verzeichnen können. Vor allem dadurch stehe man als Reiseveranstalter mit einem Umsatzrückgang von 52 Prozent im Branchenvergleich noch relativ gut da.

Ähnliche Zahlen kommen von Manfred Lorenz, Geschäftsführer des DAV Summit Club, der heuer wohl nur die Hälfte des Umsatzes von 2019 erwirtschaftet, aber immerhin "80 Prozent des normalen Alpengeschäfts" abwickeln konnte. Nur an den ganz hohen Bergen der Alpen - in den Berner Alpen, im Wallis und am Mont Blanc - mussten Programme abgesagt werden, weil die Infrastruktur auf den Hütten für Corona-Zeiten unzureichend war. In den Ostalpen habe es indes gut funktioniert.

Die Touristenorte

Schon zu Beginn der Ferienzeit meldeten viele Bergurlaubsorte eine überraschend gute Buchungslage. Allerdings erwies sich eine starke internationale Ausrichtung als Nachteil. Im bei Überseetouristen sehr gefragten Zermatt in der Schweiz etwa registrierte man selbst in den Monaten Juli und August einen deutlichen Rückgang bei den Hotellogiernächten von 25 und 23 Prozent gegenüber 2019. Zwar strömten Schweizer Gäste in Scharen nach Zermatt (plus 81 Prozent im Juli), doch wird sich das gesamte Sommerminus wohl bei 40 bis 50 Prozent einpendeln.

Der traditionell vor allem von inländischen, also deutschen Gästen besuchte südliche Teil des Berchtesgadener Landes hingegen erzielte für die Monate Juli bis September sogar ein leichtes Plus bei den Nächtigungen. Die Verluste aus dem Frühjahr ließen sich damit dennoch nicht ausgleichen, so eine Sprecherin des Tourismusverbands.

Im Frühjahr herrschte bei vielen Hüttenwirten, Bergreiseveranstaltern und Bergführern Krisenstimmung. Doch den Sommer über kamen mehr Gäste als erwartet - wie hier auf der Zugspitze.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Bergbahnen

Was für die Touristenorte gilt, zeigt sich auch bei den Bergbahnen. "Bahnen mit hohem internationalen Gästeanteil haben unter dem Fernbleiben dieser Touristen beachtliche Rückgänge verzeichnen müssen", heißt es beispielsweise im Saison-Monitoring der Seilbahnen Schweiz. Bergbahnen mit seit Jahren hohem Anteil an Schweizern steigerten die Passagierzahlen zum Teil dagegen sogar deutlich. Doch obwohl in Graubünden zwischen Juni und September dadurch sagenhafte 18,3 Prozent mehr Gäste als in den Vergleichsmonaten des Sommers 2019 auf den Berg gondelten, bleibt in der gesamten Schweiz ein Minus von 28,6 Prozent.

Für die hauptsächlich von Bundesbürgern lebenden deutschen Seilbahnen meldet der Verband Deutscher Seilbahnen ein deutliches Plus von 5,9 Prozent bei den sogenannten Ersteintritten - und damit letztlich ein Plus bei den verkauften Tickets. Im August betrug dieser Anstieg sogar 8,5 Prozent. Dabei spielte auch eine Rolle, dass die Saison nach der Frühjahrspause nur unwesentlich verkürzt werden musste.

Die Hüttenwirte

Anders als bei den Seilbahnen war im Fall der Berghütten weniger entscheidend, aus welchen Ländern die Gäste traditionell anreisen, als die Frage: Wo liegt die Hütte? So sind laut den Alpenvereinen in Österreich und Deutschland insbesondere jene Hütten gut durch den Sommer gekommen, die aufgrund der leichten Erreichbarkeit hauptsächlich von Tagesgästen besucht werden. Dort ließ sich das Minus an Übernachtungsgästen zum Teil wieder wettmachen.

Schwieriger war es in eher hochalpinen Unterkünften, die als Stützpunkt für Ausbildungen oder Fernwanderungen dienen. Aufgrund der Corona-Auflagen wurden dort oft nur rund zwei Drittel der zur Verfügung stehenden Schlafplätze belegt. Entsprechend berichtet Stefan Neurauter, Pächter der am berühmten Fernwanderweg E5 gelegenen Braunschweiger Hütte auf 2759 Metern, von "9000 statt normal 15 000 Übernachtungen". Er habe deshalb auch die Zahl der Angestellten von 18 auf zwölf reduziert. Dennoch findet er: "Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen." Immerhin hatte er im Frühjahr noch weit härtere Einschnitte erwartet. Er sagt: "Wir sind zufrieden."

Die Bergführer

Walter Zörer, Vorsitzender des Verbands der Österreichischen Berg- und Skiführer, spricht von einem "guten Sommer". Dies betreffe vor allem jene Kollegen, die eher lokal unterwegs sind und auf mitteleuropäische oder einheimische Klientel setzen. Besonders erfreulich sei gewesen, dass viele Gäste erstmals einen Bergführer nahmen, weil sie offensichtlich "etwas Neues probieren wollten, statt zum Badeurlaub nach Mallorca zu fliegen", so Zörer. "Das sind vielleicht Kunden für die Zukunft." Andererseits hat er gerade den Sommerauftakt als angenehm ruhig in Erinnerung. So stand er im Juni mit Kundinnen einmal fast alleine auf dem Gipfel des sonst stark frequentierten Großvenediger. Er spricht von "Bergerlebnissen, wie man sie von früher gekannt hat".

Walter Laserer, Bergführer in Gosau am Dachstein, bezeichnet das Sommergeschäft ebenfalls als "besser als befürchtet". Allerdings gibt er zu bedenken, dass dies auch mit dem guten Wetter in den Alpen zu tun hatte. Er sieht sich nun in einer ähnlich unsicheren Situation wie im Frühjahr. Als Leiter einer Alpinschule ist er eigentlich auf die Welt der Berge von Marokko bis Grönland angewiesen - und darauf, dass diese zugänglich bleibt. Denn: "Wenn wir Pech haben und einen schneearmen Winter in den Alpen, dann schaut es schlecht aus."

© SZ vom 05.11.2020/kaeb
Stubaier Gletscher, fotografiert am 10.10.2020
Zur Verfügung gestellt vom ORF

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