Comics in Belgien Das sieht doch jeder

Mehr als 50 Comic-Helden sind in Brüssel auf Häuserwänden abgebildet, zum Beispiel Quick und Flupke von Hergé. In der deutschen Übersetzung heißen sie Stups und Steppke.

(Foto: Daniel Fouss)

In Brüssel werden graue Wände mit riesigen Comics verschönert, beinahe 60 sind es schon. Aus gutem Grund lieben die Belgier die gezeichneten Geschichten.

Von Jacqueline Lang

Klein sind sie, sie tragen weiße Mützen und Hosen und ihre Haut ist blau. Schlumpfblau. Der Erfinder der Schlümpfe, Pierre Culliford, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Peyo, gab ihnen in dem 1958 veröffentlichten Comic "Die Schlümpfe und die Zauberflöte" neben dem Duo "Johann und Pfiffikus" zunächst nur eine Nebenrolle. Doch die Leser verliebten sich sofort in die Figuren und so bekamen die Schlümpfe kurz darauf ihre eigene Comicserie. Heute zählen die Schlümpfe, die im vergangenen Jahr 60 wurden, zu den bekanntesten Figuren weltweit.

Anlässlich dieses Jubiläums hat die Stadt Brüssel den Schlümpfen nun endlich ihr eigenes Monument zukommen lassen in der selbsternannten Hauptstadt des Comics. Das 200 Quadratmeter große Wandgemälde ist am Hauptbahnhof zu sehen, an der Decke der Passage auf der Carrefour de l'Europe, die vom Bahnhof in die Innenstadt führt. Die Zeichnung reiht sich ein in eine langjährige Brüsseler Tradition: Mehr als 50 Comic-Helden sind auf Häuserwänden abgebildet. Und jedes Jahr kommen neue hinzu.

Die sogenannte Comic Strip Route entstand Anfang der 90er-Jahre auf Initiative der Stadt. Die Idee dahinter ist: Den vielen grauen Wänden in der Stadt einen Sinn geben und das Stadtbild verschönern. Comics eigneten sich dafür besonders gut, sagt Willem De Graeve, Pressesprecher des Comics Art Museum. Zum einen wegen ihrer bunten Farben. Zum anderen sieht er in Comics einen wichtigen Bestandteil der belgischen Identität.

Der erste Brüssler Comic wurde im Juli 1991 in der Plattensteen an die Wand gemalt. Die Straße befindet sich unweit des Grand Place im Schwulenviertel der Stadt. Überlebensgroß sieht man auf der Hauswand die von dem Brüsseler Autor Frank Pé entworfene Figur Jonas Valentin Arm in Arm mit einem Freund spazieren gehen. Wer genau hinsieht, erkennt noch mehr: Das Haus mit den bunten Schirmen in der oberen linken Ecke des Bildes stelle die bekannte Brasserie "Plattensteen" dar, sagt De Graeve. Der blaue Fluss in der Mitte sei die Senne, die immer noch unterirdisch durch die Straße fließt. Und den Bleistift in der rechten oberen Ecke versteht De Graeve als eine Hommage an die Comicszene der Stadt. Und das sei das eigentlich Besondere an den Brüsseler Straßencomics: Es handelt sich nicht nur um großformatige Kopien bereits existierender Motive, sondern um Szenen, die von den Künstlern eigens für die verschiedenen Stadtviertel entworfen wurden - zumindest von all jenen Künstlern, die noch am Leben sind. Die Kunstwerke entstehen De Graeve zufolge in enger Zusammenarbeit mit den Bewohnern der jeweiligen Viertel, an die Wand gebracht werden sie allerdings nicht von den Künstlern selbst, sondern von einem Malereibetrieb.

Und nun also auch die Schlümpfe: Papa Schlumpf, Schlaubi Schlumpf, Schlumpfine und sogar ein als Gargamel verkleideter Schlumpf. Alle findet man sie in dem Gemälde, wenn man in dem Durchgang den Blick nach oben richtet. Wer genau hinguckt, sieht sogar einen Pommes essenden Schlumpf. Man darf es wohl als versteckte Liebeserklärung an die von den Belgiern so geliebten Fritten verstehen.

Warum aber dauerte es mehr als 20 Jahre, bis auch diese kleinen Berühmtheiten ihr eigenes Wandgemälde bekommen haben? Darauf hat auch De Graeve keine eindeutige Antwort. Es gebe keine festgeschriebene Regel, welcher Künstler wann welche Wand bekomme. Fest stehe nur: Sie alle bekommen früher oder später ihren Platz. Und die Liste bekannter belgischer Comiczeichnern ist lang und wird immer länger. Willem De Graeve schätzt, dass in Belgien immer noch mindestens 1000 aktive Künstler leben. Es kann also noch dauern, bis das Projekt vollendet ist. Zumal natürlich auch französische Klassiker wie Asterix und Obelix nicht fehlen dürfen.

Doch warum kommen die Schöpfer so vieler bekannter Comics, wie etwa von Lucky Luke, Tim und Struppi, Marsupilami und die Schlümpfe eigentlich allesamt aus Belgien? Auch hier verweist De Graeve wieder auf die Geschichte. Das vergleichsweise kleine Land ist sei seit jeher gespalten. Bis heute manifestiere sich diese innere Zerrissenheit in den drei Amtssprachen des Landes. Im flämischen Teil spricht man niederländisch, in der Wallonie französisch und eine kleine Minderheit spricht deutsch. In welcher Sprache also verfasst man ein Buch, wenn man einen möglichst großen Markt erreichen will?

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Eine Antwort auf diese Frage hätten erst die Comics geliefert, sagt Willem De Graeve. Ohne oder nur mit wenigen Worten seien sie für alle verständlich gewesen. In den Landessprachen hätte sie sonst wohl auch niemand ernst genommen. Am Anfang seien die Bücher ohnehin vor allem für Kinder gedacht gewesen. Das ist heute längst anders: In der Szene spricht man von Comics auch als "die neunte Kunst". Es ist ein Begriff, den der Lucky-Luke-Zeichner Morris geprägt haben soll.

Comicfans, darunter auch viele Erwachsene, gibt es mittlerweile überall auf der Welt. Sogar Philippe, der König von Belgien, habe seinen Amtskollegen Felipe, den König von Spanien, als sie beide noch Prinzen waren, durch das Comics Art Museum geführt. Überhaupt seien nahezu alle Mitglieder des belgischen Königshauses bekennende Comic-Fans, verrät De Graeve. Wie der König von Spanien kommen auch viele andere Begeisterte das ganze Jahr über nach Brüssel. Das Comics Art Museum rangiert unter den Museen der Stadt stets unter den Top 5 - und Brüssel besitzt 115 Museen. Noch besser besucht sind lediglich das Fine Arts Museum und das Parlamentarium. Mehr als 230 000 Menschen haben das Museum 2018 besucht. Eine gute Gelegenheit, die belgische Hauptstadt und ihre Comicszene zu entdecken ist aber nicht nur ein Museumsbesuch. Auch beim Spaziergang durch die Stadt findet man die Straßenkunst zunächst in den Gassen um das Wahrzeichen Manneken Pis herum. Viele Wandgemälde sind aber auch in den Marollen zu sehen, dem ehemaligen Arbeiterviertel der Stadt, in dem sich mittlerweile Bars und Clubs angesiedelt haben. Hier sind beispielsweise Boule & Bill, Blondin und Cirage oder auch Odilon Verjus und sein Assistent Laurent de Boismenu zuhause. Noch nie gehört? Macht nichts, denn selbst für eingefleischte Comicfans dürfte es an so mancher Brüsseler Häuserwand noch Neues zu entdecken geben.

Wer alle der bislang 58 Comics zu Fuß besichtigen will, der sollte einen ganzen Tag einplanen, rät De Graeve. Die Route führt nämlich nicht nur durch das touristische Zentrum der Stadt, sondern auch durch etwas weniger bekannte, aber mindestens genauso schöne Viertel und Ecken von Brüssel. Das ist ein langer Fußmarsch, aber er lohnt sich.

Comics in Brüssel: Das Comics Art Museum bietet zweieinhalbstündige Comic Strip Touren für maximal 25 Personen an. Führungen auf Deutsch sind möglich. Der Tourguide kostet 130 Euro, es lohnt sich also mit einer großen Gruppe zu kommen. Infos unter www.comicscenter.net/en/guided-tours/the-comic-strip-route. Alternativ bekommt man in der Touristeninformation ein Heft mit Erklärungen und einer Stadtkarte, auf der alle Comics eingezeichnet sind.

Comics in Belgien: Im Land widmen sich 2019 drei Museen Comic-Künstlern. Die Fondation Folon in La Hulpe zeigt Werke von Corto Maltese (25. Mai bis 24. November), Tuschelandschaften von Didier Comès sind bis 5. Januar 2020 in der Abtei von Stavelot zu sehen und das Hergé-Museum in Louvain-la-Neuve feiert zehnjähriges Bestehen.

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