Bedrohte Sehenswürdigkeiten:Sind sie noch zu retten?

Die einen sind einfach zu beliebt bei den Menschen, andere geraten bei bewaffneten Konflikten in die Schusslinie: Kultur- und Naturschätze, die Besucher vielleicht bald nicht mehr wiedererkennen.

Von Irene Helmes

8 Bilder

Visitors to the Accademia museum stop to get a closer look at Michelangelo's statue of David

Quelle: Reuters

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Die einen sind einfach zu beliebt bei den Menschen, andere geraten bei bewaffneten Konflikten in die Schusslinie: Kultur- und Naturschätze, die Besucher vielleicht bald nicht mehr wiedererkennen.

David von Michelangelo

Fünf Jahrhunderte im Stehen zu verbringen, einen Großteil davon Wind und Wetter ausgesetzt - das geht in die Gelenke. Am weltberühmten David von Michelangelo zieht die Zeit nur scheinbar spurlos vorbei. Tatsächlich aber altert auch der Mann aus Marmor und versetzt Experten immer wieder in Aufregung. Schon im 19. Jahrhundert wurden winzige Frakturen in den Beinen der Statue entdeckt. Die jüngste Analyse kam im Frühjahr 2014 von einer italienischen Forschergruppe, die vor allem die besondere Körperneigung des David als problematisch beschrieb.

Zum Kippen bringen könnten die Skulptur, die als eines der Meisterwerke der italienischen Kunst überhaupt gilt, in Zukunft neben Erdbeben am Standort Florenz auch die alltägliche Vibration durch den Stadtverkehr und andere Umwelteinflüsse. Andererseits: Wie auf der Website der Galleria dell'Accademia, wo der David seit 1873 ausgestellt ist, trocken beschrieben ist, hat dieser auch schon einen gebrochenen Arm (1527, in Revolutionswirren) und einen abgeschlagenen Zeh (1991, durch "einen Verrückten") überstanden.

Tropischer Regenwald auf Sumatra

Quelle: beptt - Fotolia

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Tropischer Regenwald auf Sumatra

Es zirpt und brummt, faucht und trompetet in Sumatras Regenwäldern. Seltene Vogelarten, Orang-Utans, Tiger, Bären und Elefanten leben dort zwischen Bergen, Wasserfällen und Höhlen. Die zweitgrößte Insel des indonesischen Archipels bietet den höchsten Vulkan des Landes ebenso wie die größten Blumen der Welt, deren Blüten mehr als einen Meter Durchmesser haben.

Doch die drei Nationalparks Gunung Leuser, Kerinchi-Seblat und Bukit Barisan Selatan stehen seit 2011 auf der Roten Liste der bedrohten Welterbestätten der Unesco. Zahlreiche Arten sind durch Rodung, Wilderer und Klimaveränderungen bedroht. In Indonesien - wie in den anderen verbleibenden Regenwaldgebieten der Welt - ist der Interessenkonflikt zwischen kurzfristigem Profit und langfristiger Bewahrung, etwa durch verantwortlichen Ökotourismus, noch nicht gelöst.

Umayyad Moschee in Aleppo, Syrien

Quelle: AFP

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Historische Stätten in Syrien

Nicht einmal der Ansatz einer Schutzzone ist dagegen in Sicht, um das kulturelle Erbe Syriens zu retten. Aleppo, Damaskus, die Kreuzfahrerburg Crac des Chevaliers und weitere Orte stehen seit 2013 auf der Roten Liste der Unesco. Im Bürgerkrieg zwischen dem Assad-Regime und Aufständischen ist neben der Bevölkerung auch die Kultur Opfer unglaublicher Zerstörungswut.

Vom Minarett der Umayyaden-Moschee von Aleppo bleiben nach langen Kämpfen kaum mehr als Trümmer (im Bild eine Aufnahme von April 2013). Schmuggler nutzen das Chaos, um Schätze außer Landes zu schaffen. Vor dem Ausbruch der Kämpfe lockten die Suqs, Gebetsstätten, Burgen und Altstadtgassen Syriens bis zu achteinhalb Millionen Touristen im Jahr an. Nun sind "alle Aspekte von Syriens Kultur unter Beschuss - prächristlich, christlich und muslimisch", wie die UN im März 2014 mahnten. Vieles, was Einheimische und Reisende vor dem Krieg bewunderten, ist jetzt schon unwiederbringlich verloren.

Sumpf in Florida

Quelle: Galyna Andrushko - Fotolia

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Everglades

Würde der "Fluss aus Gras" versiegen, es wäre das Ende eines der vielfältigsten Ökosysteme Amerikas. Die Everglades im Süden Floridas haben unzähligen Hurrikans getrotzt. Doch es sind die Metropole Miami und insgesamt die starke Besiedlung und Nutzung des Umlandes, die den Everglades buchstäblich das Wasser abgegraben und die Luft zum Atmen genommen haben.

Von Menschen verursachte Trockenheit und Verschmutzung haben die Unesco 1993 und ein zweites Mal 2010 dazu veranlasst, die Everglades auf ihre Rote Liste zu setzen. Florida investiert umgekehrt Milliarden in Renaturierungs- und Erhaltungsmaßnahmen - teils mit Erfolg. Das Überleben der besonderen Artenvielfalt wird jedoch auch von anderer Seite bedroht: Seit Jahren dezimieren eingeschleppte Dunkle Tigerpythons (Burmese python) den Bestand vieler endemischer Tierarten. Momentan besuchen mehr als eine Million Menschen pro Jahr allein den Everglades-Nationalpark - was sie künftig dort vorfinden werden, hängt stark von den Erfolgen der Naturschützer ab.

Fresco at the ancient Roman city of Pompeji

Quelle: jiduha - Fotolia

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Pompeji

Ruinen, die ruiniert werden - was am Vesuv passiert, ist beinahe paradox. Millionen Touristen stapfen jährlich bei teils sengender Hitze durch die Ausgrabungen von Pompeji. Die Begeisterung von Reisenden und Einheimischen für die weltberühmte Kulturstätte übertrifft das Engagement für deren Erhalt aber deutlich.

Missmanagement und Vernachlässigung haben in den vergangenen Jahren sogar zu spektakulären Teileinstürzen geführt - 2011 fiel die Gladiatorenschule in sich zusammen, 2012 eine Mauer in der Nähe der Porta di Nola. Dass nun von der EU 105 Millionen Euro investiert werden, hat offenbar wieder neue Komplikationen verursacht. Wie eine neapolitanische Nachrichtenseite meldete, fand im Sommer 2013 eine Razzia auf dem Gelände der Restaurierungsarbeiten statt. Der Verdacht: Die Camorra sei dabei, diese zu infiltrieren. Wer Touristen hat, braucht aber vielleicht gar keine Mafia mehr - einem weiteren Bericht nach wurde im Juni 2014 ein Besucher wegen des Stehlens von Mosaiksteinen festgenommen. Im Haus des Trittolemo, das erst kurz zuvor nach langer Instandsetzung wiedereröffnet worden war.

The Great Mosque of Djenné. Mali. Africa

Quelle: ulldellebre - Fotolia

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Timbuktu

Natur und Mensch bedrohen auch das, was vom goldenen Zeitalter in Timbuktu zeugt. Wo im 15. und 16. Jahrhundert am Rande der Sahara und an der Schnittstelle von Nomadenrouten ein intellektuelles Zentrum des Islam war, ist - noch - einiges von der Größe der damaligen Stadt zu bewundern: Moscheen, Mausoleen, einzigartige Baustrukturen aus Lehm.

Die Wüste breitet sich langsam weiter aus - und rückt auf Timbuktu zu. Den bisher schlimmsten Schlag hat aber die islamistische Gruppierung Ansar Dine der Welterbestätte versetzt. Binnen weniger Monate zerstörte sie 2012 das Mausoleum Sidi Mahmud Ben Amar und weitere Sehenswürdigkeiten, unersetzliche Bücher wurden verbrannt oder gestohlen. Auch im Irak legen derzeit radikale Kämpfer der Gruppe Islamischer Staat Kulturstätten in Schutt und Asche. Seit der Befreiung Timbuktus 2013 wird wieder verstärkt am Erhalt der Stadt gearbeitet. Doch die Mittel sind knapp: Erst im Juli 2014 sagte Mechtild Rössler, stellvertretende Direktorin des Unesco-Welterbe-Zentrums in Paris, der dpa, ihre Organisation habe "nicht mehr die Ressourcen, den armen Ländern dieser Welt beim Erhalt und dem Schutz-Managementplan zu helfen".

Liverpool Albert docks

Quelle: SakhanPhotography - Fotolia

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Historischer Hafen von Liverpool

Anderswo sind weder wachsende Wüsten noch bewaffnete Konflikte nötig, um Welterbe zu gefährden. In Liverpool haben es Architekten und Stadtplaner ganz alleine geschafft, die Unesco zu alarmieren. Wie beim jahrelangen Streit um die Waldschlösschenbrücke in Dresden ist es auch in der nordenglischen Industriestadt ein Bauprojekt, das vielen Sorgen macht.

Die historischen Hafenanlagen, die ein Gefühl dafür vermitteln, welche Bedeutung Liverpool in den vergangenen Jahrhunderten in Bezug auf Handel, Industrie und Seefahrt hatte, könnten laut Kritikern durch das Großvorhaben "Liverpool Waters" dauerhaft verschandelt werden. Wenn gebaut werde wie geplant, dürfte die Hafenstadt ihre charakteristische Skyline und Eigenart verlieren, so die Unesco.

Great Barrier Reef

Quelle: Great Barrier Reef Marine Park Authority/dpa

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Great Barrier Reef

Längst sind die Korallenriffe Mittelpunkt globaler Kampagnen - und das Great Barrier Reef ist das bekannteste unter ihnen. Im Juli 2014 zeigte Greenpeace einen Clownfisch samt Korallen in einem Mixer, um die drohende Zerstörung zu verbildlichen. Der Vorwurf der Umweltschützer: das Vorhaben, in der Region eine riesige Kohlemine zuzulassen, werde katastrophale Folgen haben.

Zugleich werben Touristikunternehmen mit einmaligen Tauch- und Schnorchelgebieten und allen erdenklichen Wassersportarten, Infrastruktur- und Industrieprojekte werden vorangetrieben. Die australische Regierung hat sich immer wieder gegen Vorwürfe gewehrt und auf die Notwendigkeit verwiesen, die Wirtschaft am Laufen zu halten. Die Unesco hat Australien aufgefordert, bis Februar 2015 einen neuen Bericht zur Situation abzuliefern - äußerte sich aber optimistisch zu den aktuellen Entwicklungen. Das Ringen um den Erhalt von Kultur und Natur dauert an, weltweit.

Linktipps: Die Unesco aktualisiert hier immer wieder ihre Rote Liste mit bedrohten Welterbestätten.

Einen Überblick über Gefahren für Naturschätze gibt unter anderem die Organisation WWF.

Tipps für verantwortliches Reisen, um Zielorte nicht selbst zu belasten, hat die Universität Yale hier zusammengestellt.

© SZ.de/mkoh/sekr
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