Bauernhof Losaeter Norwegische Allmende

In Oslo trifft der Mensch auf Natur, zum Beispiel auf dem Stadtbauernhof Losaeter.

(Foto: Clare Keogh/Europakommisjonen)

Ein Bauernhof für alle - mitten in der Stadt - ist Treffpunkt, Lernort und öffentlicher Raum, in dem zusammen gepflanzt, geerntet und gekocht wird. Einmal in der Woche wird an einer langen Tafel zusammen gegessen.

Von Ingrid Brunner

Alles andere als ein Idyll: Das abschüssige Gelände überwölbt einen Tunnel, dessen zwei Belüftungstürme in die Höhe ragen. Von drei Seiten ist es von Straßen umgeben. Kein Bauer, der richtig im Kopf ist, würde auf die Idee kommen, hier einen Hof zu betreiben. Doch um Rentabilität, Ertrag und Rekordernten geht es nicht auf dem Hof Losæter mitten in Oslo, mit Sicht auf die Oper und den Fjord. Anne Beate Hovind, Projektleiterin für die Entwicklung des neuen Hafenviertels der norwegischen Hauptstadt, spricht lieber von einer kulturellen Einrichtung, von Gemeingut und Jedermannsrecht. Jeder darf hier fünf Tage bleiben, ohne eine Erlaubnis einholen zu müssen, darf sich Obst und Gemüse nehmen. Es ist ein urdemokratischer Bauernhof und zugleich eine traditionell skandinavische, vom Gemeinwohl inspirierte Einrichtung. Unterstrichen wird dieser Gedanke noch dadurch, dass auf dem Hof Erde aus allen Regionen des Landes aufgeschüttet und zu einem gemeinsamen Humus vermischt wurde.

"Die Relevanz des Hofes liegt darin, dass hier Wissen vermittelt wird, Gemeinschaft entsteht, ein Verständnis dafür wächst, wie im Jahreskreislauf Pflanzen wachsen und reifen, deren Früchte geerntet werden", sagt Hovind. Jeder ist eingeladen mitzumachen. Junge und erwachsene Städter lernen hier, wie sie selbst einen Garten anlegen können. Oder sie helfen beim Kochen mit. Der Hof ist integraler Bestandteil des Projekts Grüne Hauptstadt. "Wenn wir unsere Einstellung zur Natur nicht ändern, wenn wir die Zusammenhänge nicht begreifen, ist die grüne Wende nicht zu schaffen", sagt Anne Beate Hovind.

Deshalb gibt es hier auch einen hauptamtlichen städtischen Bauern mit Zeitvertrag. "Alles auf den Beeten sollte essbar sein", sagt Andreas Capjon, der Bauer in dieser Sommersaison. Also werden Salat, Rettich, Kräuter, Mais, Bohnen angebaut, aber auch alte Sorten, etwa zweijähriger Roggen, sollen hier vor dem Vergessen bewahrt werden. Während der Erntezeit wird einmal in der Woche zusammen gekocht und an einer langen Tafel im Freien gegessen.

Wenn es regnet, essen die Hobbybauern in der Bäckerei, einem Holzbau in der Form eines umgestürzten norwegischen Rettungsbootes. Täglich frisch bäckt Capjon Brot und Zimtschnecken. Die Bäckerei ist ein Treffpunkt für alle, die eine Idee haben. "Die Leute kommen hierher mit einem Projekt, wir machen es zusammen", sagt der Bauer Andreas Capjon. So entstanden bereits die Ökotoiletten am Hof oder der Komposthaufen. Andere wollten lernen, wie man imkert, oder wie man Regenwürmer züchtet.

Informationen: www.loseter.no/en