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Serie "Reisen ohne Flug":Im Zug nach Moskau, Rom, London

Bahnreise Nachtzug Nightjet Frühstücksservice im Nachtzug von München nach Rom

Auch im Nachtzug, hier von München nach Rom, wird morgens Frühstück serviert.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Freiburger Reiseunternehmen Gleisnost hat sich bereits vor 30 Jahren auf Zugreisen spezialisiert - und kritisiert die Deutsche Bahn auch heute noch.

Klaus Meyer sitzt schon im Zug, bevor seine Reise überhaupt begonnen hat. Also fast. Der Stuhl, auf dem sich der 60-Jährige die Wartezeit vertreibt, stammt aus einem ICE 3: verstellbare Rückenlehne, dunkelblauer Stoffbezug, hellblaues Kopfteil mit aufgesticktem ICE-Logo. Nur, dass Meyer gar nicht in der Bahn sitzt, sondern in einem Reisebüro. Gleisnost heißt das ungewöhnliche Geschäft, das seinen Sitz in Freiburg hat und auf Bahnreisen aller Art spezialisiert ist.

"Ich möchte von Freiburg nach Budapest", erzählt Meyer, der sich schon im Internet über diverse Verkehrsmittel informiert hat: Am schnellsten ginge es, wenn er von Basel aus fliegt, rund 70 Kilometer von Freiburg entfernt. Meyer lacht: "Der Flug würde etwa 40 Euro kosten. So billig wird's mit dem Zug wohl nicht." Aber darum geht es dem reiseerfahrenen Mann auch nicht. Zum einen möchte er die Umwelt schonen. Zum anderen - und das ist der eigentliche Grund - fliegt der Kollege, mit dem er verreist, nicht gern.

Bei Gleisnost gehören solche Anfragen zum Tagesgeschäft. Manche Kunden kommen vorbei, um eine Fahrkarte von Freiburg bis Karlsruhe zu kaufen, andere wollen bis Rom oder Moskau. Der Klimaschutz gehört zu den wichtigsten Verkaufsargumenten des Unternehmens, dicht gefolgt vom Tarif-Dschungel der Deutschen Bahn und ihren internationalen Pendants.

All das spielte 1989, als Gleisnost gegründet wurde, freilich nur eine untergeordnete Rolle. Die Bahn hatte beschlossen, ihren Verkaufsschalter im Freiburger Bahnhof Littenweiler zu schließen - für die gut betuchten Anwohner des Stadtteils ein Affront. In einer Zeit ohne Internet hätten sie für jeden Fahrkartenkauf einen Automaten bedienen oder gleich zum Hauptbahnhof fahren müssen. Der Protest kam prompt.

Siegfried Klausmann betrieb damals eine Mitfahrzentrale. "Für die Bahn waren wir die böse Konkurrenz", sagt der 60-Jährige. Als er mit zwei Freunden aber eine eigene GmbH gründete und gleichzeitig anbot, am Bahnhof Littenweiler einzuziehen, wendete sich das Blatt: Die Bahn stimmte zu. Als erstes entfernten Klausmann und seine Mitstreiter die Trennscheibe im Schalter.

Stattdessen platzierten sie einen Schreibtisch mitten im Warteraum. "Die Leute wollen keinen Antrag auf Fahrtberechtigung stellen", sagt Klausmann. "Sie wollen bedient werden." Zumindest hoffte er das. Viele hätten Wetten darauf abgeschlossen, "dass der Klausmann nach einem Vierteljahr wieder dicht macht".

Es kam anders. Schon im ersten Monat machte das neu gegründete Reisebüro 30 000 D-Mark Umsatz - laut Klausmann mehr als doppelt so viel wie zuvor die Bahn. Vielleicht lag es an den längeren Öffnungszeiten, vielleicht auch am kreativen Namen. In der Sowjetunion hatte Michail Gorbatschow gerade sein Reformprogramm "Glasnost" (Offenheit, Transparenz) auf den Weg gebracht, der Begriff war in aller Munde. "Auch wir wollten offen gegenüber unseren Kunden sein", sagt Klausmann, der Zugfahrten liebt, aber trotzdem kein Problem damit hat, gegen die Deutsche Bahn zu keilen.

Illustration: SZ-Grafik

Serie "Reisen ohne Flug"

Statt voller Flugscham um nicht gemachte Fernreisen zu trauern, stellt die SZ in dieser Serie Alternativen vor. Die Artikel erscheinen in loser Folge auf sz.de/reise sowie im Reiseteil in der Süddeutschen Zeitung, alle veröffentlichten Beiträge finden Sie hier auf der Themenseite.

Den einstigen Unwillen, Auslandstickets zu verkaufen, bezeichnet er als "Kunden-Rauskegelungsprogramm", die aktuellen Milliarden-Investitionen als sinnvoll, aber kurzfristig wenig hilfreich. Schon jetzt seien die Züge oft hoffnungslos überfüllt.

Die Kunden scheint das nicht abzuschrecken. Sie kommen in Strömen zu Gleisnost, die Bahnliebhaber, Berufspendler, Oma-Besucher und Urlaubsfahrer. Drei Filialen besitzt das Reisebüro inzwischen, neben Littenweiler existieren zwei weitere in der Freiburger Innenstadt. Am Hauptsitz, direkt neben Theater und Kino, hängt ein riesiges Foto einer Dampflok, am Leipziger Hauptbahnhof. Wie die dortigen Bahnsteige ist auch der Warteraum bei Gleisnost fast immer gut gefüllt. In Zeiten von Apps und Internet eigentlich ein Wunder. Doch Klausmanns Leute kennen die Tarife so gut, dass sie auch für Strecken innerhalb Deutschlands oft deutlich günstigere Preise anbieten können. Und Fahrten durch mehrere Länder sind per App ohnehin schwierig zu buchen.

"Die Leute rennen uns die Bude ein", sagt Klausmann. 30 Beschäftigte hat sein Unternehmen; der jährliche Umsatz mit Zugfahrkarten betrage 20 Millionen Euro. Mit dem Aufkommen der Fridays-for-Future-Bewegung habe der Andrang nochmals zugenommen. Weil die Kundschaft nicht nur aus Freiburg, sondern aus ganz Deutschland kommt, läuft die Hälfte aller Anfragen telefonisch oder per Online-Formular ab. Das Reisebüro betreibt auf der anderen Straßenseite ein Callcenter.

"Die Leute merken, dass man auch mit dem Bus im Stau stehen kann"

"Zu wenige Kunden waren nie ein Problem", sagt Klausmann. Doch das helfe nichts, wenn die Bahn die Provisionen für verkaufte Tickets kontinuierlich senke oder sich manchmal immer noch als Gegenspieler verstehe. Der Konzern widerspricht: "Das Reisebüro Gleisnost ist kein Wettbewerber, sondern der größte DB-Agentur-Vertriebspartner der Deutschen Bahn", teilt ein Sprecher mit. Man arbeite sehr gut mit dem Reisebüro zusammen, denn dieses zeichne sich "durch eine hohe Fachkompetenz bei Bahnreisen weltweit aus, die von den Kunden sehr geschätzt wird." Den Vorwurf, die Bahn drücke die Provisionen, will der Bahnsprecher nicht kommentieren.

Auch an anderer Stelle musste und muss Gleisnost kämpfen. Neu gegründete Filialen in Himmelreich, Schwenningen und Schallstadt floppten; "Beratungsklau" macht der Firma zunehmend zu schaffen. "Viele lassen sich bei uns beraten und kaufen dann doch online ihr Ticket", sagt Klausmann. "Das nervt kolossal."

Siegried Klausmann, Inhaber von GLeisnost

"Die Leute rennen uns die Bude ein": Siegfried Klausmann, Inhaber und Gründer des auf Bahnreisen spezialisierten Reisebüros "Gleisnost".

(Foto: privat)

Die lange gehypten Fernbusse bereiten ihm hingegen keine Kopfschmerzen. Zwar verkauft auch er entsprechende Fahrkarten. "Der Reiz des Neuen ist für viele aber weg", sagt Klausmann. "Die Leute merken, dass man auch mit dem Bus im Stau stehen kann. Der Markt schrumpft."

Als Flüge und Kreuzfahrten ins Programm kamen, kündigten Mitarbeiter

Die wohl entscheidendste Veränderung durchlief das Unternehmen vor drei Jahren. Der altbekannte Slogan "Reisen statt fliegen" wurde durch "Reisen auf allen Wegen" ersetzt: Seitdem lassen sich bei Gleisnost nicht nur Zug- und Busfahrkarten buchen, sondern auch Flüge und Kreuzfahrten - ein Weg, der innerhalb der Belegschaft bis heute umstritten ist und von manchen als regelrechter Verrat an den Gründungsidealen angesehen wird. "Zwei Mitarbeiter haben deswegen sogar gekündigt", räumt Klausmann ein. "Ein Veganer geht ja auch nicht in die Metzgerei."

Er selbst begründet seinen Sinneswandel wie folgt: "Dass wir Leute vom Fliegen abhalten, indem wir keine Flüge anbieten, das war eine Illusion", sagt Klausmann. "Ich habe da lange Zeit ein Brett vor dem Kopf gehabt." Stattdessen könnten er und sein Team flugwillige Kunden jetzt sogar überreden, vielleicht doch den Zug für eine bestimmte Strecke zu nehmen. "Die Verbindung nach London über Köln ist richtig gut", sagt Klausmann. Auch Paris könne per Bahn bequem erreicht werden. Und deutsche Ziele?

"Wer innerdeutsch fliegt, hat ein Rad ab", platzt es aus dem Bahn-Fan heraus. Gleichwohl würde er ein entsprechendes Ticket trotzdem verkaufen: "Wir missionieren nicht."

Ein bisschen kommt sie dann aber doch durch, seine Leidenschaft für die Schiene. Er schwärmt von den bequemen Nachtzügen, die die österreichische Bahn neuerdings durch Deutschland schickt. Von Schnellzügen, mit denen man sogar Portugal bequem erreichen kann. Und von der zweitägigen Reise im Southwest Chief quer durch die USA, mit frisch gekochtem Essen und Dusche in der eigenen Kabine. Alles Touren, die er selbst schon gemacht hat und bei Gleisnost auch verkauft.

Nur bei einer Route hält sich selbst der eingefleischte Bahn-Liebhaber derzeit zurück: "Die Strecke nach Syrien ist wunderschön; am liebsten würde ich ganz viele Menschen dort hinschicken", sagt Klausmann. "Aber leider lässt das die politische Lage derzeit nicht zu." Doch selbst dafür hat er die passende Alternative parat: "Fahren Sie Zug in Marokko! Das ist auch 'ne ganz tolle Sache."

Beratung: Wer nicht in Freiburg wohnt, kann sich telefonisch beraten lassen (Tel. 0761/205 51 30) oder ein Onlineformular mit den eigenen Reisewünschen ausfüllen. Das Reisebüro ruft dann zurück und verschickt die gewünschten Fahrkarten per Post, gleisnost.de

Gebühren: Eine reine Beratungsgebühr erhebt Gleisnost nicht. Auf gebuchte Tickets wird ein Anteil des Fahrpreises als Service-Entgelt aufgeschlagen. Viele Tickets seien durch die Expertise der Mitarbeiter am Ende trotzdem günstiger als bei einer Buchung über die Bahn-Homepage, beteuert das Reisebüro.

© SZ vom 13.02.2020/kaeb
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