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Bahnreise durch China:In diesen Zug steigen Touristen eigentlich nicht

Steinharte Sitze, überfüllte Waggons und Chinesen, die stundenlang auf Ausländer starren: Warum sich diese Reise von Peking nach Shanghai trotzdem lohnt.

Von Lisa Wazulin

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People carry their belongings toward trains at the main railway station in Guangzhou, Guangdong province, China

Quelle: REUTERS

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Das Abenteuer Holzklasse beginnt vor der Abfahrt: In riesigen Wartehallen sitzen Familien auf Plastiktaschen, randvoll mit Reiseutensilien. Metallgitter halten hunderte Menschen zurück, bis der Zug einfährt. Erst dann stürmt die Masse los - um sich geordnet und zielstrebig auf die Waggons zu verteilen. Plötzlich stehen die Touristen allein am Gleis und der Schaffner muss helfen, damit sie noch rechtzeitig das passende Abteil zum Ticket finden.

Kaum ein westlicher Urlauber steigt in die gemächlichen Personenzüge, auch K-Züge genannt. Auf ihrer Route zwischen Peking und Shanghai halten sie an entlegenen Orten wie dem mittelalterlichen Pingyao und unweit der buddhistischen Höhlenanlage, den Yungang-Grotten. Sie stehen zwar auf der Liste des Weltkulturerbes, liegen aber fernab der Touristenrouten. Viele Chinesen nutzen die günstigen K-Züge, um Verwandte in weit entfernten Provinzen zu besuchen - eine zehnstündige Fahrt kostet nur wenige Euro. Für die Strecke aber sollte man sich mehrere Tage Zeit nehmen.

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Quelle: AFP

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Im Zug selbst sind die Waggons überfüllt und die Polster längst durchgesessen. Oft verkauft die Eisenbahngesellschaft mehr Tickets als es Plätze in der günstigsten "hard seats"-Klasse gibt. Wer stehen muss, bittet Sitzende ganz selbstverständlich im Stundentakt um einen Platztausch, schließlich haben alle Fahrgäste das gleiche für ihr Ticket bezahlt. Was bleibt, sind entnervte Gesichter auf beiden Seiten, enger Körperkontakt auf zu schmalen Sitzbänken und die Sehnsucht nach dem ersten Stopp der Reise: die Wolkengrat-Grotten am Rand der mongolischen Steppe.

In der Holzklasse durch China

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Sechs Stunden dauert die Fahrt ins 300 Kilometer entfernte Datong. Die Stadt ist ein wichtiges Zentrum des Kohlebaus und zählt so viele Einwohner wie Berlin. Die wenigen Touristen, die es hierhin verschlägt, wollen einen der größten buddhistischen Schätze des Landes besichtigen: die Yungang-Grotten.

Denn hier wurde der Buddhismus chinesisch, aus politischem Kalkül: Einer der Wei-Kaiser ließ im 5. Jahrhundert insgesamt 51 000 antike Buddha-Statuen von Mönchen aus der Felswand schlagen. Mit Hilfe der Religion wollte die Wei-Dynastie die ländliche Bevölkerung an sich binden. Deshalb erklärten die Kaiser die Lehre Buddhas zur Staatsreligion und ließen zahlreiche buddhistische Tempel- und Höhlenanlagen bauen, so wie die Wolkengrat-Grotten.

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Schon der Weg zum Weltkulturerbe lässt unwissende Besucher staunen, andere sind etwas weniger ehrfürchtig: Alles nur Schein. Die antik wirkende Tempelanlage ist nämlich kein Original, sondern ein möglichst authentischer Nachbau, in dem heute wieder Mönche der Lehre Buddhas folgen.

Das war nicht immer so. Bereits vor und während der Kulturrevolution Mao Zedongs erlebte der Buddhismus in China seinen Niedergang: Zahlreiche Klöster wurden zerstört, die Ausübung der Religion verboten und die Yungang-Grotten verfielen.

Seit 2001 gehört die Anlage mit ihren 42 Grotten und 252 Nischen zum Unesco-Welterbe, ist gleichzeitig Chinas älteste Sammlung buddhistischer Bildhauerei und bei Einheimischen als Ausflugsziel beliebt. Europäer sind hier kaum zu sehen.

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Die 15 Meter hohen Buddha-Statuen sind historisch wertvoll und noch dazu fotogen: Sie geben nicht nur eine beliebte Kulisse für das Familienalbum ab, sondern auch für Kunst- und Hochzeitsfotos.

Das Erstaunliche an den gigantischen Statuen in den fünf Haupthöhlen der Anlage: Die Figuren stammen aus der frühsten Bauphase des Weltkulturerbes und sind dank regelmäßiger Restaurierung gut erhalten. Ihre Gesichter sind gleichzeitig Porträts der damaligen Kaiser. Damit wollten sich die Herrscher der Wei-Dynastie als lebende Buddhas stilisieren und das Göttliche mit der weltlichen Macht verknüpften. So haben sie ihr Reich zumindest optisch überdauert.

Passengers run to catch a train at a railway station in Hangzhou during the travel rush ahead of the upcoming Spring Festival

Quelle: REUTERS

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Zeit ist auch im Reich der Mitte ein wertvolles Gut: Wer es sich leisten kann, nimmt einen der modernen Hochgeschwindigkeitszüge, die mit 350 Kilometern pro Stunde durchs Land rauschen. Während der gemächlichen Fahrt in einem K-Zug dagegen verwandeln sich die Abteile in kleine Basare: Fahrgäste feilschen lautstark mit Verkäufern um den Preis von Tütensuppen, Kinder rennen schreiend durch die Gänge und Gespräche werden trotz Platztausch einfach über den Köpfen der Mitfahrer fortgeführt.

Unterbrochen wird das Treiben durch die Stopps an entlegenen Bahnhöfen, die keiner vorher ankündigt. Die einzige Orientierung ist die Ankunftszeit auf dem Ticket. Wo sich genau der Zug gerade befindet, das wissen nämlich auch die chinesischen Fahrgäste nicht. Sieben Stunden dauert die Fahrt von den Buddha-Statuen ins mittelalterliche Pingyao, einstige Kaiserstadt aus der Zeit der Ming-Dynastie.

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Die Hektik im Zug ist bei der Ankunft in Pingyao schnell vergessen - die Stadt empfängt Besucher mit dem Charme des alten Chinas: Traditionelle Häuser und rote Laternen säumen die Straßen, die frei von Autos sind.

Beim Durchstreifen der breiten Gassen verzückt nicht nur die Fassade der kaiserlichen Häuser: Weit geöffnete Eingangstüren erlauben Touristen freizügige Einblicke in Hinterhöfe, in denen Einheimische an massiven Holztischen sitzen und Glasnudeln aus Schalen schlürfen. Die Altstadt umgibt eine antike Stadtmauer, die sich durch nur wenige Eingänge betreten lässt.

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Der beliebteste und eigentliche Haupteingang ist ein gewaltiger Glockenturm aus dem 14. Jahrhundert, das Wahrzeichen der Stadt. Wer unter dem massiven Bogen hindurchläuft, glaubt sich plötzlich nicht nur wegen der traditionellen Architektur im mitteralterlichen China wiederzufinden: Im Herzen der Altstadt verkaufen Einwohner traditionelle Waren oder sitzen auf Klappstühlen vor köchelnden Kesseln und wirken dabei wie aus längst vergangener Zeit.

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Vom einstigen Ruhm der Stadt sollen noch immer Waren der Straßenhändler zeugen: Sie verkaufen lange Messer, exotische Tierfelle und kleine Messingstatuen, die wie Antiquitäten aussehen, es wahrscheinlich aber nicht sind. Pingyao selbst war noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein florierendes Finanzzentrum. Anfang des 20. Jahrhunderts musste es die Stellung als Wirtschaftszentrum an Küstenstädte wie Hongkong und Shanghai abgeben und geriet so in Vergessenheit.

Was damals eine Tragödie war, entpuppte sich während der Kulturrevolution Maos als Glücksfall. Die Stadt blieb von den Modernisierungsmaßnahmen der Regierung verschont. Auch deshalb ist es Pingyao gelungen, sein historisches Aussehen zu bewahren. Die quadratische Stadtmauer ist heute die längste, die noch aus der Mingzeit erhalten ist.

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Was genau in den Blechtöpfen vor sich hin dampft, bleibt dem Touristen ohne Mandarin-Kenntnisse verborgen. Das Angebot auf den Straßen der Altstadt ist jedenfalls eher traditionell als modern.

Die Verkäufer am Straßenrand bieten deshalb mit einfachsten Kochutensilien neben gedämpftem Mais und Süßkartoffeln auch Wantan an, gefüllte Teigtaschen, die in einem Dampfbad in Holzkörbchen frisch zubereitet werden.

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Wer den Köstlichkeiten der Straßenverkäufer nicht traut, kann in einem der traditionellen Restaurants wie die einstigen Kaiser dinieren und dabei die Schnitzkunst alter chinesischer Meister bewundern.

Hölzerne Fensterrahmen lenken geschickt den Blick nach draußen, ohne zu sehr ins Innere blicken zu lassen. Balustraden führen auf geschwungenen Holztreppen in blühende Hinterhöfe.

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Zurück im Zug, ist die Ruhe der antiken Kaiserstadt schnell vergessen: Für Abwechslung sorgen Verkäufer, die mit ihrem Bauchladen die Abteile durchstreifen und Suppen, Kaffee oder Tee anbieten - alles in Pulverform und mit heißem Wasser anrührbar. Wasser gibt es gratis aus fest installierten Wasserhähnen in jedem Abteil.

Außer chemischen Köstlichkeiten aus der Tüte gibt es Krimskrams wie blinkende Flummibälle oder Spitzer für Gurken. Kurios sind nicht nur die Waren, sondern auch die Fahrgäste: Ein fülliger Chinese etwa starrt ungeniert seine westlichen Mitfahrer an - und das Stunde um Stunde.

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Den Starrern entkommen Reisende durch ein Upgrade: Die sogenannten Hard- oder Softsleepers sind teurer, aber ihr Geld wert. Und trotzdem gibt es einen Haken: Die Schlafbänke bieten zwar etwas mehr Beinfreiheit und Privatsphäre, aber die oberste Schlafbank zu erreichen, ist eine echte Herausforderung.

Oben angekommen, ist der Rückweg versperrt, denn die anderen Fahrgäste haben sich gleich auf dem Boden ausgebreitet. So bleibt nur die Flucht in einen unruhigen Schlaf bis zum nächsten und letzten Ziel vor Shanghai: Die Stadt Xi'an, Heimat der weltbekannten Terrakotta-Armee.

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Xi'an, Hauptstadt der Provinz Shanxi, ist für Touristen meist nur Mittel zum Zweck: Die Stadt ist Ausgangspunkt für den Besuch eines der bedeutendsten archäologischen Funde des 20. Jahrhunderts, der Terrakotta-Armee.

Errichtet für den ersten chinesischen Kaiser Quin Shihangdi, ist die Grabanlage bekannt für ihre lebensgroßen Soldatenfiguren, die 1974 entdeckt wurden. Diesem Fund hat es die Provinzhauptstadt zu verdanken, dass Zugreisende aus allen Teilen des Landes an ihrem Bahnhof ankommen und selbst die Hochgeschwindigkeitszüge aus Peking und Shanghai hier einen Stopp einlegen.

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Nach der entschleunigten Zugreise durch die entlegene Provinz erscheint das überlaufene Weltkulturerbe plötzlich in einem anderen Licht: Im Vergleich zum verwunschenen Pingyao und den buddhistischen Höhlentempeln wirkt die frühchinesische Grabanlage mit den Besuchermassen und Fotokulissen für Touristen beinahe aufdringlich inszeniert. Und auch die Chinesen selbst verwandeln sich im Trubel der Sehenswürdigkeiten von kuriosen Sitznachbarn in unnahbare Fremde.

Gar zu Besuchern aus einer fernen Galaxie werden chinesische Reisende am Rand der Wüste Gobi - zumindest wenn der ungarische Fotograf Bence Bakonyi das surreal wirkende Treiben aufnimmt.

© SZ.de/kaeb/rus
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