bedeckt München
vgwortpixel

Badekultur in Japan:Sauber blamieren

Wo ist die Dusche? Was ist das für ein Lappen? Und warum muss man sich vor aller Augen waschen? Japanische Bäder bieten viele Fettnäpfchen - zumindest für Ausländer.

Eine Umkleide in Japan und zwei Männer, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Der eine sitzt auf der Holzbank und zieht seine ausgelatschten Schuhe aus. Es kommen vergilbte Socken zum Vorschein, die er zusammen mit seiner ausgebeulten Hose und dem T-Shirt behutsam in einen Plastikkorb legt. Er ist noch recht jung, Mitte 20 vielleicht, sein langes, schwarzes Haar hängt ihm ins Gesicht. Daneben ein älterer Herr mit grauem Haar und akkuraten Scheitel. Der Nadelstreifenanzug hängt bereits im Spind, gerade nestelt er an seinen Manschettenknöpfen herum. Die beiden Männer kennen sich nicht, und sie lassen sich mit dem Umziehen viel Zeit.

Reise-Knigge für Japan

Im Land der Fettnäpfchen

Als ob sie mit ihrer Kleidung auch gleich Scheu und Vorbehalte abgelegt hätten, beginnen die zuvor so schweigsamen Männer miteinander zu reden. Nicht lange, sie wechseln nur ein paar Worte. Gemeinsam gehen sie zum Duschbereich, der durch einen Vorhang von der Umkleidekabine getrennt ist. Der Mann, der eben noch den Anzug trug, zieht den Vorhang zurück und wartet, bis der andere durchgegangen ist. Der Alte lässt dem Jungen den Vortritt. An jedem anderen Ort in Japan gilt stets Alter vor Jugend und nicht umgekehrt.

Die beiden Männer hätten sich auch voreinander verbeugt. Hier aber, im Funaoka Onsen in Kyoto, einem der zahlreichen öffentlichen Bäder des Landes, gelten diese ritualisierten Umgangsformen nicht, die so kennzeichnend sind für die hierarchisch strukturierte Gesellschaft Japans. Wenn Tagelöhner und Vorstandsvorsitzende gemeinsam im heißen Becken sitzen, dann weiß niemand, wer sich draußen in der kalten Realität tiefer zu verbeugen hätte und länger in dieser Position verharren müsste.

Die japanischen Onsen sind dafür bekannt, dass sie die sozialen Unterschiede in der Bevölkerung zumindest für den Zeitraum des Aufenthalts nivellieren. Nackt sind eben doch alle gleicher.

Im Funaoka Onsen ist das nicht anders. Nach Feierabend ist das Bad gut besucht. Am Heißwasserbecken, wo aus Sitzwannen Massagestrahlen schießen, hat sich eine kleine Schlange gebildet. Die Männer warten, bis sie an der Reihe sind. Vorrechte für bestimmte Altersgruppen oder gesellschaftlich höher Gestellte gibt es hier nicht. Jeder bekommt etwa fünf Minuten, dann ist der nächste dran.

Das Funaoka Onsen ist eines der ältesten Bäder Kyotos und liegt versteckt zwischen verwitterten Zweckbauten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Links und rechts neben dem Eingang stehen große Felsbrocken, darüber weist ein rotes Banner mit schwarzen Lettern in japanischer Schrift auf die Einrichtung hin. Die Buchstaben sind riesig und bereits von weitem zu erkennen. Aber was heißt das für einen Ausländer schon.

Onsen jedenfalls, das lernt man schnell, bedeutet wörtlich übersetzt "heiße Quelle". Gebadet wird zwar überall auf der Welt, aber kaum irgendwo so ausgiebig und stilvoll wie in Japan. Das vom Vulkanismus geprägte Land besitzt unzählige heiße Quellen. Das mineral- und schwefelhaltige Wasser quillt quasi aus jeder Pore, egal ob an der Küste im kalten Norden des Landes, in Tokio oder hoch oben in den japanischen Alpen. Es gibt mehr als 3000 Onsen im ganzen Land.

Die heißen Quellen haben nie Pause, und auch viele Onsen sind bis drei Uhr morgens geöffnet, bei fast konkurrenzlos niedrigen Preisen. Vier bis sieben Euro kostet der Eintritt im Schnitt. Oftmals ist er sogar kostenlos. Einen Onsen-Besuch kann sich jeder leisten. Doch trotz all der Gleichstellung und Einebnung sozialer Unterschiede ist der Besuch in einem Onsen stark reglementiert. Es gibt so viele Vorschriften zu beachten, dass man fast nicht anders kann, als sich zu blamieren - vor allem als Gaijin, als Ausländer.

Neue Übelsetzungen

"Lassen Sie die Toiletten im Staat"