Australien Entdeckung eines Entdeckers

Tasmanien: Abel Tasman hat die riesige Insel zwar verpasst, sie wurde aber trotzdem nach ihm benannt.

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Vor 400 Jahren betrat der erste Europäer australischen Boden - er hieß nicht James Cook.

Von Dirk Schäfer

Nach Wochen auf See taucht Land am Horizont auf. Einige Tage folgt der holländische Kapitän Willem Janszoon der Küste, bis Trommelgeräusche die Seeleute an Land locken. Zwölf Männer rudern an das schlammige Ufer und kämpfen sich durch den Urwald bis zu einer Lichtung vor.

Die Trommeln verstummen. Noch bevor die Männer ihre Musketen bereit haben, sind acht von ihnen tot oder liegen im Sterben, die anderen vier retten sich zurück aufs Schiff.

Im Jahr 1606 legt sich Willem Janszoon als erster bekannter Europäer mit den Ureinwohnern eines unbekannten Landes an, nennt die Gestade "Nieu Zelant" und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. 400 Jahre später bauen Niederländer gemeinsam mit Australiern das Schiff des Mannes nach, der heute als Entdecker Australiens gilt, und schippern mit der hölzernen Replik um Janszoons Fund, der sich als riesige Insel entpuppte - Australien.

Pech für Janszoon

Gemeinhin gilt James Cook als Entdecker des Kontinents. Diesen Teil seines Ruhms verdankt der englische Schiffsführer allerdings einer bemerkenswerten Kette aus glaubensgeleiteten Irrtümern, fachmännischem Dilettantismus und glücklich endenden Fehlgriffen.

Janszoons markiert einen der ironischen Höhepunkte. Zwar glaubte der Holländer selbst daran, die lang gesuchte Terra Australis Incognita, das unbekannte Südland, gefunden zu haben, aber niemand sonst.

Nach Janszoons Rückkehr in einen Hafen im damaligen Niederländisch Ost-Indien, heute Indonesien, übernahmen die Holländer Janszoons Fund in ihre Karten - als Teil Neu Guineas. Pech für Janszoon, Glück für Cook, der 170 Jahre später an anderer Stelle landete und mehr Aufsehen erregte.

Und aus heutiger Sicht für noch mehr Ironie sorgte. Anders als Janszoon glaubte Cook nämlich selbst nicht daran, die Terra Australis gefunden zu haben, also suchte er noch eine Weile weiter. Bekanntlich fand er sonst nichts,und eigentlich ist Cook daher der Entdecker der Nicht-Existenz von Terra Australis.

Auch dem gebührt Respekt, denn erst durch Cooks Beweis der Nicht-Existenz an anderem Ort konnte Janszoons Fund schließlich Terra Australis werden.

Verwirrend - und Schuld sind die Griechen. Damit ihr runder Weltenball nicht ins Trudeln gerät, ersinnen hellenische Geographen in der Antike zur bekannten nördlichen Landmasse ein südliches Gegengewicht - Terra Australis Incognita, das unbekannte Südland.

Pythagoras und auch Aristoteles glauben um 600 v. Chr. fest an die südliche Antipode, ohne die Theorie freilich beweisen zu können. Auch der Astronom und Mathematiker Ptolemäus findet rund 500 Jahre später Gefallen an der Idee. Er zeichnet Terra Australis Incognita in eine Karte ein, die Vision bekommt erstmals Gestalt.

Terra Australis Incognita wird Impossibilis

Ein neues Weltbild wischt die Ideen der Griechen bald danach weg. Die neue europäische Sicht kann sich nicht damit abfinden, dass Menschen und Tiere an der Unterseite der Erde - mit den Füßen hängend - existieren können.

Terra Australis Incognita wird Impossibilis, und wenig später macht dann das Christentum auch der runden Erde der Griechen den Garaus. Als die flache Scheibe Stabilität benötigt, kehrt die Idee vom südlichen Gegengewicht zurück, und spätestens seit der ersten Weltumseglung durch den Portugiesen Ferdinand Magellan hat die Erde auch ihre rundliche Form wieder.

Das Suchspiel hat begonnen, und weil es opportun ist, fügen die Europäer ihrer Vorstellung von Terra Australis Gold und Gewürze hinzu und Ureinwohner, die sich von ihnen versklaven lassen. Zahlreiche Seefahrer und Entdecker des 16. und 17. Jahrhunderts treibt die Aussicht auf Reichtum und Ruhm zu jahrelangen Expeditionen.

Sie finden Süd- und Nordamerika, die Küsten Afrikas und Asiens, doch Terra Australis bleibt incognito. Zumindest offiziell. Es gibt ein Indiz in Form einer verrosteten Kanone dafür, dass vor Janszoon portugiesische Seefahrer die Insel entdeckten und betraten.

Davon erfuhr die Welt allerdings nichts. Die beiden Weltmächte Portugal und Spanien hatten den Globus per Vertrag unter sich aufgeteilt, und was die Portugiesen entdeckten, hätte laut Abmachung den Spaniern gehört, also erzählten sie es keinem.

Andere erzählten mehr, als sie wirklich wussten. Magellan verortete das Südland dort, wo heute Feuerland ist, der südlichste Zipfel Argentiniens. Und der Franzose Jean-Baptiste Charles Bouvet de Lozier macht später tief im Süden des Pazifik eine eisbedeckte Insel aus, die er für das Südland hält.

Im dichten Nebel kann Bouvet jedoch nichts weiter erkennen und dreht ab, was ihn nicht hindert, fest an seine Entdeckung zu glauben. James Cook sucht später danach, doch er verzweifelt an Bouvets ungenauen Positionsangaben. Wie alle anderen frühen Herren der sieben Meere hatte Bouvet Schwierigkeiten mit der Navigation.

Ließen sich die Breitengrade zur Positionsbestimmung recht genau ermitteln, waren die Längengrade mehr das Ergebnis von Schätzungen als von gesicherten Berechnungen. Generationen von Schiffsführern kämpften mit falschen Angaben oder vernavigierten sich auf eigene Faust, die Verwirrung ist perfekt.

Erst Cook legte mit der Beobachtung einer seltenen Sternenkonstellation von Tahiti aus den Grundstein für eine genauere Berechnung der Längengrade, doch das war lange nach Bouvet, die miesen Angaben des Franzosen lassen Cook auf seiner zweiten Weltumseglung über Monate erfolglos durch den Südpazifik kreuzen. Zufällig findet man im Jahr 1808 Bouvets Südland wieder - ein Inselchen in der Nähe der Antarktis.

Noch bevor Bouvet auf seine kleine Insel stieß, hatte ein anderer eine größere gefunden. Kurz nach Willem Janszoon will sein Landsmann Dirk Hartog den Weg nach Batavia, heute Jakarta, ab dem Horn von Afrika etwas abkürzen.

Während andere Kapitäne der Küste Afrikas und Indiens folgen, um das Ziel nicht zu verfehlen, segelt Hartog auf den offenen Indischen Ozean. Starke Winde will er finden, die ihn in kurzer Zeit zu seinem Ziel blasen sollen. Die Winde findet Hartog, doch nicht nach Batavia pusten die sein Schiff, sondern zu einer unbewohnten Insel.

Hartog-Island heißt die heute und liegt in einer Bucht mit Namen Shark Bay rund 850 Kilometer nördlich der australischen Westküstenmetropole Perth. Um knapp 2000 Kilometer hatte der Holländer sein Ziel verfehlt. Drei Tage erkundet Hartog die unbekannten Gewässer, dann setzt er Kurs auf Batavia.

Hartogs unerwartete Begegnung findet als Neu Holland Eingang in die Weltkarte, und neugierig geworden, schicken die Niederländer weitere Schiffe. 1622 die Leeuwin, dessen Crew es bis zur südwestlichen Ecke des Kontinents schafft, dem heutigen Kap Leeuwin. Einige Jahre später traut sich Peter Nuyts, das stürmische Eck, an dem Pazifischer und Indischer Ozean aufeinandertreffen, zu umfahren, und folgt der Küste bis zum heutigen Adelaide, dort macht Nuyts kehrt.

Kein Pfefferstrauch weit und breit

Zahlreiche weitere Holländer kommen und gehen und offenbaren neue Ufer. Janszoons Nieu Zelant findet so Anschluss an die Nordküste Neu Hollands, doch bleibt es auf den Karten mit Neu Guinea verbunden. Obendrein erblicken die Holländer keinen Pfefferstrauch weit und breit, nur öde Wüste und Speere werfende Urweinwohner, das Südland kann es nicht sein.

Antonij van Diemen, Gouverneur von Niederländisch Ost-Indien, gibt die Hoffnung nicht auf. 1642 schickt er Abel Tasman los, Neu Holland genauer zu erkunden und Schätze zu finden. Tasman findet weder Schätze noch Neu Holland. Ihm gelingt es als erstem, die riesige Insel vollständig zu umrunden, ohne es zu bemerken.

Weil Tasman zunächst Afrika und erst danach Hartogs Entdeckung ansteuert, verpasst er die riesige Insel. Der Nachwelt erhält sich Tasman trotzdem, weil er nach halber Umrundung auf neues Land stößt. Tasman hat keinen Schimmer, wo er ist, hält die Küste für den Süden Neu Hollands und nennt die Gestade nach seinem Auftraggeber "van Diemens Land", die Engländer machen daraus später Tasmanien.

Wenig später unterbricht Tasman die blinde Zirkelfahrt erneut, als er über weiteres Land stolpert. Tasman hofft, Terra Australis gefunden zu haben, und gibt der Küste nach Janszoons Idee den Namen "Nieu Zelant", obgleich sich Tasman laut seiner Aufzeichnungen nicht sicher ist, ob es sich bei dem Fleck nicht doch um die Westküste Chiles handelt.

Zu genaueren Erkundungen traut sich Tasman aber nicht an Land, denn die Ureinwohner haben ihn und seine Leute mit Giftpfeilen empfangen. Tasman kehrt nach Indonesien zurück und macht die Umrundung komplett.

130 Jahre lang soll Tasmans Nieu Zelant für Spekulationen sorgen, zumal eines nach Tasmans Rückkehr bald sicher ist: Nieu Zelant ist nicht die Westküste Chiles. Diesem Umstand verdankt James Cook gleich mehrere prominente Einträge in die Geschichtsbücher, doch zuvor sorgt ein Landsmann Cooks ebenfalls mehrfach für Furore.

Als erster Engländer betritt 1688 der Freibeuter William Dampier Neu Holland und weil er mit reichlich gekapertem Gold zurück in die Heimat kommt, nimmt die englische Marine seine schillernden Berichte über Neu Holland für bare Münze und finanziert ihm eine zweite Expedition.

Die verläuft weniger glücklich, Dampier entkommt nur knapp einer Katastrophe, und in schlechter Stimmung beschreibt er den Engländern Neu Holland dann als öd und die Einwohner als Vieh in Menschengestalt. Die Berichte beeindrucken nachhaltig, die Engländer verlieren das Interesse. Dampiers Rolle im Suchspiel ist indes noch nicht beendet.

Vorbild für Robinson Crusoe

Mit einer weiteren Tat hinterlässt er unwissend noch tiefere Spuren, indem er seinen Segelmacher Alexander Selkirk im Streit an ein anderes Schiff übergibt, dessen Kapitän setzt dann Selkirk als Meuterer auf einer einsamen Insel aus, auf der Selkirk mehr als vier Jahre überlebt; ausgerechnet von William Dampier wird er gerettet und zurück nach London gebracht, wo der Schriftsteller Daniel Dafoe die Erlebnisse Selkirks in den Roman "Robinson Crusoe" verpackt.

Einer, der den Roman später liest und durch ihn angeblich zur Seefahrt angestiftet wird, ist Matthew Flinders. Der junge Navigator wird Australien als zweiter nach Tasman vollständig - allerdings in voller Absicht - umrunden, ihre Küsten vermessen und die Insel endgültig auf der Weltkarte etablieren.

Nicht zuletzt deshalb findet sich der Name Flinders heute an zahlreichen Stellen Australiens wieder.

Zuerst aber braucht es noch Cook. Ausgeschickt von der englischen Marine soll er Tasmans Nieu Zelant finden und, sollte es Terra Australis sein, für die Krone in Besitz nehmen. Ende 1768 verlässt Cook England und erreicht im folgenden Frühjahr sein erstes Ziel Tahiti.

Hier schafft er die Voraussetzung, die Längengrade genauer zu berechnen und seine Entdeckungen später wieder zu finden. Von Tahiti nimmt Cook Kurs auf Nieu Zelant, doch dreht er der Tasmanschen Entdeckung bald enttäuscht das Heck zu. Nicht ein Kontinent hat sich offenbart, sondern zwei kleine Inseln.

Seit eineinhalb Jahren unterwegs, das Schiff in keinem guten Zustand und die Mannschaft müde, scheint Cooks Suche nach dem Südland vorerst beendet. Laut des Tagebuchs seines Botanikers Joseph Banks hadert Cook allerdings, ob er den längeren Rückweg über den Pazifik oder den kürzeren, wegen starker Winde aber gefährlicheren, in Richtung Afrika antreten soll.

Cook entscheidet sich für die westliche Route, denn auf dem Weg will er noch die andere Tasmansche Entdeckung erreichen - van Diemen's Land. Ein Glücksgriff. Der Wind und die ungenauen Navigationsangaben Tasmans lassen Cook am 19. April 1770 auf die bis dahin unentdeckte Ostküste Neu Hollands stoßen.

Die schippert er ganz hinauf, rammt am heutigen Kap York den Union Jack in den Boden und nimmt alles südlich der Fahnenstange als New South Wales für England in Besitz.

Zum ersten Mal hören die Europäer dann etwas Positives von der Insel, denn der Botaniker Joseph Banks zeigte sich von der üppigen Natur begeistert. Das beeindruckt die englische Marine derart, dass sie New South Wales als geeignet für eine Kolonisierung ansieht. Auch das ein Irrtum.

Als 1788 die ersten Siedler Banks' üppige Natur erreichen, stoßen sie unter einer dünnen Graskrume auf harten Stein - die ersten Neu-Süd-Waliser müssen hungern.

Eigentlich könnte die Kette hier beendet sein, doch noch immer ist das Südland nicht gefunden und New South Wales noch nicht Terra Australis. Mit zwei weiteren Expeditionen im Südpazifik beweist Cook dann die Nicht-Existenz von Terra Australis Incognita an anderem Ort, Bouvets Südland wird ebenfalls entzaubert und als Matthew Flinders mit seinen Karten beweisen kann, dass Neu Holland im Westen und New South Wales im Osten einen neuen Kontinent ergeben, erhält die ungeliebte Insel mangels anderer Kandidaten im Jahr 1817 nach dem antiken Vorbild den Namen Australien.

Die Niederländer meldeten übrigens nie Besitzansprüche auf ihre Entdeckung an, andere dagegen schon. Nach einer Theorie setzten 60000 Jahre vor Janszoon die Vorfahren der australischen Ureinwohner von Indonesien aus über.

Die Landnahme durch die Aborigines wäre damit die erste eines Kontinents in der Geschichte der Menschheit, die vom Meer aus erfolgte. Und das vermutlich mit einfachen Paddelbooten.