bedeckt München 24°

Australien:Auf dem Buschweg

Hitze, Urwald, wilde Tiere: Der Munda Biddi Trail führt Mountainbiker mehr als 1000 Kilometer durch den Südwesten Australiens. Hart, aber jede Mühsal wert.

Die Broschüren lügen. Auf den Deckblättern lächeln Radler auf ebenem Waldweg oder auf Holzbrücken, ein Foto zeigt eine Familie, deren kleine Tochter mit Stützrädern fährt. Die schweißtreibende Wahrheit sieht anders aus: Die Mountainbikes schwimmen im tiefen Kies, schlingern hin und her. Felsbrocken auf dem Weg schütteln uns durch, immer wieder muss man die Räder über umgestürzte Baumstämme wuchten. Zweige klatschen ins Gesicht, Dornbüsche ritzen die Haut. Doch die Fahrt auf dem Munda Biddi Trail ist jede Mühsal wert.

1066 Kilometer lang führt der Munda Biddi durch den Südwesten Australiens, damit ist er einer der längsten Offroad-Radwege der Welt. Sein Name entstammt der Sprache der Noongar, die seit 38 000 Jahren hier leben. Er soll ihnen Tribut zollen, ihre Kultur ehren. Munda bedeutet Wald, Biddi Weg. Der Weg durch den Wald.

Rob Day, 55 Jahre alt, ist einer der wenigen Menschen, die ihn in einem Stück gefahren sind. "Epic 2013" steht auf dem gelben Trikot, das er jeden Morgen überzieht. Es adelt ihn als einen der tapferen 26, die auf der Jungfernfahrt dabei waren. Day sieht nicht aus wie ein Extremsportler. Er trägt eine Hornbrille zum raspelkurzen Haar, hat ein Bäuchlein und schmale Schultern. Aber er ist zäh. Seit 21 Jahren arbeitet er als Priester in einer anglikanischen Gemeinde in Perth - "hartes Pflaster", sagt er. Zum Ausgleich steht er jede Nacht um zwei Uhr auf und radelt 80 Kilometer. "Ich mag Herausforderungen", antwortet Day auf die Frage, warum er den Trail in seiner vollen Länge fahren wollte. Und warum er zuvor schon den ganzen Bibbulmun Track gelaufen ist, in 55 Tagen, mit 24 Kilogramm auf dem Rücken. Der knapp 1000 Kilometer lange Wanderweg ist der Vorläufer des Munda-Biddi-Radweges, er windet sich seit 1979 durch den Waldkorridor von Perth bis an die Südküste: Es ist der Rest des gewaltigen Buschs, der vor der Ankunft der englischen Holzfäller den Südwesten Australiens bedeckte.

Als vor 20 Jahren immer mehr Radler über den Bibbulmun Track donnerten, gab es Ärger mit den Wanderern. Im Jahr 2001 begann die Regierung mit dem Bau eines eigenen Radweges, des Munda Biddi, parallel zum Wanderweg; 2004 eröffnete der Ministerpräsident von Western Australia das nördliche Drittel und versprach, die restliche Strecke bald fertigstellen zu lassen, doch wegen vieler benötigter Brücken wurde es immer teurer. "Das Projekt rutschte auf der Prioritätenliste der Regierung nach unten", sagt Ron Coleman, der acht Jahre Vorsitzender der Munda-Biddi-Stiftung war. Er setzte sich für den Weiterbau ein, trieb das nötige Geld auf. Im April 2013 war der Weg endlich fertig. Er verbindet Waldwege, Forststraßen, Schneisen gegen Waldbrände und stillgelegte Eisenbahntrassen. Dazwischen wurden schmale Singletrails angelegt, auf denen man im Zickzack die Hänge hinabjagt - oder hinaufkeucht.

A western shingleback, Tiliqua rugosa rugosa, stands his ground on the Munda Biddi Trail; the mountain bike tour on the Munda Biddi Trail starts in Mundaring and finishes in Albany, Western Australia.

Achtung Tannenzapfenechse! Doch die ist auf dem Munda Biddi die geringste Gefahr.

(Foto: Nat'l Geographic/Getty Images)

Am Südende geht es aber erst einmal gemächlich los. Vom Städtchen Albany aus, 1826 als erste Sträflingskolonie Westaustraliens gegründet, rollen wir über Weiden, auf denen Schafe und Rinder grasen, vorbei an Bewässerungsbecken und Obstplantagen. "Viele machen den Fehler, im Norden zu starten", sagt Rob Day. "Sie schaffen oft nur drei Tage und geben auf." Denn im nördlichen Drittel ist der Weg steiler, felsig, manchmal von Motorrädern zerfurcht. Wer dagegen im Süden startet, kann sich langsam die Fitness für die schwierigen Etappen antrainieren.

Am entspanntesten sind jene Passagen, auf denen einst Schienen lagen. So wie die letzten 20 Kilometer bis Denmark. Auf einem breiten Schotterweg geht es durch weiß blühende Eukalyptus- und Akazienwälder, die Steigung ist nicht der Rede wert. Früher fuhren hier die Ausflügler mit dem Zug zum Sonntagspicknick nach Denmark. Heute zieht der Touristenort vor allem Städter aus Perth an. Sie trinken sich durch die Weingüter, wandern ein bisschen und legen sich an die Strände. Einer der schönsten liegt am Wegesrand. Greens Pool ist ein natürliches Planschbecken, durch rund gescheuerte Granitfelsen vor der Brandung geschützt. Der Sand ist so weiß, das Wasser so türkis wie in der Südsee - nur frischer, sehr angenehm nach dem Radeln durch die Dünen. In scharfen Kurven schneidet der Weg durch Bäume und Gräser, ohne ausgelegte Plastikmatten würden selbst die breiten Reifen der Mountainbikes im Sand stecken bleiben.

Am Abend erreichen wir das erste Camp. Es heißt Jinung Beigabup und steht auf einer Lichtung zwischen 40 Meter hohen Karri-Bäumen. Mit seinen Blechwänden hat es den Charme einer Garage. Wegen der Termiten und der Waldbrände war es aber unmöglich, Wände aus Holz zu bauen. Die Radler schlafen in zwei Etagen auf Furnierplatten. Es gibt eine Veranda mit Picknicktischen, überdachte Radständer und Kompost-Toiletten, aus Tonnen kann man sich Regenwasser zapfen. Das beste an den Hütten aber ist: Das Übernachten ist gratis. Insgesamt elf dieser Blechschachteln wurden entlang des Munda Biddi aufgestellt. Von Häftlingen. Insgesamt 100 verurteilte Verbrecher haben über fünf Jahre hinweg beim Bau des Wegs mitgearbeitet. Sie rissen Eisenbahnschwellen aus dem Boden, planierten Wege. Am Ende bekamen die Sträflinge, darunter viele Aborigines, ein Zertifikat. "Einer sagte, das sei das erste Zeugnis in seinem Leben", erzählt Coleman. "Ein anderer fuhr nach seiner Entlassung jenen Teil des Wegs ab, an dem er mitgearbeitet hatte." Die Camps stehen im Abstand von jeweils 50 Kilometern zwischen zwei Städtchen. "So viel schafft ein durchschnittlich fitter Radler pro Tag", erklärt Coleman. Klingt nicht nach viel. Aber auf dem Schotter, Waldboden oder Sand zählt jeder Kilometer doppelt. Vor allem, wenn man sich verfährt.

Riding on a single track near Dundalup on a mountain bike tour on the Munda Biddi Trail in Western Australia.

Viel schwieriger ist es, sich auf dem Munda Biddi nicht zu verfahren.

(Foto: Nat'l Geographic/Getty Images)

Zum dritten Mal strampeln wir nun die Teerstraße bergauf, um endlich den Tree Top Walk zu finden. Kein Schild zeigt an, wo es zu dem berühmten Baumwipfelpfad geht. Wir sind der Straße und dem Trail bergab gefolgt, und ohne eine Karte wären wir wahrscheinlich bis zum nächsten Städtchen weitergefahren. Bald soll eine App für den Munda Biddi herauskommen. Bis dahin wäre es Irrsinn, ohne Karte aufzubrechen. Denn immer wieder sucht man an Kreuzungen vergeblich nach einem der gelben Pfosten mit dem blauen Dreieck.

Am Tree Top Walk vorbeizuradeln, wäre schade. 600 Meter lang ist der Rundweg auf Hängebrücken, immer weiter steigen wir hinauf, 40 Meter hoch, bis in die Wipfel der Urzeitbäume. Die Red Tingles sind die ältesten Eukalyptusgewächse, sie gediehen hier schon, als Australien noch Teil von Gondwana war und Dinosaurier zwischen ihnen umherstreiften. Überall sonst sind die Bäume ausgestorben, nur im Valley of the Giants überlebten sie.

Je weiter wir nach Norden kommen, desto niedriger und trockener wird der Wald. Im Unterholz wachsen Farne, zottelige Grasbäume und Banksien mit ihren gelbgrünen Zapfen. Wir überqueren Flüsse und Wasserfälle, deren Wasser schwarz ist vom Tannin der Teebäume. Kängurus flüchten in den Busch, Kakadus fliegen über unsere Köpfe hinweg. Meist sind wir allein. Abgesehen von den Fliegen.

Sobald wir langsamer als 15 Stundenkilometer radeln, stürzen sie sich auf uns. Sie surren um die Ohren, landen auf der Lippe, kriechen in die Nasenlöcher. Man kann pausenlos mit der Hand vor dem Gesicht wedeln oder es wie Rob Day machen und sich in Gleichmut üben. Oder man kauft sich ein Fliegennetz und zieht es unter den Helm. Damit sieht man aus wie ein radelnder Imker, aber es hilft.

Die Städtchen am Weg heißen Nannup, Manjimup, Dwellingup. Das "up" steht für eine Wasserstelle. Ein paar Läden an der Hauptstraße, dazu ein Hotel, das manchmal zugleich das einzige Pub und Restaurant ist, dahinter niedrige Wohnhäuser, mehr ist von vielen der alten Holzfällersiedlungen nicht geblieben. "Das Land stirbt", sagt Day. Die Jungen ziehen nach Perth, um auf die Schule oder Universität zu gehen, nur wenige kehren zurück. In den Obstplantagen um Donnybrook pflücken heute Backpacker aus aller Welt die Erdbeeren und Kirschen.

Als die Holzfäller aus Donnelly River wegzogen, wurde der Außenposten im Busch zuerst ein Camp für Schulkinder. Jetzt wohnen Urlauber in den pastellfarbenen Hütten, die verstreut zwischen den Karri-Bäumen stehen. Die Einrichtung sieht aus wie in den Fünfzigerjahren: ein rußiger Holzofen in der Küche, ein altes Ehebett im Zimmer. Es gibt eine Filmhütte, in der Reihen zerschlissener Sofas vor einem Fernseher stehen. Kängurus und Emus hüpfen und staksen auf die Gäste zu, zahm von Jahren des Gefüttertwerdens.

Im Camp von Jarrahwood steht Ivo Rosenhövel, ein Abiturient aus Kassel. Er ist einer der wenigen Ausländer, die auf dem Trail unterwegs sind. Denn noch gibt es weder Guides noch Veranstalter, die Fahrten zu festen Terminen anbieten. Und in den meisten Reiseführern sucht man den Munda Biddi vergeblich. Rosenhövel kam kurz zuvor mit einem Work-and-Travel-Visum nach Australien. In Perth kaufte er sich ein gebrauchtes Mountainbike für 90 Dollar, dann fuhr er mit dem Bus nach Albany und radelte los. Seinen Rucksack hat er auf ein Holzbrett quer über den Gepäckträger geschnallt. Die Singletrails, eigentlich der Höhepunkt für viele Mountainbiker, muss er umfahren. "Mir geht es nicht darum, den Munda Biddi zu machen", sagt Rosenhövel. "Für mich ist das einfach die billigste Art, das Land zu sehen."