Süddeutsche Zeitung

Australien:Angeln in der Wüste

Krater, Bars und staubige Pisten: Wer auf der Spur des Goldes durch Westaustralien reist, muss sich auf skurrile Begegnung gefasst machen.

Madam Carmel hat keinen Nachnamen und kein Alter. Sie ist so zeitlos wie das Geschäft, das sie betreibt. Mit leiser Stimme und der Intonation des englischen Hochadels umreißt die zierliche Dame ihr Metier. Sie betreibt das Questa Casa, das älteste Bordell Australiens, im Outback, in der Goldminenstadt Kalgoorlie. Ihre Kunden sind schwer tätowierte Minenarbeiter mit breitem Aussie-Slang. Sie fahren in Zwölf-Stunden-Schichten Riesen-Lastwagen, beladen mit 220 Tonnen Fels, und sprengen jede Woche so gewaltige Löcher neben Kalgoorlie, dass in dem 30 000-Einwohner Städtchen die Tassen aus den Regalen hüpfen. Hier dehnt sich, wie eine riesige Wunde in der rostroten Erde Westaustraliens, die Super Pit aus, die größte Tagebau-Goldmine in Down Under. Mehr als 60 Kilo Gold werden daraus täglich gefördert.

"Ganz Kalgoorlie lebt vom Bergbau, und wir von den Männern, die hier schuften", sagt Madam Carmel. Wenn die Nacht kommt und die Lichter des Questa Casa angehen, erstrahlt das Etablissement in sanftem Rosa. Ein halbes Dutzend schmaler Türen in der Hay Street öffnet sich, hinter jeder bietet ein Mädchen seine Dienste an. Madam Carmel, die das Bordell vor gut 20 Jahren über eine Zeitungsannonce erworben hat, legt größten Wert auf gesitteten Ablauf. Sie achtet auf das Wohl ihrer Mädchen und führt ihr Haus wie vor mehr als 100 Jahren üblich. Damals entstand Kalgoorlie, und mit der Siedlung begann der Aufstieg der Eastern Goldfields.

1893 hatte der Ire Paddy Hannan knapp 600 Kilometer östlich der Hafenstadt Perth Gold gefunden. Wie eine Heuschreckenplage fielen Zehntausende Glücksritter, Männer wie Frauen, aus ganz Australien und darüber hinaus in die Leere des Outbacks ein, zu Fuß, zu Pferd, auf dem Fahrrad. In wenigen Jahren kehrten sie mit Hacken, Schaufeln und Dynamit das Unterste zuoberst und durchlöcherten das Gebiet von der Größe Griechenlands mit ihren Schächten und Stollen. Und obwohl der Boom der Gründerjahre längst passé ist, von vielen Siedlungen nur Ruinen blieben und von den Helden jener Zeit nur noch Messingtafeln, ist der Ruf des Goldes geblieben, und mit ihm sind es die Geschichten einer ganzen Epoche. Sie werden erzählt im Handbuch des Golden Quest Discovery Trail (GQDT), einem Band, der den Goldsuchern folgt, aufwendig gestaltet und bebildert ist und von zwei Audio-CDs begleitet wird, auf denen Zeitzeugen des Goldrausches von ihren Erlebnissen berichten: von Liebe und Tod, hartem Alltag und zügellosen Festen, alles als kleine Lesungen und Hörspiele aus historischen Notizen zusammengetragen. Jedem Reisenden, der sich aufmacht, der Fährte des Goldes zu folgen, wird der Führer als ideale Begleitung ans Herz gelegt.

"Was kann ich dir bringen, Baby?", fragt Dee. Dass Dee Dee ist, wird klar, als sie sich weit über den Tresen beugt. Enge Shorts, roter BH, wenig mehr - sie ist die "Skimpy des Tages", draußen am White House steht es angeschlagen. Skimpys, knapp bekleidete Mädchen, sind eine Erfindung des westaustralischen Outback, historisch gesehen die Light-Version von Madam Carmels Questa-Casa-Damen. Wer jetzt stottert, wird zum Gespött der Männer an der Theke. Ein cooles: "Beer, Honey" ist die korrekte Antwort. Dann wird man nicht mehr angeschaut, als sei man direkt aus dem Touristenbus gestolpert. Dee bedient wie die anderen Mädchen hinterm Tresen des "Weißen Hauses", einer von zwei Kneipen in Leonora, doch nur sie im Outfit eines Saloon-Girls. Sie ist der Magnet, der die Arbeiter der Gwalia-Mine gleich um die Ecke anziehen soll. Wer Dee ruft, will etwas mehr sehen und zahlen, das Trinkgeld wandert direkt in ihren Ausschnitt.

Früher verjubelten viele Goldgräber ihre gerade erst gefundenen Nuggets in den Armen von Barmädchen. Auch heute haben Minenarbeiter kaum eine Chance, ihre hohen Löhne sinnvoll auszugeben, schon gar nicht in Leonora, einem Kaff im Norden der Goldfelder. Sie werden eingeflogen, ackern vier Wochen durch und verschwinden wieder, genau wie die Skimpys, die von Agenturen vermietet werden, von Ort zu Ort, von Pub zu Pub ziehen und nach Perth zurückkehren. Ihr Aussehen ist ihr Kapital, ihre Goldmine.

Die wichtigsten Orte von einst sind heute Geisterstädte. Aber gegraben wird immer noch

In Leonora, nach der Hälfte der fast 1000 Kilometer langen Entdeckungsreise, hat man bereits einen guten Eindruck davon, wie 120 Jahre Goldjagd Land und Leute geprägt haben. Denn obwohl der erste Rausch Anfang der 1940er-Jahre vorbei war, ist die Magie geblieben. Sie ist nur nicht mehr so offensichtlich. Bis auf Kalgoorlie mögen die Boomtowns von damals alle zu Nestern geschrumpft sein: Coolgardie, dessen breite Hauptstraße auch tagsüber so leer ist, als versteckten sich die Leute vor einem Showdown verfeindeter Banden; Menzies, Kookynie, Laverton, Ora Banda, die mit Einwohnerzahlen zwischen 20 und 170 an der kritischen Grenze zum Überleben stehen. Doch schon hinter Coolgardie, auf der makellos planierten Erdpiste nach Norden, kommen einem die Road Trains entgegen, Zug-lange Lastwagen mit Erzen, Ersatzteilen; Tanker mit drei Anhängern, 50 Meter lang. Da geht es an Kununalling vorbei, einst mit 500 Goldgräbern, Hotels und eigenem Strafgericht ein Zentrum des Booms - heute mit nicht mehr als den Grundmauern des letzten Hauses und einer Erinnerungsplakette. Doch gleich dahinter tauchen Querpisten auf, mit Schildern groß wie Handballtore: Gefahr, aktives Minengelände, Zutritt verboten. Überall entlang der Strecke durch die Eastern Goldfields wird davor gewarnt. Moderne Minen fördern Gold, Nickel, Coltan. Sie liegen irgendwo im Hinterland mit eigenen Siedlungen und Kraftwerken, die auf- und wieder abgebaut werden, sobald sich die Ausbeute nicht mehr lohnt.

Nach kurzer Zeit erkennt auch der Fremde die Zeichen. Westaustraliens Outback ist eine flache Savannenlandschaft: schlanke Eukalyptusbäume über Mulgabüschen und Spinifexgras, das die rote Erde sprenkelt, dazu Salzseen und Senken, in denen sich Regenwasser sammelt. Seltsam künstliche Höhenzüge, abgeflacht und teils kilometerlang, sind fast immer Abraum der Minen, dahinter tiefe Löcher, aus denen Bulldozer das Erz geschaufelt haben.

"Minengesellschaften haben absolute Priorität", sagt Laurinda Hill, "finden sie etwas, dürfen sie machen, was sie wollen. Sie sperren ganze Gebiete ab, wir können dann nicht mehr hin." Laurinda Hill, eine kräftige Frau in den Zwanzigern, lebt in Laverton. Die Siedlung ist der letzte Außenposten der Zivilisation vor dem zentralen Outback, das sich über 2000 Kilometer nach Osten fortsetzt. Sie freut sich über die Reisenden auf dem Gold-Trail, Tourismus ist die große Hoffnung der Region. Laurinda kümmert sich um das schicke Besucherzentrum und die Kunstgalerie, alles vom Staat bezahlt, der auch die Hälfte der Bewohner Lavertons beschäftigt. Laurinda zeigt Outbackvideos, schenkt Cappuccino aus, verkauft Nippes ebenso wie Bilder, die Aborigines in abgelegenen Gemeinden malen und hier verkaufen dürfen. Die Ureinwohner sind die großen Verlierer der Goldförderung, damals wie heute. Ihr Leben wird vom Staat subventioniert. Ihnen, die ihr Land bis heute für heilig und unantastbar halten, wird so ihr Stillhalten beim Raubbau abgekauft. Man bekommt sie kaum zu Gesicht.

Andere müssen auf den eigenen Geschäftssinn bauen. Kiri Lucas, Anfang 30, machte mit ihrer Patchwork-Familie aus acht Kindern und dem dritten Ehemann aus ihrem Ora Banda Inn eine Kultkneipe. Abenteurer pilgern seitdem ebenso zu ihr wie Hochzeitsreisende und Backpacker. Justin Lee nennt sein neues Café in Menzies augenzwinkernd "erreichbares Outback". Drinnen steht ein halbes Dutzend Leute für Kaffee und Kuchen an, vermutlich die gesamte Bevölkerung des verschlafenen Ortes. Gegenüber döst Bev Love, eine grantige Endsechzigerin, hinter der Theke ihres Menzies Hotels und schreckt hoch, wenn sich mal jemand zu ihr verirrt.

Eine weitere Institution der Eastern Goldfields, das Grand Hotel in Kookynie, hat auch schon bessere Zeiten gesehen. In dem Kaff beherbergen Kevin und Margaret Pusey Touristen und Trucker. Hinten liegen die Zimmer mit Gemeinschaftsdusche, vorne erschlägt einen die Bar, vollgepackt mit allem, was sich in 25 Jahren als Outback-Wirt so angesammelt hat. Margaret erinnert in ihrer unvermuteten Eleganz an Madam Carmel aus Kalgoorlie, ihr Mann an den Frontmann der Heavy-Metal-Band Metallica; hinterm Haus stehen seine beiden blank polierten Harleys. Ältere Leute wie dieses Ehepaar wollen oft nur noch weg und bieten ihre Hotels zum Verkauf an. Junge wie Kiri und Justin setzen auf einen Erfolg des Goldsucher-Trails.

Reiseinformation

Anreise: Qantas und Emirates fliegen ab Deutschland hin und zurück ab ca. 1000 Euro nach Perth. Von dort fliegt QantasLink nach Kalgoorlie ab 135 Euro.

Alternative: Mietwagen ab Perth, ca. 600 Kilometer.

Mietwagen: 4x4-Offroad-Ausstattung empfehlenswert, eine Woche ca. 830 Euro.

Unterkunft: Kalgoorlie: Ibis Styles, modern, bequem, zentral gelegen, www.ibis.com. Ora Banda: Historical Inn, einfache Backpacker-Herberge, www.orabanda.com.au. Gwalia/Leonora: Hoover House, stilvolle B&B-Unterkunft im historischen Gebäude, www.gwalia.org.au.

Weiter Auskünfte: Der Golden Quest Discovery Trail (GQDT) im Internet: www.goldenquesttrail.com. Western Australia: www.westernaustralia.com.

Allen gemeinsam ist, dass sie in ihrer Freizeit selbst nach Gold suchen. "Jeder hat hier sein Pachtgelände", erklärt die Barbesitzerin Kiri Lucas - und einen modernen Metalldetektor, wie er in Kalgoorlie in Dutzenden Läden verkauft wird. Damit ziehen sie los, tasten den in Quadranten eingeteilten Boden systematisch ab, erst die Oberfläche, dann Schicht für Schicht darunter, bis zu einem Meter tief. "Man braucht das Naturell eines Anglers", sagt Kiri, endlose Geduld. Sie zeigt ein paar Nuggets, die sie im Lauf der Jahre aus der Erde gekratzt hat. Laurinda aus Laverton kennt sogar noch einen verschrobenen Kauz, der vom Goldsuchen lebt. "Wenn er sich mit seinem Zelt aufmacht", sagt sie, "bleibt er wochenlang verschwunden."

Ob die Zukunft für sie glänzend oder matt sein wird, bleibt offen. Die Typen jedenfalls, die das Land hervorgebracht hat, sind allein schon die Reise zu den Goldfeldern wert. Und alle erinnern sich wohl auch an einen Mann, dessen kometenhafter Aufstieg hier begann: Bevor Herbert Hoover der mächtigste Mann seiner Zeit wurde, war er deren reichster. 1898 ließ der eingewanderte Ingenieur und spätere 31. Präsident der USA seine Residenz an der Gwalia-Mine im Norden der Eastern Goldfields errichten, wenige Minuten von Leonora entfernt, wo die Kneipe White House an ihn erinnert.

Hoovers Bungalow mit Wellblechdach und großer Veranda ist heute eine Pension. Zeugnisse von Aufstieg und Niedergang finden sich im Museum neben Hoovers Villa: hölzerne Bohrtürme und Dampfwinden, mit denen die Männer 1500 Meter tief im Boden verschwanden; rostende Erzloren, Walzen, Kutschen. Pracht und Elend: hier die nach Möbelpolitur duftenden Gemächer des Tycoons, dort die in Sichtweite liegenden Wellblechhütten der alten Minensiedlung. Damals wurden ganze Landstriche abgeholzt, um die Maschinen der Goldsucher zu befeuern; heute reicht der Krater der Gwalia-Goldmine bis zum Zaun des Hoover House, das nur der Denkmalschutz davor bewahrt, in die Tiefe gerissen zu werden. Sehnsüchte und Qualen der Arbeiter, die nach einem eiskalten Hannan-Bier lechzten und mit der Schrotflinte das Warnschild vor Geschlechtskrankheiten zersiebten.

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Quelle:
SZ vom 14.04.2016
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