Ausstellung Oh, Madeleine

Schöne Stunden mit Picasso: In Basel sind derzeit zwei Ausstellungen zu sehen, die sich mit der frühen Schaffensphase des Künstlers und der Begründung des Kubismus beschäftigen.

Von Katharina Wetzel

Blaue Stunden: Die Freundin Madeleine nahm in der Entwicklung Picassos eine bedeutende Stellung ein. Sie gilt als Auslöser für den Übergang in die Rosa Periode mit mehr Farbigkeit. "Femme en chemise" ("Frau im Hemd"), lautet der Titel des Gemäldes von 1905.

(Foto: Tate, London 2018, VG Bildkunst, Bonn 2019)

Für Kunstliebhaber ist es die Destination des Jahres. Allein 250 000 Besucher haben bereits die Ausstellung "Der junge Picasso" in der Fondation Beyeler in Riehen im Kanton Basel gesehen. Wegen des großen Interesses wurde die Schau bis zum 16. Juni verlängert. Viele der 75 Exponate zählen zu den wertvollsten Kunstwerken weltweit. Vier Milliarden Dollar beträgt der Versicherungswert. Es ist das bisher aufwendigste und kostspieligste Projekt des Museums. Als wäre das nicht schon genug, gibt es noch einen weiteren Grund für eine Reise in die Schweiz. Auch das Kunstmuseum Basel zeigt Werke von Picasso, Georges Braque und anderen namhaften Künstlern. Die Ausstellung "Kosmos Kubismus" knüpft thematisch nahtlos an die Schau in Riehen an und bietet eine einmalige Gelegenheit, die Innovationskraft des Ausnahmekünstlers des 20. Jahrhunderts besser zu verstehen.

An Selbstbewusstsein fehlte es dem jungen Pablo Ruiz Picasso nicht, als er 1901 von Madrid aus immer wieder nach Paris reiste. Das Studium an der Königlichen Akademie von San Fernando in Madrid hatte er schon nach ein paar Monaten aufgegeben. Was sollte einer wie er dort auch noch lernen? Einer, der mit sieben Jahren von seinem Vater den ersten Zeichenunterricht erhielt, mit 20 schon durch einen sehr persönlichen Stil auffiel und von sich selbst sagte: "Ich wollte Maler werden und bin Picasso geworden." Kurzerhand nahm er den Nachnamen seiner Mutter an und signierte fortan mit Picasso, eine Art Abnabelung von seinem Vater.

"Ich wollte Maler werden und bin Picasso geworden."

Die Künstler Vincent Van Gogh und Toulouse-Lautrec beeinflussen den jungen, umtriebigen und sensiblen Künstler, der sich neu erfinden will. Immer wieder reist er nach Paris. Als sich sein Freund Carles Casagemas aus Liebeskummer umbringt, verarbeitet er dies in seinen Werken. Die blaue Periode beginnt. Der Tod, die Einsamkeit und das Elend, das Picasso im Pariser Gefängnis-Krankenhaus Saint-Lazare sieht, inspirieren ihn. Auf seinen Bildern zeigt er marginalisierte Figuren, Straßenkünstler, Prostituierte, Alkoholikerinnen, mit gekrümmten Körpern und gesenktem Blick. Blaue Töne verleihen den Porträts Ausdruck. "Im Zeitraum eines Jahres durchlebte Picasso seine Malerei, nass und blau wie die feuchten Tiefen des Abgrunds und voller Mitleid", kommentierte der mit ihm befreundete Dichter Guillaume Apollinaire 1905 in einem Artikel rückblickend und prägte den Begriff der Blauen Periode.

Die Nähe zu Prostituierten lebt er aus als junger Künstler. Das Rotlichtmilieu ist eine Inspirationsquelle. "Picasso blickt auf die Menschen am Rande der Gesellschaft", sagt Kurator Raphaël Bouvier beim Rundgang durch die eindrucksvolle Schau. "Picasso war nie verkannt", erklärt Bouvier. Doch die blauen, melancholischen Bilder verkauften sich damals nicht gut. Manche übermalt er, um Kosten zu sparen. Da Paris als Kunstmetropole teuer ist, zieht er zurück zu seinen Eltern nach Barcelona.

"Mit 26 hat er die moderne Kunst auf den Kopf gestellt", sagt Kurator Bouvier

Ständig ist er auf der Suche nach Neuem. Beim Betrachten der Gemälde und Skulpturen aus den Jahren von 1901 bis 1906 wird der obsessive Drang des Künstlers deutlich: "In sechs Jahren hat Picasso mehr als 500 Bilder gemalt. Das ist mehr als andere in ihrem ganzen Leben malen", sagt Bouvier. Als Picasso 1904 nach Paris zurückkehrt, verliebt er sich in Madeleine. Sie ist von Sommer 1904 bis Anfang 1905 seine Geliebte. Und sie bringt die Farbe zurück in seine Bilder. In dem Porträt "Frau im Hemd" von 1905 heben sich ihr Profil und Oberkörper von dem blauen Hintergrund in Rosa- und Ockertönen ab. Nach dem Modell ihres extrem zarten Körpers entstehen weitere Werke der sogenannten Rosa Periode. "Mit 26 hat er die moderne Kunst auf den Kopf gestellt und revolutioniert", sagt Bouvier und ergänzt: "Ob Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen oder Druckgrafiken - in allem wird er gleich ein Meister seines Fachs." Von Madeleine und auch von den zarten Figuren aus der Blauen und Rosa Periode verabschiedet sich Picasso wieder, die Modelle werden kräftiger und starrer, die Gesichter maskenhafter. Hier kündigt sich schon die neue Formkunst des Kubismus an, die Picasso zusammen mit Georges Braque einläutet.

In der wunderbaren Ausstellung im Kunstmuseum sind 130 Werke (1907 bis 1917) dieser Kunstrichtung zu sehen. Zerstückelte Landschaften in Grün-, Grau-, und Ockertönen, abstrakte Ansichten von Paris, Collagen und Stillleben mit Alltagsgegenständen zeigen wieder ein ganz neues Spiel mit Formen und die revolutionäre Kraft der Künstler.

Ausstellungen

Die Ausstellung Der junge Picasso. Blaue und Rosa Periode läuft bis zum 16. Juni 2019 in der Fondation Beyeler. Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 20 Uhr; das Ticket kostet 30 Franken, ermäßigt 25 / 15. Für Kinder unter 16 Jahren ist der Eintritt kostenlos, www.fondationbeyeler.ch

Das Kunstmuseum Basel zeigt die Ausstellung Kosmos Kubismus. Von Picasso bis Léger bis zum 4. August 2019. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr. Ticketpreis 26 Franken, ermäßigt 16 / 8. Für Kinder unter 13 Jahren ist der Eintritt kostenlos. www.kunstmuseumbasel.ch

Hinweis der Redaktion: Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.