Ausflugs-Tipps für New York:Der Jersey-Hipster trägt nicht Jutebeutel, sondern Windeltasche

So heißt heute die südlichste Spitze des Liberty State Parks - im Ersten Weltkrieg war Black Tom Island tatsächlich eine kleine Insel zwischen New Jersey und Liberty Island. Hier bunkerten die eigentlich neutralen Vereinigten Staaten jene Munitionsvorräte, die sie an die Briten und Franzosen verkauften. Davon bekamen schließlich auch die Deutschen Wind und entsandten Spione in Richtung New York. In der Nacht des 30. Juli 1916 brachten Kurt Jahnke und Lothar Witzke - zwei deutsche Agenten, die sich als Wachmänner in das Depot eingeschleust hatten - mehrere Bomben zur Explosion. Die Detonation war so heftig, dass sie einem Erdbeben der Stärke 5,5 glich - und Black Tom Island von der Landkarte verschwinden ließ. Die Flamme der nahegelegenen Freiheitsstatue wurde bei dem Anschlag so schwer beschädigt, dass sie bis heute nicht begehbar ist.

Ein Blick von hinten auf die Lady Liberty? Klingt unspektakulär, ist aber geschichtsträchtig.

Fluss: Fährt man mit dem Path Train, der Manhattan mit New Jersey verbindet, bis zur Haltestelle Hoboken, fällt eines sofort auf: Es ist nichts los - im besten Sinne. Es gibt keine hupenden Taxis und keinen Baulärm wie in Manhattan. Es donnern keine 40-Tonner an einem vorbei wie in entlegeneren Vierteln Brooklyns. An der Uferpromenade, dem Hudson River Waterfront Walkway, hört man vor allem das Schnaufen der Jogger, dann und wann spaziert eine Gruppe Kindergartenkinder vorbei. Hoboken wird die größte Hipster-Dichte jenseits des Hudson Rivers nachgesagt. Allerdings trägt der Jersey-Hipster nicht mehr Jutebeutel, sondern Windeltasche. Weil die Mieten hier günstiger sind, zieht es viele junge Paare mit Kind über den Fluss. In Hoboken können sie sich ein pittoreskes Backsteinhäuschen leisten und dazu einen Familienwagen, der so wuchtig ist, dass sich damit das Häuschen plattmachen ließe, falls es am Ende doch zu spießig ist.

Die Gentrifizierung der Großstadt wirkt in Jersey City nah und fern zugleich. So wie Manhattan selbst. Die Uferpromenade ist der perfekte Ort, um in aller Ruhe Selfies vor der beeindruckenden Skyline-Kulisse zu schießen - oder einfach mal abzuschalten vom anstrengenden Städtetrip. Zum Beispiel im J. Owen Grundy Park, südlich des Walkways. Der Park ist eigentlich ein großzügiger Holzsteg, gelegen zwischen dem Katyn-Denkmal und der Colgate-Uhr. Diese Kontraste, that's America!, und hier lässt sich New York einfach nur genießen. So nah und doch so fern. Wie sang einst Reinhard Mey im Lied "Über den Wolken"? "Bis hier hör' ich die Motoren." In Jersey City sind es die Motoren der Rundflughelikopter über New York.

Genuss: Die New York Times versetzte jüngst sämtliche Pizzabäcker New Yorks in Aufruhr - und alles nur wegen eines Artikels, der fragte: "Is New York's Best Pizza in New Jersey?" Skandalös, revolutionär, aber auch wahr? "Razza" heißt das italienische Restaurant, das den Gastro-Kritiker der renommierten Zeitung zu seiner provokanten These verleitete. Die sorgt zumindest schon mal für ein volles Haus: Um 17.30 Uhr öffnet das "Razza", um 17.34 Uhr ist schon kein Tisch mehr zu bekommen. Wartezeit für eine "Pizza Panna" zum Mitnehmen: eine Stunde. Kosten: 18 Dollar (plus Tax und Trinkgeld). Einmal einen echten New Yorker Hype mitgemacht haben: unbezahlbar. Da ist es dann auch fast egal, dass sich als Europäer eher keine kulinarische Ekstase einstellen mag. Die Steinofenpizza mit Rucola, Parmaschinken und frischem Mozzarella ist sehr gut. Kein Aber - aber auch kein Superlativ.

Wer das Asiatische dem Italienischen vorzieht, ist in Little Manila bestens aufgehoben. Etwa sieben Prozent der Einwohner von Jersey City haben Wurzeln auf den Philippinen, viele von ihnen haben sich entlang der Newark Avenue niedergelassen. Im "Philippine Bread House" gibt es beispielsweise "Ensaymada", süße Hefeteilchen mit geriebenem Käse. Das mag gewöhnungsbedürftig klingen, aber das zuckrige Gebäck tröstet über die anstehende Enttäuschung hinweg ...

Schluss: Denn der in Jersey-City-Reiseführern hochgelobte historische Friedhof entpuppt sich als Wiese mit versprengten Grabmälern. Am Eingang können die Besucher mit Kreide auf Tafeln schreiben, was sie vor ihrem Tod noch erreichen wollen. Erfolg haben, ist da zu lesen. Oder: Einen Roman veröffentlichen. Und: Beyoncé treffen. Sweet.

© SZ.de/ihe
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