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Aufnahmen auf Reisen:Wie wir im Urlaub fotografieren sollten - und wie besser nicht

Alper Özer Illustration für Serie "Gute Reise"

Nicht jedes Motiv ist auf Reisen eine gute Idee. Illustration: Alper Özer

(Foto: Alper Özer)

Selfie mit Tigerbaby, sexy im Tempel und das Straßenkind mit den traurigen Augen: Immer und überall zücken Reisende ihre Kamera. Oft ohne über die Folgen nachzudenken.

Von Sarah Schmidt

Egal, ob es in die Berge geht, ans Meer oder in die Großstadt. Egal, ob der Urlaub mit der Familie, dem Partner oder Freunden verbracht wird. Egal, wie weit die Anreise ist und ob im Hotel oder im Zelt genächtigt wird. Eins haben alle Reisenden dabei: die Kamera.

Je nach Urlaubertyp handelt es sich dann um die schwere Spiegelreflex-Kamera mit Teleobjektiv, die alte Digicam oder das Smartphone. Doch was alle eint, ist der Wunsch, die schönsten Stunden des Jahres im Bild festzuhalten, sei dies fürs Fotoalbum oder für Facebook.

Schatzi am Marktstand, die Kinder beim Planschen, die farbenfrohe Tanzvorführung der Einheimischen, die ganze Familie beim Leopardenstreicheln - Motive gibt es reichlich. Doch sollte ich wirklich alles fotografieren, nur weil ich kann? Wann trete ich anderen Menschen zu nahe oder bringe sie durch ein Foto in Schwierigkeiten? Wie rücksichtslos darf ich sein für das perfekte Bild? Sieben Denkanstöße.

Gesetze - Wann ist ein Foto illegal?

Das mag für manche überraschend kommen, die es gewohnt sind, spontan drauflos zu knipsen: Es gibt gesetzliche Regelungen für das Fotografieren. Und die sollte man kennen und beachten, sowohl in Deutschland als auch im Ausland. "Im Extremfall kann es sonst richtig teuer werden", sagt Maike Grunwald, die als Fotojournalistin und Reisebloggerin viel Erfahrung mit Medienrecht hat.

In Deutschland ist es grundsätzlich erlaubt, in der Öffentlichkeit zu fotografieren. Denkmäler und Außenaufnahmen auf Straßen und Plätzen, also aus der "Passanten-Perspektive": Das geht normalerweise in Ordnung. In Gebäuden und auf Privatgrundstücken bestimmen dann aber Hausherr oder -herrin, ob Fotos gemacht werden dürfen - das gilt zum Beispiel für Kirchen, Museen, Restaurants oder Theater. Hinweise hierzu finden sich meist im Eingangsbereich.

Sollen Menschen mit aufs Bild, wird die Lage schon komplizierter. Grundsätzlich gibt es das "Recht am eigenen Bild" - wer auf einem Foto zu erkennen ist, muss zustimmen, bevor dieses veröffentlicht werden darf. Ausnahmen hierfür bestehen, wenn eine Person auf dem Foto nur "Beiwerk" ist, also zum Beispiel zufällig an einem Denkmal vorbeiläuft. Auch auf öffentlichen Veranstaltungen wie dem Karneval oder während eines Stadtlaufs müssen sich die Teilnehmer darauf einstellen, dass Fotos gemacht werden.

Zeigen Bilder Menschen in peinlichen oder intimen Momenten, dürfen sie auf gar keinen Fall ohne Rücksprache veröffentlicht werden. Bei Kindern ist die Situation besonders heikel: Minderjährige sollten nur dann fotografiert werden, wenn die Eltern einverstanden sind. "Vor einer Veröffentlichung sollte man sich immer schriftlich absichern oder zumindest vor Zeugen das Einverständnis geben lassen", empfiehlt Maike Grunwald aus der Erfahrung mit ihrem Reisetageblog.

In vielen Ländern sind die Gesetze ähnlich wie in Deutschland, in anderen Regionen unterscheiden sich diese hingegen deutlich. So gehen die USA zum Beispiel sehr viel lässiger mit Persönlichkeitsrechten um - Stichwort Streetfotografie. Speziell im arabisch geprägten Raum sind die Reglungen jedoch deutlich strikter. In vielen Ländern ist das Fotografieren von Militäranlagen besonders heikel. Auch Nacktfotos sind in den allermeisten Ländern ein absolutes Tabu, was jedoch zunehmend von Touristen missachtet wird. Kurz gesagt: "Man sollte sich immer vorab über die Gesetzeslage im Reiseland informieren", empfiehlt Maike Grunwald. Das gelte umso mehr, wenn eine Veröffentlichung der Fotos geplant ist.

Kultur und Kommunikation

Kultur und Religion - Andere Länder andere Sitten

Doch nicht nur die geschriebenen, auch die ungeschriebenen Gesetze sollten befolgt werden, wenn man in einer fremden Kultur zu Gast ist. Gail Ward hat das Projekt "Responsible Photography" gegründet, das sich für verantwortungsbewusstes Reisen und Fotografieren einsetzt. "Irgendwo anzukommen und sofort die Kamera zu zücken" - das hält die Britin für den größten Fehler, den Urlauber machen können. Stattdessen empfiehlt sie, sich in Ruhe und behutsam mit den Sitten und Gebräuchen vertraut zu machen.

Gerade bei religiösen Zeremonien und an heiligen Stätten sollte die Kamera eher im Rucksack verstaut bleiben. "Auch wenn das oft tolle Motive sind: Bei betenden Menschen in Tempeln sollten sich Reisende zurückhalten", sagt Reisereporterin Maike Grunwald. Fotografin Gail Ward rät, sich immer wieder zu fragen: Wie fände ich es, wenn ich in dieser Situation fotografiert würde? Würde ich in einem Gottesdienst in meinem Heimatland Bilder machen?

Doch nicht alle Situationen lassen sich allein mit Feingefühl und dem eigenen Erfahrungshorizont bewerten. Je fremder einem die Kultur ist, desto intensiver sollte man sich informieren und einheimische Reiseführer um Rat fragen. So gilt in manchen streng islamischen Regionen sogar ein generelles Bilderverbot, an das man sich vor allem in und um Moscheen halten sollte.

Kommunikation - Brückenbauer Kamera

Keine Frage, Menschen machen ein Bild lebendig und interessant. Porträts von Einheimischen, der Blick in fremde Augen und Gesichter, traditionelle Kleidung, ein Einblick in den Alltag in einem fremden Land - viele der eindrucksvollsten Reisebilder zeigen Personen. "Doch auch wenn so manche Urlauber das zu vergessen scheinen: Die Menschen, denen sie unterwegs begegnen, sind keine Touristenattraktion, zum Foto-Abschuss freigegeben", sagt Gail Ward. Es gelte, die Traditionen und das Leben der Menschen wertzuschätzen und ihre Persönlichkeitsrechte zu respektieren.

Ganz praktisch heißt das: Reden - und sei es mit Händen und Füßen. "Wer einen Menschen fotografiert, sollte immer die Kommunikation suchen", sind sich Maike Grunwald und Gail Ward einig. Das sei immer möglich, auch dann, wenn man nicht dieselbe Sprache spricht. "Ein Lächeln, das Zeigen der Kamera und ein fragender Blick - das wird international verstanden", so Grunwald. Wird dann deutlich, dass die Person nicht fotografiert werden möchte, müsse das respektiert werden. Immer mal wieder kommt jedoch auch die Fotojournalistin in die Situation, dass sich spontan ein Motiv ergibt: "Dann drücke ich schon mal direkt den Auslöser und zeige hinterher das Bild und frage nachträglich, ob das ok ist."

Angesichts so viel kommunikativen Aufwands schreckt mancher Reisender nun vielleicht davor zurück, überhaupt noch Menschen zu fotografieren. "Das wäre sehr schade", sagt Gail Ward. Mit Responsible Photography erlebt sie immer wieder, wie gut Fotografie geeignet ist, um in Kontakt zu kommen. "Ich habe erlebt, wie aus einer Kaffee-Zeremonie ein gemeinschaftliches Erlebnis wurde, das alle Seiten sehr genossen haben." In manchen abgelegenen Regionen haben die Menschen auch nur selten die Möglichkeit, überhaupt Fotos machen zu lassen: Da werde dann ein richtiges Event draus. "Bieten Sie an, den Menschen, die Sie fotografieren, ihre Bilder zu schicken", sagt die Fotografin, "und machen Sie das dann unbedingt auch."

Wer auf diese verantwortungsbewusste und respektvolle Weise Bilder macht, bringe mit Sicherheit weniger Aufnahmen zurück nach Hause - dafür stecke hinter jedem Foto eine Begegnung und eine kleine Geschichte.

Geld und Safaris

Geld - Zahlen oder nicht zahlen

Immer wieder werden Reisende mit der Frage konfrontiert: Zahle ich Geld für ein Foto oder nicht? "Da gibt es keine pauschale Antwort", sagt Maike Grundwald. Generell verwerflich sei das nicht, schließlich bekomme auch ein professionelles Fotomodell Geld. Auch Gail Ward kennt Settings, in denen eine Gebühr für Fotos durchaus positiv sein kann: "Etwa wenn man einen bestimmten Betrag zahlt, um ein Dorf zu besuchen und dort Fotos zu machen - das kommt dann der gesamten Dorfgemeinschaft zu Gute."

In einer Situation ist es allerdings absolut tabu, Geld für Fotos zu zahlen: "Kinder sollten auf keinen Fall für ein Foto entlohnt werden", sagt Ward. Zu groß sei in armen Ländern die Gefahr, dass diese dann weiter für Reisende posieren und nicht mehr zur Schule gehen.

Krieg und Armut - ein Fall für Profis

Privat Reisende sollten keine Fotos machen, die Armut, Leid oder Konflikte zum Motiv machen. "Das ist eine unangemessen Sensationslust", sagt Gail Ward. Sie plädiert, diese Art Fotografie professionellen Fotografen zu überlassen. Diese kennen sich zum einen sehr viel besser mit den rechtlichen Gegebenheiten aus. Zum anderen haben sie die Möglichkeit, eingebettet in eine sensible Berichterstattung, ein größeres Publikum zu erreichen und zu informieren.

Tier- und Naturschutz

Auch die Natur und Tiere sind besonders beliebte Urlaubsmotive. Die können sich nicht verbal gegen ein Foto wehren - gerade deshalb ist die Rücksicht der Reisenden gefragt. Eigentlich selbstverständlich, leider aber dennoch zu oft missachtet: Absperrungen und Verhaltenshinweise für Schutzzonen und Naturparks sollten unbedingt beachtet werden. Jede Störung von Wildtieren gelte es zu vermeiden, sagt Maike Grunwald, die auf ihren Reisen immer wieder auch Tiere fotografiert. "In Deutschland ist das Aufschrecken von Wildtieren sogar gesetzlich verboten", so die Reisereporterin.

Generell sei besondere Zurückhaltung gefragt: "Ob ein Tier gestört wurde, lässt sich nämlich immer nur dann bemerken, wenn es schon zu spät ist." Besonders heikel und daher unter Naturfotografen verpönt: Vogelnester. "Die Gefahr, dass die Elterntiere verschreckt werden und die Brut zurücklassen, ist nicht zu unterschätzen", sagt Grunwald.

Gerade in Afrika erfreuen sich Safaris großer Beliebtheit. Ethisch vertretbar? "Ja", ist Fotografin Gail Ward überzeugt - "wenn erfahrene und verantwortungsbewusste Guides im Einsatz sind." Professionelle Veranstalter halten zum Beispiel immer genügend Abstand und achten darauf, die Tiere nicht zu erschrecken. Bei einem verantwortungsbewussten Umgang trügen diese Safaris zum Erhalt von Natur und Tierwelt bei, indem die Lokalbevölkerung sensibilisiert wird, wie wertvoll und schützenswert diese sind.

Kritischer sehen die Experten Fotosessions mit in Gefangenschaft lebenden Wildtieren. Gail Ward von Responsible Photography rät dazu, lieber auf Fotos zu verzichten, wenn die Tiere offenkundig nicht artgerecht gehalten oder gar mit Medikamenten ruhiggestellt werden. Auf Responsible Photography können Urlauber melden, wenn ihnen Entsprechendes auffällt. Auch Bloggerin Maike Grunwald empfiehlt, sich sehr genau zu informieren, welche Ziele und Interessen Veranstalter und Organisatoren verfolgen.

Bilder für die Welt

Posten - schöne weite Welt des Internets

Wurden noch vor wenigen Jahren Urlaubsfotos vor allem in Alben geklebt und im Familien- und Freundeskreis betrachtet, ist es heute möglich, Bilder mit wenigen Klicks auf der ganzen Welt verfügbar zu machen. Und gerade weil das so einfach ist, sollte es mit besonderem Bedacht geschehen.

Die klare Aussage von Maike Grunwald und Gail Ward: Nur Bilder posten, für die alle Persönlichkeitsrechte geklärt sind. "Gerade bei sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook sollte man unbedingt ganz genau die Nutzungsbedingungen lesen", sagt Ward. In vielen Fällen werden nämlich den Portalen sämtliche Nutzungsrechte gewährt - was bedeutet, dass ein Bild theoretisch an ganz anderer Stelle weiterverwendet werden darf.

Und das kann - zumal angesichts immer besser werdender Fotoerkennungsprogramme - dramatische Konsequenzen haben. Ward kennt eine Marokkanerin, deren Porträt auf einer Postkarte gelandet ist, was zu massiven Problemen mit ihrer Familie geführt hat, die die Ehre der jungen Frau in Gefahr sah. Das unbedachte Posten von Kinderbildern kann ungewollt Ausbeutung und Sextourismus befördern, wenn diese auf einmal lokalisierbar gemacht werden (weitere Informationen zu diesem Thema sind hier zusammengestellt).

Tatsächlich sind auch Fälle bekannt, in denen Wilderer anhand der in den Fotoinformationen hinterlegten Ortsdaten vom Aussterben bedrohte Wildtiere aufgespürt haben.

Haltung - Einfach mal kein Foto machen

Letztlich ist das verantwortungsbewusste Fotografieren auf Reisen eine Frage der Haltung. Sammle ich Bilder wie Trophäen? Nationalheiligtum: check, Eingeborener in traditioneller Kluft: check, Selfie mit Tigerbaby: check. Oder sehe ich die Kamera als Möglichkeit, mit meiner Umwelt und Mitmenschen in Kontakt zu treten? Als Möglichkeit, ausgewählte und besondere Momente und Eindrücke festzuhalten?

Weniger ist mehr - das gilt gerade, weil im digitalen Zeitalter nahezu ununterbrochen die Möglichkeit zu fotografieren besteht. Und das beeindruckendste Reiseerlebnis ist noch immer das, was man nicht durch den Sucher einer Kamera oder über den Bildschirm eines Smartphones erlebt, sondern unmittelbar, im echten Leben.

Alle bisherigen Folgen der Serie "Gute Reise" unter sz.de/gutereise

© Süddeutsche.de/ihe/holz

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