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Auf den Spuren der Maya:Das Opfer des Königs

Chemische Analysen antiker Müllkippen und DNS-Proben von Knochen brachten ebenso Licht ins Dunkel wie die fast vollständige Entzifferung der Maya-Schrift. Glyphen auf ausgegrabenen Stelen konnten gelesen, Zeremonien auf Relieftafeln gedeutet werden.

Es fanden sich Belege für hunderte blutrünstige Gemetzel, was die Mär von den sanftmütigen Sternguckern und erfinderischen Kakaotrinkern, für die die Maya noch in den siebziger Jahren gehalten wurden, widerlegte.

Archäologen haben die Pyramidenanlagen, die vor 1200 Jahren in den Tiefschlaf gefallen sind, sorgfältig aus dem Urwald geschält und einen Teil Mittelamerikas zu einem einzigartigen Freilichtmuseum gemacht.

Der Trampelpfad zur Lodge der Jaguar-Jäger führt durch den dampfenden Urwald, der so mystisch ist wie zu den Zeiten der Maya. Pedro, der sonst so redselige Führer, ist still geworden.

1000 Geräusche erheben sich, es zwitschert und girrt und gluckst. Das Leben der Maya war voller Magie, das gesamte Universum war beseelt: Jeder Berg, jede Quelle, alle Tiere und Pflanzen waren Sitz eines göttlichen Wesens. In der Mitte des Pfades verläuft eine schnurgerade Rinne, wie mit der Machete gezogen: ein Transportweg der Blattschneideameisen.

Eine Korallenboa windet sich ins Unterholz, 40 Meter über ihr, in den Wipfeln der Tropenzeder, wohnt der Rotaugenfrosch in regengefüllten Epiphyten-Blättern. Der Frosch galt bei den Maya als Symbol für Zufriedenheit und Glück.

Aber jetzt ist die beklagenswerte Ziege wieder zu hören: Die Sonne geht unter, das Unheil naht. Bei den Maya stand die Sonne für die Farbe Rot und den Ara-Papagei, Grün für Leben und Mensch. Schwarz war der Tod und Balam - der Jaguar. Pedros Atem wird trotz des anstrengenden Marsches flach und leise: Der Jaguar kann nicht mehr weit sein. Doch der Tod ist ein Privileg bei den Maya. Er führt direkt ins paradiesische Reich des Sonnengottes.

80 Kilometer östlich der bald wieder zugewachsenen Grabungsstätte El Peru erhebt sich das gigantische Tikal aus dem Urwald. Es war einst eine Supermacht in der Neuen Welt, beherrscht von 39 Dynastien, deren Könige sich Sturmhimmel nannten oder Groß-Jaguar-Tatze.

Der mächtigste von allen war Ah Cacao - König Schokolade. Tikal wurde in tausend Jahren erbaut, zur Blütezeit lebten hier 150 000 Menschen auf 130 Quadratkilometern. Der sogenannte Tempel IV ist 69 Meter hoch und damit eines der kolossalsten Bauwerke im vorspanischen Amerika. Wie die Maya-Baumeister diese Leistung vollbringen konnten, bleibt ihr Geheimnis. Da es kaum Metallvorkommen gab, verwendeten sie lediglich Werkzeuge aus Obsidian, einem vulkanischen Glas.