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Auf dem Wanderweg Moselsteig:Herren der Hanglage

Ein neuer Wanderweg führt in 24 Etappen an der Mosel entlang - und über den angeblich steilsten Weinberg der Welt. Wer sich hier emporkämpft trifft auf Spitzenweine und den einzigen sächsischen Moselwinzer.

Leicht bewölkt, 20 bis 22 Grad Celsius. Das haben sie jedenfalls behauptet in der Wettervorhersage. Nun rinnt der Schweiß in Strömen, das T-Shirt klebt am Rücken. Der entgegenkommende Wanderer hat sich gar seines Leibchens entledigt und wuchtet nun den nackten Bierspoiler durch die Kulturlandschaft. Auf einer Bank rastet ein junger, schlanker Kerl mit langen Haaren und Jeans, seine Freundin hat einen roten Kopf. "Ist es noch weit?", fragt der Mann mit dem Bierspoiler. Nun ja, je nach Ziel zwischen 30 Minuten und 200 Kilometer.

20 Grad können ziemlich heiß werden, wenn die ausgetrockneten Pfade über Hänge mit einer Neigung von bis zu 65 Grad führen. Selbst wenn es nur ein knapp 400 Meter hoher Weinberg an der Mosel ist.

Dabei hätte man das ja eigentlich ahnen können. Schon die Römer gaben dem Calmont seinen Namen, calidus mons, warmer Berg. Vor dem macht die Mosel eine Haarnadelkurve; sie hat sich in jahrmillionenlanger Arbeit in den Schiefer gefräst. Nun ragt der Calmont am Ufer des Flusses auf wie ein überdimensionales Theatron, dessen Kessel die Wirkung der Sonnenstrahlen potenziert.

Moselsteig am Berg Calmont

Die Mosel hat sich in den Schiefer gefräst. Vom Calmont aus ist die Haarnadelkurve mit den Orten Ediger-Eller (li.), Neef (re. oben) und Bremm zu sehen.

(Foto: Dominik Ketz)

Andererseits hat man auf dieser mit Reben ausgestatteten Tribüne das Spektakel zu Füßen. Als Teil des neuen, 365 Kilometer langen Moselsteigs verläuft ein Höhenweg über den Kamm des Calmont: ein wegen einiger Stahlseile und Leitern etwas überschwänglich als "Klettersteig" ausgeschriebenes Halbtages-Abenteuer durch seinen Südhang. Der Calmont wird mal als steilster Weinberg der Welt, mal als steilster Weinberg Europas bezeichnet.

Ob er eines dieser Prädikate zweifelsfrei verdient, sei dahingestellt. So wird der Engelsfelsen im Nordschwarzwald mit seinem Gefälle von bis zu 75 Grad häufig in einem Atemzug mit dem Calmont genannt. Wer auch immer all die Weinberge zwischen Tasmanien (der angeblich südlichste Weinberg), Alaska (der vielleicht nördlichste) und Südtirol (der womöglich höchste, oder geht es im Wallis doch höher hinauf?) vermessen hat: Die Moselregion ist sicher eine Heimat für den Weinanbau in Steilstlagen mit mehr als 50 Prozent, also etwa 27 Grad Neigung. Die Gegend rund um den fast vertikalen Calmont ist ihr Herzstück. Hier folgt der Weinanbau seinen eigenen, oft alten Gesetzen. Oder wie Michael Borchert sagt: "Hier Wein anzubauen, ist spannend. Aber schon fast bekloppt."

Der einzige sächsische Moselwinzer

Nun kann Michael Borchert seine Beklopptheit nicht einmal auf seine Vorfahren schieben, denn Borchert stammt nicht aus dieser Gegend, und er ist auch kein gelernter Weinbauer. "Er ist der einzige sächsische Moselwinzer", sagt seine Frau Gabriele und klingt wahrscheinlich auch deshalb so stolz, weil sie schließlich der Grund für die Ost-West-Migration ihres Mannes ist. Ihre Tante und Großmutter haben in jenem alten Hof in Ediger-Eller gewohnt, den die Familie Borchert von 1997 an zu neuem Leben erweckte: Sie renovierten das im 18. Jahrhundert erbaute Anwesen, statteten es mit Ferienwohnungen aus, kauften Weinberge am und rund um den Calmont, eröffneten ein Wein-Café und gründeten eine Destille.

Die Borcherts investierten damit entgegen einem Trend. Denn die Steillagen sind extrem arbeitsintensiv; Maschinen helfen hier nicht weiter. Nur die einspurigen Trassen der stark subventionierten Monorackbahnen ziehen sich als Transportgehilfen durchs Grün. Ansonsten ist es Handarbeit, die sich für viele nicht mehr lohnt.

Inzwischen werden an der Mosel nur noch 8700 Hektar bewirtschaftet, ungefähr so viele wie im 19. Jahrhundert. "Nur gab es damals keine Flachlagen", sagt Borchert. Gleichzeitig wuchs die Größe der Betriebe. Arbeiteten 1964 noch 17 600 Winzer in der Moselregion, so schrumpfte diese Zahl bis 1993 auf 8500 und liegt heute bei nur 2700. Die Gesamtrebfläche hat sich dabei in den vergangenen zehn Jahren um rund 1000 Hektar verringert.

Weinberge wie Wertpapiere

Borchert dagegen sicherte sich im Laufe der Jahre zweieinhalb Hektar, mehr als die Hälfte davon in der begehrten ersten Lage, verteilt auf Weinberge zwischen Bremm und Nehren. Er betreibt damit Risikostreuung - ungefähr so, wie ein Wertpapieranleger, der in verschiedene Fonds investiert. Wenn es den einen Standort verhageln sollte, bleiben im Normalfall noch ein paar andere übrig.

Manch ein Quadratmeter war ein wahres Schnäppchen, das nun langsam Rendite abwirft. Bei anderen hatte er einfach Glück, wie an jenem Stück am Fuße des Calmont direkt an der Straße. "Eigentlich ist der Calmont ja nur ein riesiger Steinhaufen", sagt Borchert, als er die Tür zu seinen Reben aufsperrt und an der Steintreppe erst einmal ein wenig Schiefergeröll beiseiteschubsen muss. Das Schiefergestein ist der Grund für die typisch mineralische Note im Wein der Steilstlagen. Borchert wirft einen Blick auf die Trauben und sagt: "Sieht insgesamt gut aus."

In den nächsten Wochen steht die Ernte an. Dann werden ihn wohl auch wieder einige seiner Gäste fragen, ob sie mithelfen dürfen. Freiwillig. "Aber die Weinernte ist Stress. Und wenn einer nur einen Tag hilft, bringt mir das als Weinbauer nichts. Da habe ich ihn gerade angelernt." Ein paar Trauben will er ohnehin etwas länger hängen lassen und etwas Neues ausprobieren. Es gibt schließlich immer Luft nach oben - und Borchert hat sich die Eigenschaft bewahrt, andere Winzer für deren Leistung bewundern zu können. "Da hat einer die gleichen Hänge, und vom Wetter her das gleiche Mistjahr, und dann stellt der dir so eine Bombe hin."

Weinlese am steilsten Weinberg Europas

Weinlese: Die Steillagen am Calmont sind exterm arbeitsintensiv, oft helfen Maschinen hier nicht weiter.

(Foto: Thomas Frey/dpa)