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Astrid Lindgrens Schweden:Kulisse für große Kinder

Astrid Lindgren: Michel aus Lönneberga; Bild © 1971 AB Svensk Filmindustri, RM Arts Film- und Fernsehen Based on the books written by Astrid Lindgren. © 2014 Studio 100 Media GmbH

Manchmal reicht ein Schwein zum Glück: Filmszene aus Michel aus Lönneberga.

(Foto: AB Svensk Filmindustri, RM Arts Film- und Fernsehen/Studio 100 Media GmbH)

In Småland wurden viele Lindgren-Bücher verfilmt. Nicht nur im Freizeitpark "Astrid Lindgrens Värld" wird Fans der idyllischen Kindheit in Bullerbü klar: Hier ist definitiv nicht Tommy-und-Annika-Land, hier ist Pippi-und-Michel-Land.

Ob Steine reden können? Die Frage drängt sich förmlich auf in dieser Kleinstadt am Nordrand Smålands: Eksjö, Inbegriff südschwedischer Betulichkeit, wo das Knüppelpflaster rumpelt, als rollten noch Pferdefuhrwerke zum Markt. "Unsere Steine sind sogar richtig gesprächig", sagt Christina Giebs in fließendem Deutsch. Sie lacht. "Aber Holz", fügt die ortsversessene Lehrerin hinzu, "Holz redet nicht nur, es erzählt."

Also lassen wir es zu Wort kommen, in diesem skandinavischen Bilderbuchort namens Eksjö in Småland. Kleines Land. Lindgren-Land. Holzstadt wird Eksjö genannt. Es ist die wohl süßeste all jener nicht allzu großen bis ziemlich kleinen Siedlungen der Provinz, die aus dem schwatzhaften Lieblingsmaterial dieser waldreichen Gegend gefertigt sind.

Meist sind es rot-weiß getünchte Zungenbrecher à la Hjo, und glaube niemand, Gränna spräche sich auch Gränna aus. Vieles hier ist in seiner schlichten Schönheit schwer begreiflich. Und wenig ist so unbegreiflich schön wie Eksjö. Zumindest im Inneren.

Denn wer durch das Zentrum dieses sorgsam konservierten Mittelalterfleckens mit seinen kaum 10 000 Bewohnern geht, unternimmt eine kleine Zeitreise durch die lange Vergangenheit einer Gemeinde, die es so gar nicht mehr geben dürfte. Zwei Drittel der Altstadt, schwärmt Giebs, die 20 Jahre in Deutschland gelebt hat, seien vor 1900 erbaut, ein Viertel gar vor 1850.

Und dass in diesem abrissfreudigen Land hier so viel Altes stehen geblieben sei, liege vor allem an den Bewohnern, sagt Giebs. "Einfache Leute, die schon zu einer Zeit gegen drohende Geschichtsvergessenheit ihrer Stadt protestierten, als es Denkmalschutz noch gar nicht gab."

Die Bewohner von Eksjö wollten lieber redseliges Holz, keinen stummen Stein

Im beschaulichen Krusagården nämlich, dem König Gustav IV. Adolf 1954 bei einem Besuch persönlich den ortsüblichen Glücksbaum als symbolischen Brandschutz ins Hofzentrum pflanzte, sollte zehn Jahre zuvor anstelle des alten Handelshofs ein modernes Warenhaus entstehen. Doch es regte sich rasch Widerstand. Heftig. Und erfolgreich.

Ohne ihn hätte, wo heute ein Verein älterer Damen inmitten redseligen Holzes Kaffee und Waffeln serviert, fortan schweigsamer Stein regiert. Geschäfte statt Gemütlichkeit. "Es wäre der Anfang vom Ende unserer Seele gewesen", glaubt Christina Giebs.

Es ist ein Wohnraum gebliebenes Museum, um das sich der Eksjöån schlängelt, als sei der Bach ein Burggraben. Das städtische Markenzeichen aber sind die reich bepflanzten Innenhöfe, deren Baumbestand wie besagte Königseiche ein magisches Licht auf verwitterte Sitzbänke in wilden Blumenbeeten streut. Liebevoll vernachlässigt, erzählen Dutzende Gården-Innenhöfe von den Menschen, die darin weiterhin leben, mehr aber noch von jenen, die es einst taten.

Vom Hutmacher Axel zum Beispiel, dessen militärischer Auftraggeber so gut zahlte, dass der Laubengang im Forssellska Gården noch 100 Jahre später den Wohlstand seines Besitzers bezeugt. Vom Kupferschläger Nils, der dem Fornminnesgården gegenüber dem Stadtmuseum schon im 17. Jahrhundert sein uriges Gesicht verlieh. Vom Barbier Johann, der ein paar Meter weiter vor bald 400 Jahren als Bader Kranke heilte, wovon noch heute eine Rasierschüssel über der Tür zeugen soll.

Die Welt von Astrid Lindgren

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Und dann ist da noch der Aschanska-Gården, der älteste des Ortes, der jedem Stadtbrand getrotzt hat und dennoch aussieht, als hätte man nach dem jüngsten schlampig renoviert - unprätentiös, aber urgemütlich legt er sich zwischen die zwei Hauptwege der Altstadt.

Fast alles hier in der Gegend verströmt ein spezielles Flair aus Pragmatismus und Verspieltheit, gestern und heute, aus Fürsorge und Laisser-faire, im Grunde also Erwachsenenwelt und Kindheit - jene Mischung, die Småland auch literarisch prägt. Im Rückzugsraum von Eksjö spürt man wie in ganz Südschweden die Zeitlosigkeit, mit der Astrid Lindgren ihre Erzählungen grundiert hat.

Wer etwa die Geschichten von Michel liest, die vor 51 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht wurden, findet in der Gemeinde Eksjö reale Vorbilder literarischer Orte: Lönneberga, Mariannelund, selbst Katthult, als Dorf und als begehbare Drehkulisse, Michels Fluchtschuppen inklusive. In Småland, wo neben den Büchern auch viele Filme entstanden, wird aus Lindgrens Einfallsreichtum Wirklichkeit und aus ihr wieder Phantasie.

Denn nur hier, so scheint es, konnte die Wechselwirkung von Wahrheit und Fiktion eine solch schöpferische Wucht entfalten. Weshalb daraus ein wahres Märchenland entstehen konnte wie der Themenpark "Astrid Lindgrens Värld" am Rande Vimmerbys, wo die Schriftstellerin 1907 zur Welt kam.

Diese Welt eine Stunde östlich von Eksjö ist Schwedens größtes Freilichttheater, auf dessen sechs Bühnen mehr als 70 Schauspieler von früh bis spät die Werke der Trägerin des Alternativen Nobelpreises aufführen. Nur auf Schwedisch zwar, aber das macht den 50 000 deutschen Besuchern pro Jahr offenbar nichts aus, die Plots sind schließlich bekannt.

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Das Bühnenbild ist nicht nur aus Sperrholz, sondern aus solidem Material. Die Matthisburg von Ronja, der Räubertochter, ist in annähernd voller Pracht aus solidem Stein erbaut; die Villa Kunterbunt ein richtiges Haus mit richtigem See, Piratenschiff und falschem Pferd, das eine der drei jungen Pippi-Darstellerinnen per Seilzug hochstemmt.

Und Michels Bauernhof sieht aus, als sei die berühmte Serie 1971 hier gedreht worden statt in der Gegend um Mariannelund, wo die Zeit nach der letzten Klappe stehen geblieben zu sein scheint. Dazu Bullerbü und Karlssons Dach, viel Wald und Viehweiden, robuste Spielgeräte aus Astrid Lindgrens Schaffensperiode und bloß beim Eintritt, mehr Pflicht als Profitmodell, die Merchandisingshops nebst Kino.

Das Einzigartige aber, eine Art Alleinstellungsmerkmal: Mammutloopingbahnen gibt es hier ebenso wenig wie simple Karussells und auch sonst nichts vom überdrehten Entertainment der Marke Disney. Auf diese Reduktion bestand die Autorin bereits 1990, als aus der Miniaturversion ihres Heimatortes peu à peu die große Welt ihrer Figuren wurde. Weil sie Kommerz strikt ablehnte, gibt es auch zwölf Jahre nach ihrem Tod statt Pommes und Cola nur Gerichte, die auch ihre Protagonisten essen.

Deshalb kosten Kaffee und Zimtschnecke keine zwei Euro, deshalb ist das Einzige, was keinen Bezug zu den Büchern hat, Pippis selbsternannte Gouvernante Fräulein Prysselius, die nur in den Filmen vorkommt. Und deshalb ist die einzig echte Sensation hier eine Stille, die Erinnerung und doch ein Gefühl von Abenteuer, Freiheit, Renitenz provoziert.