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Argentinischer Rhythmus:Das Ritual der Melancholie

In der Nordkurve haben die hartgesottenen Fans von Boca Juniors, der Heimatelf von Diego Maradona, ihre Stammplätze. An den sonntäglichen Spieltagen käme hier niemand auf die Idee "Ach lieber Südwind, blase doch . . ." zu singen.

Was unter dem Wogen der blau-gelben Fahnen und Trikots statt dessen gesungen und an Schlachtrufen skandiert wird, entbehrt des übersetzbaren Sinns: Dieser Krakeelertango ist ebenso liederlich wie frühe Tangotexte und findet in der Kontrapunktik der rhythmisch wechselnden Leitchöre "Booo-ca" und "Buf-fa" seine mitreißenden Melodien.

Und wenn er dann doch in die Bonboniere hinein- und frontal auf die Nordkurve zuweht, der "Pampero", wie der verfluchte Südwind heißt, dann haben seine Stöße die Wirkung eiskalter Backpfeifen: Die "Xeneizes" aber, wie sich die Fans und Bewohner des gleichnamigen Hafenviertels La Boca stolz nennen, bäumen sich dann erst richtig auf, wiegen und stemmen sich allem Gegenwind mit noch größerer Stimmgewalt und mit äußerstem Körpereinsatz entgegen.

"Xeneizes" heißt "Genuesen", und das ist originär genuesischer Dialekt, der schon vor seiner Verpflanzung ans südliche Ende der Neuen Welt die kehligen Laute aller Häfen des Mittelmeers in sich aufgenommen hat.

Von genuesischen Einwanderern, zumeist Seeleuten und Dockarbeitern, wurde das nach der Mündung des Flüsschens Riachuelo benannte Viertel La Boca ("Mund") vor über hundert Jahren besiedelt. Verrucht war es schon immer, einst war es sogar der Sitz einer kurzlebigen "Freien Republik", heute ist es stark heruntergekommen und birgt neben verfallenen Häusern und verrosteten Kähnen reichlich soziale Probleme.

Eine seltsame Traurigkeit

Genuesische Luft meint man noch heute im Puerto Madero, dem alten Immigrantenhafen im Süden der Stadt, zu atmen, und dies nicht nur wegen eines säulengestützten Standbildes von Kolumbus. Ähnlich wie in Genua wurden auch in Buenos Aires die ausgedienten Docks und verfallenen Speicherbauten in den letzten beiden Jahrzehnten aufgemöbelt und durch Umnutzung den Bedürfnissen der Dienstleistungs- und Freizeitgesellschaft angepasst.

Während das unmittelbar dahinter gelegene südliche Stadtzentrum dem Hafen zuvor noch abgewandt war, ist es jetzt nach dieser Seite hin geöffnet. Schlaff in der Luft hängen, gleich skelettierten Riesenechsen aus dem Jurassic Park, die stillgelegten Greifarme alter Kräne.

Zu Lufttänzen lädt die futuristische Hängebrücke des Puente de la Mujer ein, die der spanische Architekt Santiago Calatrava hier erbaut hat. Zu dieser "Brücke der Frauen" passt gut, dass sämtliche Straßen des neuen Viertels Frauennamen tragen. Historisch und demographisch betrachtet, litt das Buenos Aires der Ära der großen Einwanderungen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts allerdings unter einem dramatischen Frauenmangel, was mit zur Entstehungsgeschichte des Tango gehört, auch zu den schmachtenden Texten seiner Lieder und zu den Formen seiner tänzerischen Zelebrierung.

Die Geschichtsschreiber, darunter auch der große Dichter Jorge Luis Borges, behaupten sogar, dass der Tango anfangs nur unter Männern getanzt wurde. Ähnlich wie der Jazz in New Orleans und zeitgleich mit diesem hatte auch der Tango seinen Ursprung in den Bordellen.

Das Ritual des steten Paar- und Partnerwechsels bestimmt das Tanzverhalten in den Confiterien, wie die Tanzcafés mit Tagesbetrieb heißen. Im belebten Zentrum, kurz bevor die Calle Suipacha auf die Avenida Corrientes stößt, liegt die Confitería Ideal, ein imposanter Bau aus dem Jahr 1912, der wie so viele Gebäude dieser Stadt noch Belle Époque ausstrahlt, wenn auch gebräunt vom Qualm, Dunst und Ruß der Zeiten.

Man muss nur aufpassen, dass man nicht versehentlich das gleichnamige und äußerlich unkenntliche Pornokino nebenan betritt, in dem der Gast nach dem Erwerb eines Billetts am Schalter vom Kartenkontrolleur gleich weiter in den ersten Stock geschickt wird, wo er unbedingt nach "Teresa" fragen solle.

Ein Haus weiter, im gesuchten "Ideal", liegt im Erdgeschoss ein außerhalb von Essenszeiten trist wirkender Restaurationsbetrieb. An einem der vielen leeren Tische sitzt ein einsamer, traurig vor sich hin blickender Mann mittleren Alters bei seinem Kaffee und wischt sich zwischendurch Tränen aus den Augen, bis er zahlt und aufbricht.

Eine Marmortreppe führt hinauf in einen großen Tanzsaal unter Säulen, Kronleuchtern und mit Spiegelwänden. Aber eine seltsame Traurigkeit ist auch hier zugegen: Nach jedem Tanz zeigt ein Isaac-Hayes-Motiv eine kurze Unterbrechung an, in welcher die Tanzpartner, die zuvor meist wortlos zusammengefunden hatten, fast ebenso wortlos auch wieder auseinandergehen. Leise, beinahe unauffällige Gesten und Mienen regeln den geheimen Code der Verständigung, unter dem auf der Tanzfläche die vorübergehende Vereinigung gesucht wird. Die Paare berühren sich mit einer Inbrunst, als wären sie längst miteinander intim.

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