Apartmentvermittlung in Wien Bei Romy im Wohnzimmer

In Wien können Besucher jetzt bei virtuellen Gastgebern wohnen - Kunsthistorikerin Romy oder Stewardess Bella. Ihre Apartments sind jedoch ganz real. Was wäre Wien ohne seinen Schmäh?

Von Evelyn Pschak

Romy ist vermutlich bezaubernd. Ein wenig konfus womöglich und bebrillt, vom Lesen all dieser Werkverzeichnisse. Ihr Kleidungsstil dürfte zwischen unorthodox und konservativ wechseln, selbstverständlich immer mit einer französischen Note. Eben eine Kunsthistorikerin, wie sie im Buche steht. Ihre Altbau-Wohnung nahe der Wiener Votivkirche ist mit sorgsam aufbereiteten antiquarischen Fundstücken eingerichtet. Der Umschwung von der Möglichkeitsform zum Indikativ ist gewollt und schnell erklärt: Das Apartment ist echt, Romy aber ist frei erfunden.

Sie ist das Gedankenkonstrukt von Chez Cliché, einer Agentur, die seit Anfang 2013 in Wien acht Apartments vermietet, verteilt auf die inneren Bezirke der Stadt, allesamt bewohnt von fiktiven Gastgebern wie Bella, der kosmopolitischen Flugbegleiterin oder Koloman, dem Theaterliebhaber. Derlei unterfüttert mit Personalien soll es dem Herbergssuchenden in Wien leichter fallen, zu genau jener Wohnung zu finden, die ihm selbst am ehesten entspricht. Dazu erhalten Gäste außerdem Tipps zur Erkundung der Stadt, wie sie die jeweiligen Gastgeber Gleichgesinnten geben würden.

Insider-Tipps für die Städtereise

Wien wundervoll

Romy, die frankophile Kunstexpertin, rät, das Kleine Café am Franziskanerplatz zu besuchen, die Galerien der Schleifmühlgasse und die Antiquare der Rathausstraße im 1. Bezirk. Also genau das, was man als Kunsthistorikerin sehen sollte. Und unter der Trias von Sachertorte, Fiaker und Wienerlied kommt dem Reisenden bei Chez Cliché der erhellende Gedanke: Nicht Wien ist das Klischee, sondern man selbst.

Nistet sich der Kunstsinnige bei seiner fremden Freundin Romy ein, übernimmt er nicht nur ihr Apartment, sondern auch ihre Gewohnheiten; er studiert ihre reiche Sammlung an Glasnegativen aus den 1920er Jahren, die blonde Kinder in Matrosenanzügen zeigt oder Frauen, die in jeder Lebenslage Hüte tragen. Wie vermutlich schon die anderen Übernachtungsgäste zuvor, steht der Besucher alsbald am Orangerie-Fenster des Wohnzimmers, löst vorsichtig Glas für Glas aus den grauen Agfa-Päckchen und betrachtet die Schattenwürfe längst vergangener Urlaubstage.