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Emilia-Romagna:Der arme Teufel

Mit knapp 20 Jahren wurde Antonio Ligabue von der Schweiz nach Gualtieri in der Poebene ausgewiesen. Das Dorf tat sich schwer mit dem Unangepassten, der erst spät als Maler erfolgreich wurde. Heute erinnern Ausstellungen an ihn.

Von Johanna Pfund

Das ist also Gualtieri. Ruhige Seitenstraßen mit zweistöckigen Häusern, gut 6000 Einwohner, ein Schild weist es als Mitglied der Vereinigung der schönsten Dörfer Italiens, I borghi più belli d'Italia, aus. Der Andrang im Herbst ist überschaubar, kaum jemand ist unterwegs. Nur der Renaissance-Palast, der mit seinen hundert Metern Länge eine ganze Seite der quadratischen Piazza einnimmt, zeugt davon, dass jemand hier einst Großes vorhatte. Die Familie Bentivoglio hat den Ort in der frühen Neuzeit ausgebaut und ihn vor den Wassern des nahen Po geschützt. Nur wenige Kilometer entfernt, in Brescello, wurden die Filme über Don Camillo und Peppone gedreht. Brescello wurde damit bekannt, Gualtieri hingegen wurde erst in den vergangenen Jahren bekannter - durch den Maler Antonio Ligabue. Doch zu Lebzeiten tat man sich schwer mit ihm.

Antonio Laccabue, so der richtige Name, traf kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Gualtieri ein. Man ahnte nicht, dass der junge Mann ein Talent zum Malen besaß und dass seine Geschichte einmal verfilmt würde. Denn der damals kaum 20-Jährige war ein Ausgestoßener. Er war als Sohn einer Wanderarbeiterin in der Schweiz geboren worden und wurde in eine Pflegefamilie gegeben, nachdem seine Mutter einen italienischen Wanderarbeiter, Bonfiglio Laccabue, geheiratet hatte. Der junge Antonio wurde verhaltensauffällig, er flog von der Schule wegen "Sittenlosigkeit", und schließlich, da die Mutter bereits gestorben war, wies ihn die Schweiz aus - nach Gualtieri, in den Heimatort seines Stiefvaters. So kam er in der Poebene an, ein merkwürdiger Mann, der nur Deutsch sprach.

Antonio Ligabue
, Autoritratto con sciarpa rossa,
1958

In der Poebene zeigt sich Ligabue im „Selbstporträt mit rotem Schal“ (1958).

(Foto: Fondazione Archivio Antonio Liga)

Wieder hatte der junge Antonio Schwierigkeiten, sich anzupassen. Mal wohnte er im Armenhaus,mal im Stall. Oder er hauste in einer Hütte in den Auen des Po. Seinen Stiefvater hasste er, deshalb nannte er sich Ligabue. Die Kinder des Ortes hatten Angst vor ihm wegen seiner Grimassen und merkwürdigen Gepflogenheiten, wie der bekannte Kostümbildner Umberto Tirelli, der in Gualtieri aufgewachsen ist, später schrieb. Zunächst hielt sich Ligabue als Tagelöhner über Wasser, bis der Maler Marino Mazzacurati Ende der Zwanzigerjahre Ligabues Talent entdeckte. Seine Position im Ort blieb aber schwierig.

"Er war ein armer Teufel, er hatte ein Kommunikationsproblem", sagt Laura Fraimini, die das Ligabue-Museum im Palazzo Bentivoglio hütet. In den prachtvollen, mit Fresken aus dem 16. und 17. Jahrhundert ausgestatteten Sälen ist genügend Platz für ein oder auch zwei Lebenswerke. Zum Beispiel für die Sammlung von Kostümbildner Tirelli, die unter anderem das violette Meisterwerk aus Stoff beinhaltet, das Tirelli einst für Romy Schneider in Luchino Viscontis "Ludwig II" schneiderte. Und es ist auch Platz für Ligabues Leben in Form von Fotografien, Briefen an seine Pflegemutter und eine jährlich wechselnde Ausstellung mit Gemälden und Skulpturen; gezeigt wird, was die Leihgeber großzügig gewähren. Das funktioniert gut, wie Fraimini erzählt. Lediglich die wachsende Berühmtheit Ligabues macht dem Museum zu schaffen, da mit dem Bekanntheitsgrad die Versicherungssummen steigen.

Antonio Ligabue
, Autoritratto con sciarpa rossa,
1958

Ein Kampf auf Leben und Tod tobt im Bild "Schwarze Witwe" (1951).

(Foto: Fondazione Archivio Antonio Liga)

Die Werke spiegeln Ligabues Seelenleben wider. Der Außenseiter, der sich immer lieber mit Tieren als mit Menschen beschäftigt, malte Tiger im Kampf mit Schlangen, Leoparden, scheuende Pferdegespanne vor dunkel drohendem Himmel. Immer wieder spielt der Kampf zwischen Ungleichen eine Rolle: Ein Wiesel springt einen Hasen an, Jagdhunde attackieren ein Wildschwein, ein Leopard jagt eine Gazelle. Fast naiv wirken die Bilder, doch es fehlt die unbeschwerte Idylle. Die Unruhe zeigt sich in den Selbstporträts eines hageren Mannes mit Hakennase, tief liegenden Augen und oft einer Wunde auf der Stirn, die er sich angeblich selbst zufügte. Gemälde von Vincent van Gogh oder Henri Rousseau kommen einem in den Sinn.

Wie schwierig die Beziehung zwischen dem Dorf und Ligabue war, das erfährt man in der Casa Museo Antonio Ligabue, die Giuseppe Caleffi hütet, einem Häuschen am Rand des Dorfes. "Ich habe entdeckt, dass ich eine Beziehung zu ihm habe", erklärt Caleffi. Sein Onkel sei einer der Wenigen gewesen, die sich zu Lebzeiten um Ligabue gekümmert hätten. "Er war der Einzige, der ihn verstanden hat, menschlich und künstlerisch", erzählt Caleffi. So habe Ligabue nach einer negativen Kritik einmal zu seinem Onkel gesagt: "Ich weiß, wer ein guter Mensch ist." Caleffi berichtet auch, dass Ligabue die Käufer seiner Werke gelegentlich vor den Kopf stieß: Wenn sich nämlich Leute für ein Gemälde interessierten, führte er sie kurzerhand in die Häuser, in denen schon Werke von ihm hingen oder nahm die Bilder als Anschauungsmaterial einfach wieder mit. Zudem musste Ligabue für die deutschen Besatzer als Dolmetscher arbeiten, was ihm viele übel nahmen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg aber wuchs die Anerkennung für den Künstler Ligabue - für seine Tierszenen, Selbstporträts und sogar Frauenporträts, obwohl er sich mit Frauen laut Caleffi schwertat. Ab Mitte der Fünfziger fanden größere Ausstellungen mit Ligabues Werken statt, unter anderem in der Galleria La Barcaccia di Roma. Den Erfolg konnte Ligabue aber nicht lange genießen. 1965 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand und er starb dort, wo er 46 Jahre zuvor angekommen war, im Hospital neben dem Armenhaus. Kurz vor seinem Tod hatte er seine Umgebung ein letztes Mal überrascht: Er hatte sich taufen lassen.

Um das Vermächtnis von Antonio Ligabue kümmert sich heute die Stiftung Fondazione Archivio Antonio Ligabue in Parma, die auch die aktuelle Ausstellung zu Ligabue im Palazzo Tarasconi organisiert hat. Deren Präsident Augusto Agosta Tota nennt Ligabue einen mythischen Mann, in dessen Leben Empathie, nicht Logik, die größte Rolle spielte. Der Kampf ums Leben bestimmte Ligabues Handeln, so Tota. Ligabues Ängste greift auch Giorgio Diritti in seiner Filmbiografie auf, die 2020 bei der Berlinale gezeigt wurde: "Volevo nascondermi" - ich wollte mich verstecken.

Italien-Serie

Diese zweite Ausgabe der Serie "Unbekanntes Italien" ist der Mitte des Landes gewidmet, der Gegend zwischen dem Po und den Bergen des nördlichen Apennin. Voraussichtlich Ende Januar erscheint der dritte Teil mit Geschichten aus dem Norden Italiens. Den Schlusspunkt setzt im März eine weitere Ausgabe zu den großen Inseln Sardinien und Sizilien.

Dauerausstellung in Gualtieri: www.museo-ligabue.it; www.comune.gualtieri.re.it. In Parma läuft die Ausstellung "Ligabue & Vitaloni. Dare Voce Alla Natura" im Palazzo Tarasconi voraussichtlich bis 30. Mai 2021; www.fondazionearchivioligabue.com; www.parma2020.it

© SZ vom 30.12.2020
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