Rothenburg ob der Tauber Eine Stadt, die schön scheint

Gäste machen eine typische Handbewegung am "Plönlein" in Rothenburg ob der Tauber.

(Foto: Antonia Küpferling)

Was macht der Tourismus mit dieser Kleinstadt, die sich als Märchen aus dem Mittelalter verkauft? Besuch in einem Ort, der von Urlaubern lebt - aber mehr sein möchte als nur Kulisse.

Reportage von Katja Schnitzler

"Wie bei Cinderella daheim." "Gleich kommt eine Fee um die Ecke." "Fabelhaft." Wenn Besucher Rothenburg ob der Tauber beschreiben, mit seinem Fachwerk und den bunten Bürgerhäusern, von einer Stadtmauer und Türmen schützend umringt, fallen vielen nur noch Märchenfloskeln ein. Die fränkische Kleinstadt im Dreieck zwischen Heilbronn, Würzburg und Nürnberg wirkt wie aus dem Mittelalter in die Moderne gezaubert. Dass dieses historische Original fast zur Hälfte nach einem Bombenangriff 1945 wieder aufgebaut werden musste, sieht und weiß fast keiner.

Das soll so sein, schließlich ist der pittoreske Anblick die wichtigste Zutat, um weiter Urlauber aus Asien, den USA, Europa und auch Deutschland anzulocken. Doch wie lebt es sich in einer Stadt, die für Touristen die ideale Selfie-Kulisse ist?

Gut, sagt Walter Hartl. Das muss er, er ist seit 2006 Oberbürgermeister von Rothenburg. Allerdings ist Hartl inzwischen selbst in ein Haus mitten in der Herrngasse gezogen. Von hier aus hat er das Rathaus und den Marktplatz im Blick und die Hauptroute der Urlauber, die weiter zum Burggarten wollen, vor der Tür. Doch Hartl genießt es, mit einem Schritt "im Leben" zu stehen und auf der Rückseite des Hauses seine Ruhe zu haben. Eigentlich sei das in der ganzen Altstadt so: In einigen Gassen - alle Straßen innerhalb der Stadtmauer heißen Gassen, egal wie eng oder breit sie sind - prägt ein ständiges Kommen und Gehen und Fotografieren das Bild.

Oberbürgermeister Walter Hartl

(Foto: Antonia Küpferling)

"Aber ein paar Meter weiter ist man ganz allein", betont Hartl. Es ist ihm wichtig, diese unbekannte Seite zu zeigen, die auf und vor der Stadtmauer zu finden ist, aber auch in kleinen Nebenstraßen. Denn Rothenburg ist zum geflügelten Wort für Overtourism geworden, noch bevor dieser Begriff modern wurde, der Touristenmassen beschreibt, die den Einheimischen zur Last werden. Der Ort wurde als Negativbeispiel bei der Talkshow "Hart aber fair" genannt und bei einer Tagung andere Stadtherren wurden diese vor einer "Rothenburgisierung" gewarnt. Das alles ärgert Hartl: Es treffe einfach nicht zu.

Früher vielleicht, vor seiner Amtszeit: Da durften Gastronomen noch keine Tische auf die Plätze stellen. Die Touristen wurden durchgeschleust und verweilten nicht, obwohl es doch so schön war. Und Rothenburger, die außerhalb der historischen Stadtmauer lebten, hatten keinen Grund, in die Altstadt zu kommen. So waren die Gassen voll, aber dennoch ohne Leben.

Heute, wenn Oberbürgermeister Hartl an lauen Abenden sein geräumiges Büro im zweiten Stock des Rothenburger Rathauses verlässt, die enge Wendeltreppe hinabsteigt und vor das Tor tritt, muss er sich manchmal seinen Weg zum Marktplatz, an dessen Rändern Cafés und Restaurants ihre Gäste draußen bewirten, mit vorsichtigen Schritten bahnen: "Abends sitzen die Menschen auf den Rathaustreppen, das freut mich." Doch die Freude ist nicht ungetrübt, selbst bei Hartl nicht: Zu viele lassen ihren Müll liegen - irgendjemand wird in dem malerischen Rothenburg schon dafür bezahlt werden, hinter den Besuchern herzukehren.

Die Welt ist zu Gast, jeden Tag

"Was soll da ein Gast aus Japan sagen?", fragt sich der Bürgermeister. Er hat selbst gesehen, dass es in Tokio nicht nur sauber ist, sondern rein. Dagegen könnte sein durchaus aufgeräumtes Städtchen beinahe verlottert wirken. Bis der Straßenkehrer kommt.

In Rothenburg sieht man die Stadt auch mit den Augen der anderen, schließlich ist die Welt zu Gast, jeden Tag. Und: Sie ist im Gegensatz zu Dubrovnik oder Barcelona noch immer willkommen. Meistens jedenfalls.

11 000 Einwohner leben in der Kleinstadt, davon 2500 in der Altstadt, die jedes Jahr Ziel von 340 000 Urlaubern ist, die über Nacht bleiben. Die etwa 1,7 Millionen Tagesgäste, die auf eigene Faust oder mit Bussen anreisen, sind da noch nicht mitgezählt. Weil von Januar bis März weniger los ist, bleiben neun Monate, in denen am Tag auf einen Altstadtbewohner drei Touristen kommen.

Sie alle haben das gleiche Ziel und viele nehmen denselben Weg: gegenüber von den Busparkplätzen durch die wehrhafte Spitalbastei, die heute allen und sogar Autos offensteht, hinauf zum "Plönlein", um gleich eines der meistfotografierten Gebäude-Ensembles in Rothenburg abzuhaken, und weiter hoch die Schmiedgasse bis zum Marktplatz am Rathaus.

Das "Plönlein" - also kleiner Platz - mit dem Siebersturm links, dem Kobolzeller Tor rechts und adrett dazwischen ein schmales Fachwerkhaus mit einem Brunnen davor

(Foto: Antonia Küpferling)

In kleinen Prozessionen spazieren Gruppen gemächlich den hochgereckten bunten Schildern ihrer Führer nach, womit sie als Ausflugsgruppe einer Flusskreuzfahrt erkennbar sind. Auf der Tauber selbst ist diese Schifffahrt nicht möglich, aber im nahen Würzburg wird angelegt.

Die wenigen Einheimischen, die an einem Werktag in der Altstadt zwischen Spaniern, Amerikanern, Russen und Schwaben unterwegs sind, erkennt man an ihrer doppelt so schnellen Gehgeschwindigkeit. Daran, dass sie ein Ziel haben und keine Souvenirtüte in der Hand. Oder daran, dass sie ihren Hund ausführen wie Andreas Baatz. Zu Hause macht sich der sportliche Mann mit den kurzgeschorenen Haaren ein Spiel daraus, bei geöffnetem Fenster zu erraten, in welcher Sprache sich die Menschen darunter unterhalten.

"Neugier ist doch normal"

Das stört ihn nicht, auch wenn an der Nachtwächter-Führung schon mal 300 Leute teilnehmen. Aber Rothenburg sei ja kein Ziel von lautstarken Partytouristen. Dass Besucher neugierig in den Hof schauen, "ist doch normal, das kann ich ihnen nicht vorwerfen". Und schließlich profitierten auch Einwohner wie er davon, dass die Stadt einen guten Eindruck machen will, "das fängt schon bei den Blumen im Burggarten an".

Und davon, dass Konkurrenz das Geschäft belebt: Bei dieser Restaurantdichte seien die Preise unschlagbar, der Umgang mit Gästen professionell. Baatz hat auch deshalb einen anderen Blick auf Rothenburg, weil er selbst im Tourismus arbeitet und Kanutouren anbietet. "Wenn wir da am Unstrut-Radweg in Gaststätten einkehren, merkt man: Die braten vielleicht zweimal am Tag ein Schnitzel." Diese seien dann zwar gut, aber für die Gastronomen sei der Aufwand für so wenige Gäste außerordentlich hoch.

Andreas Baatz mit Hündin Ronja

(Foto: Antonia Küpferling)

So positiv wie Andreas Baatz sieht nicht jeder Rothenburg: Sein Zwischenmieter wollte nach kurzer Zeit nichts wie weg aus dieser Altstadt. Nur im Advent wird es selbst Baatz fast zu viel. Dann ist Reiterlesmarkt, der "komplette Wahnsinn". Dabei ist in Rothenburg eigentlich immer Weihnachten.

Eine Frau mit dunkel gefärbten Haaren, die eine Tüte mit aufgedrucktem Christbaum trägt, stöhnt laut auf: "Ich hab jetzt genug von Weihnachten." Der gebrechliche Mann neben ihr stützt sich schwer auf seinen Rollator: "Ja, das war jetzt die volle Dosis." Die bekommt man in "Käthe Wohlfahrts Weihnachtsdorf". Vor der Tür steht ein riesiger Nussknacker, in der Herrngasse parkt ein - natürlich disneymärchenhafter - schwarz-roter Oldtimer-Bus mit bunten Geschenken auf dem Dach. Er ist nach dem Plönlein wohl das meistfotografierte Motiv in der Stadt.

Ja, es ist Weihnachten. Immer noch.

(Foto: Antonia Küpferling)

Auch im Laden herrscht akuter Kitsch-Alarm, es blinken Lichterketten an Christbäumen, Stofftiere von Steiff animieren winkend zum Kauf, es gibt Glaskugeln, Krippen und hölzerne Adventskalender, die eine mittelalte Kundin aus den USA verzücken: "Adorable! If we had this when the kids were young ..." Einen Gang weiter prallt der kommerzialisierte Zauber der Weihnacht an einer Frau ab, deren Kindheitserinnerung an das Glück der Bescherung ebenfalls schon Jahrzehnte alt ist: "Den ganzen Kram hat meine Mutter gerade weggeworfen, das war viel zu viel."

Offenbar eine nüchterne Ausnahme: Vor der Kasse bildet sich eine Schlange, dahinter rotieren vier Verkäuferinnen. Wer nun noch sehen möchte, wie Heiligabend früher war, geht hinauf in den ersten Stock ins Weihnachtsmuseum. Wer eher wieder zur Besinnung kommen will, lässt das Christmaswonderland hinter sich und biegt nach Norden in die Kirchgasse ein.

Der wahre Schatz ist hölzern

Nach wenigen Metern steht man vor der Jakobskirche mit ihren zwei unterschiedlich hohen Türmen. Im Inneren der gotischen Kirche, die evangelisch ist, aber nicht so aussieht, befindet sich ein Meisterwerk. Prunkvoll leuchtet der goldverzierte Zwölfboten-Altar an der Stirnseite der Kirche. Doch nicht seinetwegen kommen die Besucher, sondern wegen des hölzernen Heiligblutaltars auf der Empore.

Der berühmte Bildschnitzer Tilman Riemenschneider hat den filigranen Flügelaltar gefertigt: ein versöhnliches Bild vom Abendmahl, in dem Judas im Mittelpunkt steht und nicht Jesus. So ganz genau weiß mancher Besucher allerdings nicht, was ihn in der Kirche erwartet: "Es wurde schon nach dem Romy-Schneider-Altar gefragt", erzählt Oliver Gußmann, der hier als Pilger- und Touristenpfarrer wirkt.

Am Heiligblutaltar steht Judas im Zentrum - und kann herausgenommen werden.

(Foto: Antonia Küpferling)

Währenddessen bemüht sich ein Paar redlich, umsonst Einlass zu erhalten: "Wir zahlen Kirchensteuer, allerdings an die Katholiken ... das zählt wohl nicht?" Zumindest nicht hier, denn für den Erhalt des Gotteshauses und der kunstvollen Altäre kommt kein Steuergeld an, so dass von Erwachsenen 2,50 Euro Eintritt verlangt wird, außer zu Gottesdiensten. "Das Eintrittsgeld ist schwierig, wenn Leute nur in die Kirche wollen, um zu beten", findet Gußmann. Nur: Allein könnte die Gemeinde das Gotteshaus nicht finanzieren. Doch die halbe Stunde Orgelmusik am späten Mittwochnachmittag ist frei, dann sitzt eine internationale Zuhörerschaft auf den Bänken.

"Meist ist es so, dass unter der Woche Kirchenmuseums-Besucher kommen und die Einheimischen am Sonntag zum Gottesdienst", meint Gußmann - ohne die Touristen wären die Gänge und Bänke an Wochentagen leer. Dann lieber Besucher, denen Kirchenführer die christlichen Geschichten über die Heiligen näherbringen.

Tatsächlich wäre es schwierig, die Kirche offen zu halten, wenn weniger Menschen in die Jakobskirche kämen, noch weniger: Vor zehn Jahren waren es ohne Gruppen noch knapp 100 000 Besucher, nun sind es nicht mal 70 000 Menschen.

Der Pfarrer arbeitet seit dem Jahr 2000 in der Stadt, damals sah er manche mit bedruckten T-Shirts herumlaufen: Ich bin kein Tourist, ich wohne hier. Heute höre er nur noch vereinzelt Stimmen, die sich über nächtlichen Lärm auf dem Marktplatz und in der Herrngasse beklagen.

Touristen- und Pilgerpfarrer Oliver Gußmann

(Foto: Antonia Küpferling)

Direkt vor der Jakobskirche steht ein Modell von Rothenburg, so ist die Stadt für Blinde ertastbar und für diejenigen überschaubar, die nicht über die steile Wendeltreppe auf den Rathausturm steigen wollen. Hier sieht man, wie die kleine Stadt im Mittelalter wuchs, ein zweiter Mauerring wurde notwendig. Bezahlt haben ihn im 14. Jahrhundert vor allem die Juden der Stadt mit einer Sondersteuer, die eigentlich ein Schutzgeld war, damit sie unbehelligt in Rothenburg leben konnten. Doch ihren Frieden konnten sie nicht erkaufen, die jüdische Geschichte in Rothenburg ist immer wieder eine Geschichte der Vertreibung.