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Anfänge des Strandurlaubs:Alle mal locker machen: der All-Inclusive-Urlaub

Alles organisiert, man muss sich um nichts kümmern. Großartig? Grauenhaft? Individuell oder pauschal zu reisen, gar "all inclusive", das ist vielleicht die größte Glaubensfrage im Tourismus. Dass man sich darüber wunderbar in die Haare kriegen kann, ist unter anderem dem britischen Unternehmer Thomas Cook zu verdanken. Er organisierte 1861 die erste Pauschalreise - damals noch sehr distinguiert für das viktorianische Bürgertum als Bildungstrip von London nach Paris. Das Patent für "all inclusive" wiederum ist umstritten, die meisten verehren oder verfluchen dafür aber einen Belgier.

Der ausgebildete Diamantenschleifer, ehemalige Résistance-Kämpfer und Wasserballspieler mit dem rasanten Namen Gérard Blitz soll während eines Urlaubs auf Korsika auf die Idee gekommen sein. 1950 gründete er mit Hilfe von Gilbert Trigano den "Club Méditerranée". Die ersten Feriendörfer, in denen die Gäste noch in Zelten und Strohhütten unterkamen, wurden schnell auf Mallorca und in Italien errichtet. Lästiges Geldzählen und Münzenkramen sollte nicht mehr das Vergnügen stören - die Gäste zahlten einen Paketpreis und wurden rundherum verpflegt und bespaßt.

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Urlaub hinter Mauern, am Buffet und unter scheinbar Gleichgesinnten: Neun SZ-Autoren berichten von ihren Pauschalreise-Erlebnissen.

Blitz sah sein später oft geschmähtes Konzept wohlbemerkt weder als Geldmaschine noch als Abschied vom denkenden Urlauber, sondern als geradezu philosophische Methode, Menschen für eine Weile von allen Sorgen zu befreien. Während immer mehr Touristen an den Stränden seiner Resorts vor sich hin brutzelten, ging Monsieur Blitz nochmals mit der Zeit: In den 1960ern zog er sich aus dem Management zurück und widmete sich als Schüler von T.K.V. Desikachar dem Yoga und wurde Mitbegründer der "European Union of Yoga".

Eigentlich ganz praktisch: die Luftmatratze

Das Strandurlaubs-Accessoire Luftmatratze wurde ursprünglich zu ganz anderem Zweck erfunden. Die Tüftler der Pneumatic Mattress & Cushion Company aus Reading, Massachusetts, brachten 1889 die erste aufblasbare Matratze auf den Markt. Und zwar nicht mit der Vorstellung von spielenden Kindern oder dösenden Erwachsenen im Pool vor Augen, sondern als billige, platzsparende und leichte Liege- und Schlafgelegenheit auf Atlantikdampfern. Das Design der Luftmatratze hat sich seither kaum verändert - die Ideen für ihre Verwendung dagegen sehr.

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Probier's mal mit Gemütlichkeit: der Strandkorb

Einen wesentlich bewussteren Beitrag zur Strandkultur leistete Wilhelm Bartelmann im Jahre 1882. Er war damals Mitte Dreißig und hatte sich den Titel Hof-Korbmachermeister erarbeitet. So kam er zu anspruchsvoller Kundschaft wie der Adeligen Elfriede von Maltzahn. Sie gab im Frühjahr für die beginnende Saison eine "Sitzgelegenheit für den Strand als Schutz vor Sonne und Wind" in Auftrag, die ihr trotz Rheuma angenehme Stunden am Meer ermöglichen sollte. Der begeisterte Tüftler Bartelmann entwarf daraufhin, wohl angeregt von bestimmten Vorläufern, die damals bereits an Nord- und Ostsee zu sehen waren, einen überdachten und mit Stoff überzogenen Stuhl.

Einmal am Strand von Warnemünde aufgestellt, machte Frau von Maltzahns Strandkorb schnell Furore. Auf seinen Einsitzer ließ Bartelmann die Variante für zwei Personen folgen, ergänzte klappbare Seitentischchen und Stützen für die Füße. Und um es den Kunden in wirklich jeder Hinsicht bequem zu machen, führte seine Frau im folgenden Jahr kurzerhand die erste "Strandstühle"-Vermietung ein. Von einem Patent wollte Bartelmann offenbar nichts wissen, einer Verbreitung und Weiterentwicklung seiner Entwürfe stand also nichts im Wege. Lübeck-Travemünde etwa wirbt heute bei ausländischen Gästen mit dem "beach chair" als Symbol der "German Gemütlichkeit". Anders gesagt: Ein kreativer Handwerker hatte einen entscheidenden Sieg über die legendäre Brise an Nord- und Ostsee errungen. Wenn das keine Pionierleistung ist.

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