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Andermatt in der Schweiz:Euphorie und Goldgräberstimmung

Nach ein paar Abfahrten hat es aufgerissen, und vom Oberalppass sieht man Schneehüenerstock und Schijenstock, an deren Hängen die Verbindungslifte entstehen werden. Heute führt von hier ein einziger Anker-Schlepplift hinauf. Der Liftmann an der Talstation begrüßt Bo freudig und lädt ihn zu einem Nescafé in sein hölzernes Kabuff. "Ich habe gerade die Webcam von Trysil angeschaut, ihr habt aber auch nicht viel mehr Skifahrer als wir", scherzt Baseli Huonder. Er ist redselig und hauptberuflich Bauer unten in Sedrun, sitzt auch im Gemeinderat. "In Sedrun waren die Leute gleich dafür, weil wir haben kein Militär", sagt Huonder. Er sei gespannt, ob "die schwedische Kultur von Skistar" auch hier in der Schweiz funktioniere. Deshalb war er sogar zu einer Informationstour in Skandinavien.

Der Ankerlift, um den herum im Sommer seine Kühe weiden, soll als erster durch einen Sechser-Sessellift ersetzt werden. Dafür brauche es nicht mehr Personal als heute, gibt Bo zu: einen Mann oben und einen unten. Huonder, der seit fast 30 Jahren für die Bergbahn arbeitet, stört das nicht. Es gebe keine Alternative zum Tourismus, deshalb müsse das Skigebiet ausgebaut werden. "Ein Lift ohne Skifahrer ist wie ein Stall ohne Kühe - dafür gibt es keine Subventionen." "Ja, das Zirkuszelt!", fängt Halvardsson wieder an. Er will es unter anderem mit zusätzlichen 30.000 skandinavischen Gästen füllen. "Für die ist die Schweiz nicht teuer, und sie kommen vor allem im Januar, wenn es bei uns zu kalt ist."

Die stagnierende Zahl von Skifahrern in den Alpen führt er darauf zurück, dass so ein Urlaub zu kompliziert sei. "Wir stehen in Konkurrenz zu Mallorca, wo einer in Shorts zum Flughafen geht, und alles andere ist schon organisiert." Das Prinzip von Skistar sei es, alles aus einer Hand anzubieten: Auf der Website könne man von der Übernachtung über die Lifttickets bis zu Leihskiern alles buchen. Skistar vermittelt, kassiert eine Provision und kontrolliert die Qualität. 5000 neue Betten sollen rund um Andermatt entstehen. "So etwas ist einzigartig im ganzen Alpenraum", sagt Bo, und seine Augen glänzen dabei wie die des Dompteurs vor der Raubtiernummer.

Die Dimension des Projekts kann man sich am besten auf einem Spaziergang durch das verschneite Andermatt vor Augen führen. Diesseits des Bahnhofs das alte Dorf mit bunten Stein- und dunklen Holzhäusern, Gaststätten, die Sternen, Ochsen und Bären heißen, Käsefondue und Cordon Bleu anbieten, Souvenirshops mit Schweizer Messern und einer Tankstelle mitten im Dorf. Am Dorfrand zum Bahnhof hin steht schon das Gebäude des The Chedi Andermatt, es wird ein Fünf-Sterne-Plus-Hotel mit 55 Suiten und 119 Apartments und soll im kommenden Dezember eröffnen.

Andermatt in der Schweiz

Das neue Resort entsteht angrenzend an den alten Ort auf der ganzen Fläche zwischen Straße und Berghang (linke Bildhälfte).

(Foto: Hans Gasser)

Der Rest des Resorts wird in den nächsten Jahren hinter dem Bahnhof gebaut, auf dem ehemaligen Schießplatz. Zu sehen sind bisher nur das 40.000 Quadratmeter große Beton-Podium mit Tiefgarage, auf dem zwei Apartment-Blocks in die Höhe wachsen: Haus Hirsch und Haus Steinadler. Durch Finanz- und Ägyptenkrise ist man etwas in Verzug, auch das der durchwegs enthusiastischen Bevölkerung versprochene Hallenbad kann erst 2018 und nicht wie geplant in diesem Jahr eröffnet werden. Solange bezahlt der Investor den Andermattern Fahrt und Eintritt ins nächstgelegene Hallenbad. Der riesige Golfplatz ist bereits fertig und harrt unter einer dicken Schneeschicht des Sommers.

Es gibt wenige Kritiker des Projekts, der entschiedenste ist der Gemeindearzt Andreas von Schulthess, ein Mann mit weißem Rauschebart. Er empfängt in seiner schönen Praxis mit Kachelofen und Rautenparkett und redet nicht lange um den heißen Brei. Sawiris nennt er einen "schlauen Fuchs" und "skrupellosen Spekulanten", dem die Andermatter auf den Leim gegangen seien. Die Mieten seien in die Höhe geschnellt, Aufträge für lokale Firmen könne man "an einer Hand abzählen", und die neuen Jobs würden hauptsächlich von unqualifizierten portugiesischen Arbeitern übernommen. "Die schöne Talebene wird durch das Resort zerstört und die Berglandschaft durch das Skigebiet, das sich Skistar unter den Nagel gerissen hat." Dass früher überall geschossen wurde, lässt er nicht gelten. Die Festungsbauten und Schießstände seien gut in die Landschaft eingepasst gewesen. Außerdem sei der Gotthard ein Mythos für die ganze Schweiz. "Und das opfert man nun für ein Disneyland für Touristen."

Umgebungskarte Andermatt

Umgebungskarte Andermatt Umgebungskarte Andermatt

(Foto: SZ Grafik)

Nicht weit von der Praxis des Doktors befindet sich der Kiosk 61. Inmitten von Zeitungen, Süßigkeiten, Glückslosen und Bergkristallen steht Bänz Simmen, mit Schiebermütze, Karohemd, Dreitagebart. Er bietet Führungen durchs Tal an und kennt wie kaum ein anderer dessen Geschichte. "Durch das Militär wurde der Tourismus hier kastriert", sagt er. Es habe in Andermatt Anfang des 20. Jahrhunderts schon Fünf-Sterne-Hotels gegeben, das Bellevue etwa, auf dem Grund, wo nun das Chedi gebaut wurde. Den zweiten Skilift der Schweiz habe man hier errichtet, doch als in den 1930er Jahren das Militär gekommen ist, sei das alles eingeschlafen. "Man wusste jedes Jahr: Soundso viele Tausend Soldaten kommen, also braucht man eine Tonne Schnitzel, egal ob gut oder nicht - das waren fast sozialistische Verhältnisse." Doch nach dem schrittweisen Abzug des Militärs hatte das Dorf keinen Plan, Hotels und Lifte waren veraltet, die Jungen zogen weg. Kein Wunder, so Simmen, dass nach Sawiris Einstieg "Euphorie und Goldgräberstimmung herrschten".

Doch von der Größe des Projekts seien der Kanton, vor allem aber die Gemeinde und der Verkehrsverein massiv überfordert. Es gebe immer noch "so eine saudumme Wir-sind-wir-Mentalität" und kaum innovative Ideen, was man ergänzend zum entstehenden Luxus-Resort im alten Dorf bieten wolle. Insgesamt findet er das Projekt gut. "Aber es ist doch eigentlich himmeltraurig, dass es einen Ägypter braucht, der uns über drei Pässe denken lässt."

Informationen

Anreise: Mit der Bahn etwa von München über Zürich und Göschenen in etwa 6,5 Stunden nach Andermatt. Hin- und Rückfahrt ca. 220 Euro, Sparpreise ab 180 Euro, www.bahn.de; oder mit dem Flugzeug nach Zürich, von dort in zwei Stunden nach Andermatt.

Unterkunft: z. B. Alpenhotel Schlüssel, Doppelzimmer ab 150 Franken (ca. 120 Euro), zentral im Dorf gelegen, www.hotelschluessel.com. Der Verkehrsverein vermittelt Ferienwohnungen und Privatzimmer.

Informationen zum Projekt:www.andermatt-swissalps.ch, www.gigantismus-andermatt.ch

Allgemeine Informationen: Verkehrsverein Andermatt, www.andermatt.ch; Verkehrsverein Sedrun, www.disentis-sedrun.ch; Schweiz Tourismus, www.myswitzerland.com