Die Mille Miglia hat zwei Gesichter – ein sehr fokussiertes und ein ziemlich entspanntes. Gegründet wurde sie 1927 als Autorallye, von Brescia nach Rom und zurück – im kommenden Jahr steht also ein großes Jubiläum an. Tausend Meilen durch Italien, über Landstraßen, durch Dörfer und Städte in schnellen, schnittigen Autos. Jedes Jahr wurde die Strecke ein wenig verändert, nur der Start- und der Wendepunkt blieben gleich.
Der Zweite Weltkrieg brachte eine Unterbrechung, nach der Wiederaufnahme in den Nachkriegsjahren erreichte die Mille Miglia die größte Popularität. Wohl auch, weil in den Vierzigern und Fünfzigern, abgesehen von einer Ausnahme, die Sieger stets Italiener waren, die ein italienisches Auto gesteuert haben. Meistens war es ein Ferrari, je einmal auch ein Alfa Romeo und ein Lancia.
Bis 1957 passiert ist, was wohl irgendwann unausweichlich geschehen musste: Es kam zu einem schweren Unfall, bei dem neun Zuschauer starben. Enzo Ferrari, damals der Patron der Mille Miglia, wurde wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Von diesem Vorwurf wurde er 1961 freigesprochen. Nur wenige Tage nach diesem verheerenden Unfall, der nicht der erste bei dieser Rallye war, verbot die italienische Regierung Rennen auf öffentlichen Straßen. Damit schien auch die Mille Miglia Geschichte zu sein.
Es kam jedoch zu einer Renaissance im Jahr 1977. Nicht mehr als Geschwindigkeitsrennen, sondern als Nostalgie-Tour wird sie seither wieder ausgeführt – in diesem Jahr von 9. bis 13. Juni. Nach wie vor von Brescia nach Rom und zurück auf einer vorher festgelegten, landschaftlich besonders reizvollen Strecke. Es geht also auf variierenden Kursen durch die Lombardei und das Piemont, durch Ligurien, die Toskana, Umbrien und die Emilia Romagna. Mal im, mal gegen den Uhrzeigersinn. Die Autos, die bei dieser motorisierten Prozession ausgefahren werden, sind idealerweise Fahrzeuge aus den Jahren, als die Mille Miglia noch eine Rallye war.

Der Reisebuchautor Stefan Maiwald, der selbst lange schon in Italien lebt, jedoch abseits der Mille-Miglia-Route an der nördlichen Adria, hat sich für das Buch „Amore & Motore“ selbst auf eine solche Nostalgie-Tour gemacht. Wenn auch nicht in einem Oldtimer. Nichtsdestotrotz sind in dem Band einige historische Fotos abgebildet von den einstigen Geschwindigkeitsrennen und vor allem etliche Aufnahmen von den jüngsten Mille-Miglia-Touren. Stets sind die Fahrzeuge die Akteure in einer reizvollen Kulisse. Seien es die Prachtstraßen der großen Städte, die Gassen einer mittelalterlichen Ortschaft oder die Landschaften der Cinque Terre, des Val d’Orcia, der Hügel Umbriens oder des Gardasees.
Es sind Bilder einer beinahe schon zum Klischee übersteigerten, aber eben doch realen italienischen Lebensart. Ihnen fügt Maiwald kleine Geschichten vom Wegesrand bei. Über gute Hotels und Restaurants. Über regionale kulinarische Spezialitäten – voran allüberall die jeweiligen Weine, aber auch das Pesto aus Genua, den Kaffee in Turin, Schokolade und Haselnüsse aus dem Piemont, die Kutteln in Florenz, die Würste und Schinken aus der Emilia Romagna. Dazu Hinweise auf architektonische und landschaftliche Sehenswürdigkeiten, auf Traditionen und Kuriositäten.

Für all das bleibt nur Zeit, wenn man die Mille Miglia nicht in fünf Tagen absolviert wie während der offiziellen Veranstaltung. Sondern sich mindestens drei Wochen Zeit nimmt für diesen motorisierten Bummel durch weitere Teile der nördlichen Hälfte Italiens. Oder die Route gleich in mehrere Etappen unterteilt und sich in jedem Jahr eine Teilstrecke vornimmt.
„Amore & Motore“ ist, auch wenn es der zweite Teil des Titels nicht sofort nahelegt, ein Plädoyer, sich Zeit zu lassen beim Reisen. Und lieber auszuwählen und manches auszulassen, um die Dinge bewusst wahrzunehmen und auch genießen zu können, anstatt von einem Ort zum nächsten zu hetzen.
Stefan Maiwald: Amore & Motore. Auf den Spuren der legendären Mille Miglia durch Italien. Polyglott/Gräfe und Unzer Verlag, München 2026. 272 Seiten, 35 Euro.

