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Amerika, der Länge nach (XXVIII):Durst - und nur Champagner

Vier Stunden später rollen wir also in Antofagasta ein. In einem halben Tag bin ich von viertausend Höhenmeter auf null Höhenmeter gereist. Einen Monat lang war ich hoch oben in den Anden. Ich atme tief und bilde mir ein, dass meine Lungen sich öffnen. Jedenfalls fühlt es sich gut an. Zu kalt war es s mir da oben auch irgendwann.

Als ich morgens im Bus aufwache, fahren wir an Weinbergen und Olivenhainen vorbei. Dann kommt Santiago. Am Busterminal wartet Christian. Er ist etwas sauer, weil ich mich wegen der Zwischenfälle in Bolivien um zwei Tage verspätet habe. Leider ist es völlig unmöglich, mit Zeitplan durch Südamerika zu reisen.

Ich verzichte dafür darauf, jetzt noch eine Tour durch Santiago zu machen. Scheint ohnehin recht monoton zu sein. Statt dessen geht es in den nächsten Bus, direkt weiter an die Küste, nach Valparaiso. Pablo Neruda hat dort von Salz und Sonne und Haut gedichtet. Die Häuser sind so bunt angemalt, als gingen sie mit zum Fasching.

Irgendwie fänd ich's lustig, wenn etwas passiert. Aber hier passiert nichts. Nach Bolivien und Peru ist das Leben in Chile erschreckend normal. Im Hostel treffen wir Fiona und Giles aus Irland und Astrid und Christina aus Deutschland. Christina kocht Gemüselasagne. Das Wohnhaus von Neruda ist wegen Feiertag geschlossen.

Die Chilenen leben in einem Dilemma. Einerseits sind sie stolz darauf, dass ihr Land das Wirtschaftswunderkind Südamerikas ist. Zumindest den Zahlen nach. Andererseits räumen sie ein, dass sie das der modernen Wirtschaftspolitik ihres Diktators zu verdanken haben. Und sie wissen, dass der Preis dafür zu hoch war

Ich gewöhne mich an den Gedanken, dass meine Reise bald vorbei ist. Bevor ich zurück nach Deutschland fliege, will ich noch ein paar entspannte Tage verbringen und viel Sonne sehen. In Valparaiso geht das, die nächste Etappe endet aber im Regen. Ganz unten, auf der Insel Chiloe. Am Strand bei Ancud stehen Pinguine.

Die letzte Fahrt im Nachtbus

Im Bus nach Puerto Montt hatten wir Bierflaschen versteckt, die wir später leer trinken, um besser schlafen zu können. Im Fernseher läuft ein schlechter Film. Es ist die letzte Nachtbusfahrt auf dem Weg nach Süden. Ich vergesse meinen Fleecepulli im Bus, der mich seit Alaska gewärmt hat. Mein Rucksack wird immer leichter.

Auf dem Weg zu den Pinguinen setze ich das Auto in den Morast am Straßenrand. Zwei chilenische Bauern helfen uns. Auf dem Rückweg überfährt Christian eine weiße Katze. Ich schaue mich um. Die Katze hebt noch ein Hinterbein. Dann ist sie tot. Ich halte nicht viel von Katzen. Aber eine Katze töten ist nicht schön.

Diplom-Journalist Robert Jacobi (29) war bei der SZ als Wirtschaftsredakteur und Korrespondent in Berlin tätig.

Durch seine journalistische Arbeit hat er mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Alexander-Rhomberg-Preis für deutsche Sprache, den Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik und den Arthur-F.-Burns Journalistenpreis des Auswärtigen Amtes.

Nach einem Harvard-Abschluss in Internationaler Wirtschaft hat er sich auf den Weg gemacht - von Alaska nach Chile.