Altstadt von Lissabon:Verfall der Schönheit

In den Straßen des alten Lissabons überkommt nicht nur Portugiesen, sondern auch Touristen die Schwermut: Selbst prunkvolle Stadtpaläste verfallen und werden den Tauben überlassen.

Eine Bilderreise von Katja Schnitzler

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Lissabon Städtereise Portugal Altstadt Alfama Baixa Verfall Reiseblog

Quelle: Katja Schnitzler

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In den Straßen des alten Lissabons überkommt nicht nur Portugiesen, sondern auch Touristen die Schwermut: Selbst prunkvolle Stadtpaläste verfallen und werden den Tauben überlassen. Eine Bilderreise von Katja Schnitzler

Lissabon, die weiße Stadt auf sieben Hügeln, wirkt imposant mit ihren vielen weißen Kirchen, die zwischen den Altstadthäusern hervorragen. Aber der gute Eindruck währt nur, solange man die Stadt vom Wasser des Tejo aus betrachtet und nicht zu genau hinsieht.

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Wer näher ans Ufer fährt, erblickt zwischen restaurierten und oft nicht mehr traditionell weißen, sondern bunten Fassaden die traurigen Überreste einst prachtvoller Häuser mit leeren Fenstern. Bretter sollen die Öffnungen in den Mauern verschließen, trotzdem fliegen Tauben ein und aus. Andere Gebäude schützt das löcherige Dach schon lange nicht mehr vor Regen. Provisorisch wird ein Wellblechdach darüber gelegt, gestützt von Baugerüsten.

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So stehen direkt neben neu verputzten Schönheiten im aufgefrischtem Farbton Gebäude, mit denen man Mitleid bekommen könnte. Die Fassaden liegen offen, gleichen Wunden, die in die Flanken der Häuser geschlagen sind. Uralte Klimaanlagen haben die Mauern dunkel verfärbt. In manchen Ladenzeilen werben im Erdgeschoss hochpreisige Geschäfte um Kunden, während diese beinahe fürchten müssen, beim Betreten von Fassadenteilen aus den verlotterten Stockwerken darüber getroffen zu werden.

Da wird auch der Besucher gepackt von der Saudade, der berühmten Schwermut der Portugiesen. Die Künstler unter ihnen singen ihre Trauer hinaus, andere leiden still unter der Verwahrlosung der Straßen in der einst reichen Stadt.

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Die Zeit des Reichtums ist lange vergangen. Nun verfällt die Schönheit, die zu teuer ist, um sie zu bewahren. Fast ein Drittel der Häuser in Lissabon stammt aus der Zeit vor 1919 - ein Erbe, das kostet. Doch auch Portugal steckt in der Finanzkrise, die kaum Spielraum lässt. Im April 2011 hatte das Land die EU um finanzielle Hilfe bitten müssen, um den Preis harter Spar- und Reformauflagen. Viel Luft bleibt da nicht. So werden selbst Gebäude dem Verfall überlassen, die andernorts als Stadtpalais gehegt würden - etwa gleich um die Ecke der prunkvollen Praça do Comércio (im Bild), einem Platz umgeben von Ministerien.

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Zwischen den Gauben haben Gras und kleine Bäume ihre Wurzeln ins brüchige Mauerwerk geschlagen. Die Fenster stehen offen oder sind zerbrochen, alte Vorhänge wehen im Wind. Die verschnörkelten Fenstergitter im ersten Stock tragen nun Wellblech, das die Fußgänger darunter vor der bröckelnden Fassade schützen soll.

Mit ein Grund für den Verfall sind zu hohe Quadratmeterpreise in Lissabon, weshalb viele Menschen laut der spanischen Tageszeitung El País lieber pendeln - und damit auch ihr Geld in anderen Kommunen lassen.

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Trübsinnig wandert der Besucher durch die Gassen des Altstadtviertels Alfama und gerät nicht nur gedanklich, sondern tatsächlich in eine Sackgasse, die Travessa das Merceeiras. Und steht vor dem nächsten Haus mit zerstörter Fassade, meint er. Doch dieser Verfall entpuppt sich als Meisterwerk des portugiesischen Street-Art-Künstlers Alexandre Farto, bekannt als Vhils (weitere Werke von ihm sehen Sie hier). Das Antlitz auf Stein blickt zur Seite. Natürlich wehmütig.

The tram 28 moves through an old neighborhood in Lisbon

Quelle: Reuters

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Damit der Besucher nicht völlig in Saudade versinkt, will er sich mit einer Fahrt in der berühmten Straßenbahn Nummer 28 durch die Viertel Alfama und Baixa bis nach Prazeres ablenken. Durch schmalste Gassen, hügelauf und -ab führen die Gleise und vorbei an Sehenswürdigkeiten - und an weiteren baufälligen Häusern mit den berühmten Kachelfassaden, die ebenfalls angeschlagen sind.

Mit der Straßenbahn Nummer 28 erhalten die Fahrgäste einen schnellen Eindruck von den Altstadtvierteln Lissabons, daher sind die Wagen stets überfüllt. Wer trotzdem nicht erst nachts zusteigen möchte, um einen Platz am Fenster zu bekommen, nimmt eine der Trambahnen, die nur bis Estrela fahren. Dort steigt er aus und schlendert durch den schönen Park Jardim da Estrela, trinkt einen Kaffee am Kiosk und spaziert dann zur Wendeschleife zurück. So erhöht sich bei der Rückfahrt die Chance auf einen Sitzplatz in der noch leeren Tram. Nicht nur in deren Wagen wird vor Taschendieben gewarnt.

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Auch zurück in der Alfama, vor dem Castelo de São Jorge, sind Gauner unterwegs. Die Festungsanlage mit der Burgruine sind die einzigen Bauten in Lissabon, deren Verfall Besucher ohne Wehmut betrachten. Die Zeit der Wehranlage ist lange vorbei, 1755 wurde sie beim großen Beben zerstört. In den Jahrhunderten zuvor siedelten hier unter anderem Römer, Überreste einer alten Villa sind im Burghof begehbar. Nun kämpfen die Besucher auf der Burgmauer mit der niedrigen Brüstung (früher waren die Menschen doch wesentlich kleiner) nur noch mit dem Höhenschwindel. Haben sie wieder Halt gefunden, genießen sie von den Mauern aus oder am Vorplatz einen Rundumblick auf alle Stadtviertel.

Den gibt es aber auch ganz in der Nähe an einem Miradouro (Aussichtspunkt) in der Straße Largo da Graça - kostenlos und ohne Höhenangst.

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Am Miradouro neben der Igreja da Graça mischen sich Portugiesen und Touristen, der Blick zieht beide an. Dass aus Altem etwas Neues entstehen kann, wenn man nur die passende Idee hat, zeigen an Wochenenden Eisverkäufer vor der Kirche. Dann hat ein ausgemustertes Feuerwehrauto aus Gerhardtsgereuth in Thüringen wieder einen Einsatz: Hitze wird nun mit Eis gelöscht.

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Unter Bäumen trinken Besucher und Bewohner Wein oder Kaffee an den kleinen Tischen des Kioskes am Miradouro Graça. Sie blicken auf die Burg, auf die Hängebrücke Ponte 25 de Abril und auf die alten Viertel Lissabons mit ihren renovierten und verfallenen Häusern. Von der Ferne betrachtet, im milden Abendlicht, ist die Stadt wieder reich - zumindest an Schönheit.

© SZ.de/cag/bavo
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