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Alpenpässe für Radfahrer:Tut weh, aber lohnt sich

Wer behauptet, vor Anstrengung habe der Sportler gar keinen Blick mehr für die Schönheit der Berge, irrt: Wo schmerzverliebte Radler gerne hinaufrollen - und hinab sowieso.

Von Sebastian Herrmann

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Hahntennjoch

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Quelle: imago/Westend61

Das Hahntennjoch knallt dem Rennradfahrer gleich zu Beginn einen ordentlichen Hieb in den Leib. Aus dem Tal führt die Straße nahe Elmen erst in eine enge Kurve und verwandelt sich dann in eine schmerzhaft lange, gerade und steile Rampe. Es wirkt fast, als würde der Pass dem Radler noch einmal zurufen: "Willst du dir das wirklich antun?" Ja, nickt der Radler. Denn der einzige Grund, diesen anspruchsvollen Pass nicht zu befahren, ist der an schönen Wochenenden oft starke Verkehr. Der Pass liegt so weit nördlich in den Alpen, dass gefühlt alle Motorradfahrer und Sportwagenbesitzer aus dem Münchner Großraum mit ihren röhrenden Stinkmaschinen hier herumkurven. Wer eine Geräuschkulisse wie am Mittleren Ring in München vermeiden will, radelt deshalb unter der Woche auf das Hahntennjoch, versucht in Stille steile Rampen sowie große Ausblicke zu genießen und freut sich auf die enorm rasante Abfahrt in Richtung Inntal.

Westrampe von Elmen

Distanz: 14,8 Kilometer // Höhenmeter: 947 // Passhöhe: 1903 Meter // Durchschnittliche Steigung: 5,9 % // Maximale Steigung: 15 %

Weshalb sich Rennradler wirklich einen Pass hinaufquälen, lesen Sie hier.

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Großglockner Hochalpenstraße

Großglockner Hochalpenstraße

Quelle: dpa

Die Großglockner Hochalpenstraße verführt den Rennradler schon allein durch die vielen feinen Namen, welche die lange Fahrt begleiten. Da wartet die Hexenküche, dann folgen das Fuscher Törl und das Hochtor, wo dann die Abfahrt in Richtung Heiligenblut beginnt. Die Auffahrt von Bruck aus ist lang, sehr lang und von der Mautstation an quält die Großglockner Hochalpenstraße den Radler mit durchgehend steilen Passagen. Über weite Phasen verfügt die Straße über zwei Spuren in beide Richtungen, was den oft starken Verkehr etwas erträglicher macht. Zwischen dem Fuscher Törl und dem Hochtor bringt erstens eine kleine Zwischenabfahrt Spaß; und zweitens ist es großartig, hier im Frühsommer entlang zu fahren, wenn die Straße noch von meterhohen Schneewänden begrenzt ist, die von der Fräse links und rechts neben den Asphalt geschnitten worden sind.

Nordrampe von Bruck

Distanz: 32 Kilometer // Höhenmeter: 1900 // Passhöhe: 2504 Meter // Durchschnittliche Steigung: 5,7 % // Maximale Steigung: 12 %

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Passo di Giau

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Quelle: imago/Westend61

In den Dolomiten fällt es stets schwer zu sagen, was einem da gerade den Atem raubt: Sind es die erhabenen, bizarren, verwunschenen Felsen dieses schönsten aller Gebirge? Oder steckt doch nur die Anstrengung der Fahrt hinter der Schnappatmung? Der Passo di Giau ist von beiden Seiten eine Fahrt wert. Wer sich aber von Süden aus ab Selva di Cadore heranwagt, kann seine heftige Atmung leichter auf die grandiose Kulisse schieben: Auf der Südrampe verläuft die Straße nicht so viele Kilometer durch Wald wie auf der anderen Seite, sodass der nackte Fels der Dolomitengipfel besser und häufiger zu sehen ist.

Südrampe von Selva di Cadore

Distanz: 9,5 Kilometer // Höhenmeter: 849 // Passhöhe: 2233 Meter // Durchschnittliche Steigung: 9,4 % // Maximale Steigung: 14 %

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Stilfser Joch

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Quelle: Daniel Hofer

Das Stilfser Joch ist so etwas wie der Petersdom für den Rennradgläubigen. Mindestens einmal in seiner Radkarriere möchte er diese Passstraße hinauf pilgern und während seiner Prozession vom Rad aus durch die 48 Kehren auf die 2757 Meter hohe Passhöhe Läuterung finden. Und weil diese dritthöchste Passstraße der Alpen eine Art Mythos geworden ist, trägt sie auch viele Titel: zum Beispiel "Königin der Alpenpässe". Ein weiterer Titel lautet: "Höchster Rummelplatz Europas", denn an der Passhöhe herrscht Touristen-Halligalli mit Souvenirläden, Sommerskigebiet und Busreisegruppen. Wer dem Trubel entgehen will, radelt im Frühsommer ein, zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung des Passes auf das Stilfser Joch. Mit etwas Glück trifft er dann unterwegs höchstens auf ein, zwei Straßenreparaturtrupps (und auf seine persönlichen Grenzen).

Nordostrampe von Prad

Distanz: 24,6 Kilometer // Höhenmeter: 1844 // Passhöhe: 2757 Meter // Durchschnittliche Steigung: 7,2 % // Maximale Steigung: 15 %

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Timmelsjoch

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Quelle: Timmelsjoch Hochalpenstraße AG

Das Timmelsjoch ist eine Zumutung. Das Timmelsjoch ist ein Traum. Die Kletterei über die Straße von St.Leonhard aus ist unter Rennradfahreren vor allem als dramatischer Schlussakt des Ötztaler Radmarathons bekannt und gefürchtet: Wer diese Leidensprozession von Menschen in bunter Radwäsche erleben möchte, sieht eine lange Kolonne verzweifelter Zombies, die mit letzter Kraft eine der längsten Bergfahrten der Ostalpen versuchen. Die Straße zieht sich schier ewig bergauf, vorbei an langen Mauern, die im Sommer wie ein offener Backofen Hitze abstrahlen; durch kurze, kaum beleuchtete Tunnel und schließlich hinauf über die Baumgrenze, wo sich über dem Radler Kehre um Kehre auftürmt, als wollte die Straße das lächerliche Vorhaben verhöhnen, hier hinauf zu radeln. Wer dann den Tunnel am Ende der Kurven erreicht hat, erlebt, wie sehr Glück und Erleichterung einem die Kehle zuschnüren können.

Ostrampe von St. Leonhard

Distanz: 29 km // Höhenmeter: 1821 // Passhöhe: 2509 // Durchschnittliche Steigung: 6,4 % // Maximale Steigung: 13 %

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Penser Joch

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Quelle: imago stock&people

Es passiert ja in gewisser Regelmäßigkeit, dass sich vermeintlich gute Ideen als eher, nun ja, mittelmäßig entpuppen. Bei einer Fahrt auf das Penser Joch stellt sich zum Beispiel die Frage, ob diese Form der Abkürzung wirklich sein musste: Statt auf dem Radweg von Sterzing durch das Eisacktal bis Bozen zu rollen, geht es an diesem Tag also von Sterzing aus über den Pass. Das spart ein paar Kilometer, zum Preis von einigen Höhenmetern. Das Joch lässt sich gut fahren, die Steigung ist meist nicht allzu garstig und nach einiger Zeit reift die Erkenntnis heran: Ja, das war doch eine Spitzenidee, hier entlang zu fahren. Spätestens die fast 50 Kilometer lange Abfahrt durch das wunderbare Sarntal bis Bozen untermauert dann die Haltung, dass das Penser Joch immer einen Besuch mit dem Rennrad wert ist.

Nordrampe von Sterzing

Distanz: 15,9 km // Höhenmeter: 1269 // Passhöhe: 2211 // Durchschnittliche Steigung: 7,9 % // Maximale Steigung: 13 %

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Kühtaisattel

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Quelle: imago/Westend61

In einem Kreisverkehr in der Ortschaft Ötz beginnt die Passfahrt auf den Kühtaisattel. Die Kulisse kaschiert, dass die Straße einen gleich weit hinauf in Hochgebirgslandschaften befördern wird. Die Fahrt auf den Kühtaisattel führt recht lange vorbei an Wohnhäusern samt Doppelgaragen mit Familienautos davor, als würde der Weg durch einen Vorort im Speckgürtel einer großen Stadt führen - nur eben bergauf. Irgendwann verschwinden dann die Häuser, Bäume treten an ihre Stelle und gelegentlich zieht sich die Straße nun auch in Serpentinen bergan. Phasenweise peinigt die Straße den Radler mit Steigungen um die 20 Prozent, das Kühtai fordert. Die Abfahrt in Richtung Innsbruck ist dann eine der schnellsten, die auf Pässen zu haben ist: Die Straße führt fast schnurgerade und ohne enge Kurven bergab.

Westanfahrt von Ötz

Distanz: 17,6 km // Höhenmeter: 1237 // Passhöhe: 2017 // Durchschnittliche Steigung: 6,9 % // Maximale Steigung: 19,3 %

Warum nur radelt jemand eine steile Passtraße hinauf - ohne E-Bike und mit purer (Willens-)Kraft? Hier erfahren Sie die Antwort.

© SZ.de/kaeb/sks

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