ReisebuchSchwindelerregend ruhig, schwindelerregend schön

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Fast 2000 Höhenmeter, dargereicht in 48 Kehren: das Stilfser Joch.
Fast 2000 Höhenmeter, dargereicht in 48 Kehren: das Stilfser Joch. (Foto: Frederking & Thaler Verlag, Berthold Steinhilber)

Der gesteinsbrockenschwere Bildband „Alpenpässe“ versammelt beeindruckende Aufnahmen europäischer Höhenwege. Und erzählt damit auch die bewegte Geschichte des Kontinents.

Rezension von Moritz Baumstieger

Warum muss man da hoch? Ein Zick nach links, ein Zack nach rechts, wieder einer nach links, noch einer nach rechts – 48 Kehren, bis eine Höhendifferenz von fast 2000 Metern überwunden und der Scheitel des Stilfser Jochs erreicht ist. Jener Punkt auf 2757 Metern, der dem Übergang zwischen Tirol und der Lombardei 111 Jahre lang den Titel als höchste Alpenstraße sicherte, bis die Franzosen drüben am Col de l’Iseran 1936 unbedingt noch ein paar wenige Meter höher bauen mussten. Warum, in Gottes Namen, muss man da hoch?

Nun: Jeder Mensch, der ein Rennrad, ein Gravelbike oder ein Motorrad im Keller oder der Garage stehen hat, wird hier eine Augenbraue hochziehen, wenn sie oder er ein eher freundlicher Charakter ist. Oder aber „bescheuerte Frage!“ zurückblaffen, wenn die Persönlichkeitsstruktur etwas direkter veranlagt ist. Wirklich hier hoch müssen tut heute natürlich niemand – anders etwa als zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Damals wurden binnen zwei Jahren 12 000 Söldner im Dienste Mailands und 21 000 spanische Soldaten von ihren Offizieren gezwungen, die seit Ende des Mittelalters nur noch wenig benutzte Passhöhe zu überqueren.

Formulieren wir es also besser so: Jede Zweiradfahrer-Biografie, in der sich nicht ein Haken hinter der Befahrung des Stilfser Joches findet, muss als unvollendet angesehen werden.

Steinhilbers Bilder strahlen eine Art von Ruhe aus, die selbst den Puls eines Rennradlers schnell wieder senken würden

Um zu verstehen, warum das so ist, reicht auch für im Flachland lebende Nicht-Rennrad- und Nicht-Motorrad-Fahrer ein Blick in den Fotoband „Alpenpässe“, in dem der Stuttgarter Fotograf Berthold Steinhilber dem Stilfser Joch natürlich Platz einräumt. Und ganz egal, auf wie vielen Aufnahmen, aus wie vielen Perspektiven man die kühnen Kehren der Ostrampe des Passes schon gesehen haben mag: Steinhilbers Blick auf die letzten Serpentinen, die der aus Brescia stammende Ingenieur Carlo Donegani von 1820 an in nur fünf Jahren in den Berghang zeichnen ließ, fasziniert aufs Neue.

Über den Wolken: am Colle di Sampeyre im Piemont.
Über den Wolken: am Colle di Sampeyre im Piemont. (Foto: Frederking&Thaler Verlag_Berthol)

Steinhilber verzichtet hier – wie bei allen Aufnahmen in dem Band – auf jegliche Art von Geschmacksverstärkern. Seine Bilder strahlen eine Art von Ruhe aus, die selbst den Puls eines Radtouristen schnell wieder auf Normalniveau bringen würde, der eine Steigung unter- und seinen Trainingszustand überschätzt hat. Hier und da ein paar Schneeflecken. Manchmal Wolken, manchmal Nebel. Das schräg einfallende Licht eines Sonnenauf- oder untergangs, mal lange, mal kurze Schatten. Farbverläufe aus saftigem Bergwiesengrün hinein ins Grau des Schotters, meist gestochen scharf, manchmal leicht verschwimmend – was die Natur an Stimmungsparametern bietet, nimmt der Fotograf gerne mit. Menschen, Maschinen, künstliche Dramatik: braucht er nicht. Augenscheinlich hat sich Steinhilber oft den Wecker auf Zeiten gestellt, die sonst nur Zeitungsausträger oder Alpinisten in den Hochalpen gezwungenermaßen in Kauf nehmen. Denn all die Straßen, die an manchen Tagen fast schon im Verkehr zu ersticken drohen, weil eben so viele Menschen hinauf müssen, sie sind hier auf den Bildern meist leer.

Schöne Schleifen: Schotterstraße am Colle Valcavera.
Schöne Schleifen: Schotterstraße am Colle Valcavera. (Foto: Frederking&Thaler Verlag_Berthol)

Und so sieht man in dem felsbrockenschweren Band, der von seinen Ausmaßen selbst schon fast eher Coffeetable denn Coffeetable-Buch ist, die Alpenpässe so, wie Gott sie schuf. Was als Formulierung natürlich hanebüchener Blödsinn ist, denn geschaffen hat sie ja der Mensch: Manchmal mit brutaler Gewalt, wie etwa in der Unia-Schlucht am Schlinigpass nahe der schweizerisch-italienischen Grenze, wo von 1908 an auf Betreiben des Alpenvereins und des Kantons Graubünden mit Sprengstoff und schweren Maschinen ein Weg in die senkrechte Felswand gestemmt wurde. An anderen Orten scheinen die Asphaltbänder sich an die Hänge anzuschmiegen, als hätte hier jemand einen Faden fallen lassen. Folgen scheinbar ganz organisch den Furchen und Vorsprüngen, den Mulden und Hügeln, schlängeln sich die Hänge hinauf, wie beim Col du Parpaillon in Frankreich.

Eine gewisse Lakonie strahlen grasende Kühe hinter Panzersperren aus Zeiten des italienischen Faschismus aus

Dass diese so anmutig wirkende Straße wie sehr viele andere Passwege in den Alpen aus ziemlich brutalen Gründen in die Höhen getrieben wurde, erzählt Eugen E. Hüsler im Begleittext. Ein wiederkehrendes Motiv, das die Menschen schon seit der Römerzeit in und über die Berge trieb: Viele der Bergstraßen wurden nicht errichtet, um Menschen in ihrer Freizeit zu erfreuen, auch nicht primär zum Warentransport oder für den Fernverkehr. Sondern letztlich, um andere Menschen in anderen Uniformen zu bekämpfen: Vor allem die Zeit des Ersten Weltkrieges war eine, in der der Krieg in die Alpen getragen wurde.

Zerfallene Kasernen an der Maira-Stura-Kammstraße am Colle delle Bandia.
Zerfallene Kasernen an der Maira-Stura-Kammstraße am Colle delle Bandia. (Foto: Frederking&Thaler Verlag_Berthold Steinhilber)

Die Narben, die er an der früheren Grenze zwischen dem Habsburgerreich und dem Königreich Italien hinterlassen hat, sind bis heute in die Landschaft eingegraben und lassen viele Alpentouristen sanft schaudern. Steinhilber setzt selbst die Thematik der Militärwege mit einer gewissen Lakonie ins Bild, etwa wenn Kühe hinter einer Ansammlung von Panzersperren aus Zeiten des italienischen Faschismus grasen, die der Fotograf am Reschenpass entdeckte. Am Adamello-Massiv führt eine Straße hinauf zu einem aufgelassenen Horchposten der Nato.

Und oft sind es in „Alpenpässe“ solche eher unbekannteren Motive, die am meisten begeistern. Natürlich sind hier die Klassiker in Szene gesetzt, die großen Markennamen aus der Schweiz, die Glocknerhochalpenstraße, der viel befahrene Brenner. Doch wer hat schon die Ligurische Grenzkammstraße auf dem Schirm? Den Vršič-Pass? Nach längerem Blättern stehen gleich mehrere neue Wege auf der Liste, die man nicht nur in Gedanken hoch muss. Muss? Ja, spätestens kommendes Frühjahr. Warum? Na ja, weil eben.

Berthold Steinhilber, Eugen E. Hüsler: Alpenpässe. Magische Wege über die Berge. Frederking & Thaler, München 2025, 304 Seiten, 98 Euro.

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