Der beste Ort zum ... Gleiten

Langlaufen zum Morteratschgletscher

Auch beim Langlaufen kommt das Vergnügen nach dem Sport. Deshalb ist an der Bahnstation Morteratsch im Oberengadin, dort, wo die Rhätische Bahn ihre langsame Kreiselfahrt zum Berninapass antritt, erst einmal nichts mit lustigem Gleiten, sondern: nur stapfen und schnaufen.

Am Wegesrand markieren Schilder in Jahrzehnte-Rhythmus den Gletscherstand ihrer Zeit. 1890, 1900, 1910; so absolviert man im ehemaligen Gletscherbett des Morteratschgletschers eine Art Countdown in die Gegenwart, vorbei an rutschenden Fußgängern und Kindern auf Schlitten. Seitenmoräne zur Rechten, Grundmoräne voraus. Weil sich der Gletscher seit den Anfängen des Tourismus aus dem Tal zurückzieht, gewinnt die Loipe beinahe jedes Jahr einige Meter hinzu. Vor 150 Jahren wäre schon nach ein paar Hundert Metern Schluss gewesen.

Dabei ist der Weg zur Zunge des Morteratsch für viele Skater nur die Krönung eines langen Langlaufnachmittags in einem riesigen Netz mit insgesamt 243 Kilometern (www.engadin.ch). Auf 42 davon findet jährlich der Skimarathon statt. Er führt über die große Loipenautobahn zwischen Maloja und S-Chanf; 10 000 Läufer nehmen sie während des berühmten Langstreckenrennens im Spätwinter unter die Latten. Daneben gibt es die kleinen, weniger frequentierten Stichstraßen hinein in die Täler; einsamer, wilder - und steiler.

Ins Val Fex führt so eine Stichstraße, schwarz und nur für klassische Skier gespurt, genauso wie die rote Loipe ins Val Roseg. Aber nirgendwo wird der Wandel der Landschaft so anschaulich wie auf dem kurzen Ausläufer am Morteratsch. Etwa 2,8 Kilometer sind es derzeit, es geht von 1896 auf über 2000 Höhenmeter. Fast analog zur Höhe verlaufen die Jahreszahlen auf den Schildern: 1980, 1990, 2000. Die Abstände dazwischen werden immer länger, immer stärker schrumpfte das Eis. Am Ende der Loipe zeigt es sich als riesiger Schlund, 2014. Von dort gleitet man zurück in die Vergangenheit, 1990, 1980, immer schneller, 1960, 1950, Rekordtempo, bremsen, bremsen, 1920, 1910, bis hinunter ins Café an der Bahnstation. Soll noch einer behaupten, der Klimawandel hätte nur schlechte Seiten!

Dominik Prantl

Bild: REUTERS 24. Dezember 2014, 15:192014-12-24 15:19:30 © SZ vom 18.12.2014/ihe