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Gletscherschmelze in den Alpen:"Ich will das nicht schönreden"

Der Glaziologe Felix Keller vor einem Eis-Stupa, der Teil eines Versuchs ist, mehr Eis zur Wasserversorgung trockener Länder zu erhalten.

(Foto: Mayk Wendt)

In der Schweiz möchte Felix Keller mit künstlicher Beschneiung den Morteratsch retten. Hier erklärt der Glaziologe, warum das keine Spinnerei ist - und warum er auf dem Gletscher Geige spielt.

Interview von Hans Gasser

"MortAlive" heißt das Projekt des Gletscherforschers Felix Keller. Am Morteratsch, einem der meistbesuchten Gletscher der Schweiz, will er zeigen, wie man mit einem neuen, großflächigen Beschneiungssystem das schnelle Schmelzen verhindern kann. Gerade ist eine Probeanlage in Betrieb gegangen. Keller erklärt, warum das keine Spinnerei ist, wie man damit die Wasserversorgung in Entwicklungsländern sicherstellen könnte - und warum er auf dem Gletscher Geige spielt.

SZ: Alle Gletscher in den Alpen schmelzen. Warum wollen Sie ausgerechnet den Morteratsch im Engadin retten?

Felix Keller: Wenn es mir darum ginge, die Gletscher zu erhalten, dann wäre das ein aussichtsloses Unterfangen. Mir geht es darum, ein Verfahren zu entwickeln, um dort Gletscher zu erhalten, wo sie existenzielle Bedeutung haben. Zum Beispiel als Süßwasserspeicher.

Hat die Schweiz ein Wasserproblem?

Nein, bis jetzt nicht. Aber im Himalaja hängen 200 Millionen Menschen vom Wasser ab, das in den Gletschern gespeichert ist. Der Morteratsch ist ein idealer Gletscher, um ein solches Verfahren zu entwickeln. Denn mein Kollege und Freund Hans Oerlemans hat dort bereits 1994 eine Messstelle zur Energiebilanz des Gletschers eingerichtet. Vereinfacht gesagt, wird damit seit 26 Jahren das Schmelzen des Gletschers in Abhängigkeit von der Witterung und von den Temperaturen dokumentiert. Und hier können wir ansetzen mit unserem Projekt.

Eine Messstation auf dem Morteratschgletscher erfasst seit 1994 dessen Energiebilanz, also auch sein Schmelzen. Jedes Jahr verliert er etwa 15 Millionen Tonnen Eis, das ist etwas mehr als ein Prozent.

(Foto: Mayk Wendt)

Der Morteratsch ist auch einer der meistbesuchten, weil am besten erschlossenen Gletscher.

Ja, er ist leicht zugänglich. Deshalb haben wir hier auch unseren Gletscherlehrpfad aufgebaut, denn wir wollen die Leute konfrontieren mit dem Schmelzen. Er ist wirklich ein super Lehrgletscher zum Klimawandel. Und eine schöne Tourismusattraktion.

Wie entstand die Idee?

Als ich mit dem Direktor der Diavolezza-Bergbahnen am Diavolezzafirn unterwegs war, zeigte er mir das Fleece, mit dem der Schnee aus dem Snowfarming dort schon seit vielen Jahren im Sommer abgedeckt wird. Er sagte mir, dass der Gletscher darunter deshalb um zehn bis 15 Meter Dicke gewachsen sei. Das hat mich inspiriert. Einen Gletscher mit so viel Schnee abzudecken, dass dieser im Sommer nicht ganz abschmelzen kann und das Eis darunter konserviert wird. Mein Chef an der Academia Engiadina hat mich zusätzlich herausgefordert. Er sagte: Ihr Glaziologen versteht nur etwas von Problemen, nicht von Lösungen. Rette doch den Morteratsch!

Vision einer Gletscherrettungsidee ©Academia Engiadina.

Das massenweise im Sommer anfallende Schmelzwasser soll in einem Becken gesammelt werden, um es im Winter in Form von Schnee wieder zu "recyceln" und so dem Gletscher zurückzugeben.

(Foto: Academia Engiadina)

Sie wollen den riesigen Gletscher durch künstliche Beschneiung erhalten. Wie soll das gehen?

Die Überlegung dahinter ist, dass man das Schmelzwasser auffängt und zur Produktion einer dicken Schneedecke verwendet. Diese schützt den Gletscher vor Hitze und Sonne. Da aber Schneeerzeuger viel Strom brauchen, wäre so etwas klimatologisch keine gute Idee. Da erfuhr ich aber von einer Schweizer Firma, die ein Beschneiungssystem entwickelt hat, das ohne Strom, nur mit Wasserdruck funktioniert. Im Fall des Morteratsch könnten wir das Gletscherschmelzwasser von dem höher gelegenen Persgletscher über Druckleitungen zur Schneeproduktion verwenden.

Und wie kann eine so große, noch dazu sich zu Tal bewegende Eismasse beschneit werden?

Das geht mit sogenannten Schneiseilen, das sind Aluminiumrohre, die über dem Gletscher von Fels zu Fels an Tragseilen aufgehängt werden und das Wasser aus Düsen mit Hochdruck versprühen. Wir erproben das gerade in einem Pilotversuch an der Talstation der Diavolezza-Seilbahn auf 2000 Meter. Und es funktioniert. Für das Projekt haben wir 2,5 Millionen Franken von der Schweizer Innovationsförderung erhalten. Wir haben berechnet, dass wir etwa einen Quadratkilometer, somit also zehn Prozent der Gletscherfläche jährlich mit mindestens zehn Meter Schnee beschneien müssten, um sein Schmelzen über Jahrzehnte zu verzögern. Dafür bräuchten wir sieben bis neun solcher bis zu einen Kilometer langen Schneiseile.

Die stromlose Beschneiungstechnik mittels Schneiseil wird an der Talstation der Diavolezzabahn im Engadin erprobt.

(Foto: Mayk Wendt)

Welcher Teil des Gletschers soll berieselt werden?

Es ist eine Fläche, die zwischen 2300 und 2500 Meter liegt. Weiter unten, etwa an der Gletscherzunge, macht es keinen Sinn. Das wäre, wie wenn man jemanden wiederbeleben wollte, der schon am Friedhof liegt. Und weiter oben schneit es ohnehin mehr. Unsere Fläche liegt relativ nahe an der Gleichgewichtslinie, wo der Gletscher innerhalb eines Jahres genauso viel schmilzt, wie er wieder wächst. Das ist auf 2900 Meter, da wäre es am besten. Aber dort oben fehlt uns das flache Gelände zur Beschneiung.

In diesem Winter hatten wir oft Regen bis auf 2000 Meter. Ist es da überhaupt kalt genug, um Schnee zu produzieren?

Am Anfang hatten wir die Hoffnung, dass wir nur im Frühling beschneien müssen, um Schnee für den heißen Sommer zu haben. Aber wir brauchen zehn bis zwölf Meter Schneehöhe, und das kriegen wir nur hin, wenn wir auch im Winter beschneien, im Frühling reichen die kalten Tage nicht aus für die benötigten 30 000 Tonnen Schnee pro Tag.

Falls es klappt, wie viel zusätzliche Lebenszeit würde der Gletscher gewinnen?

Nach unseren Modellrechnungen könnten wir damit das Schmelzen um 30 bis 50 Jahre verzögern. Das wäre etwa für die Menschen in Ladakh im Himalaja schon eine Verschnaufpause. Bis dahin muss die Menschheit ohnehin längst auf das Klimaproblem reagiert haben, denn sonst kommt es wirklich schlimm.

Kritiker sagen, die 100 Millionen Franken, die das Projekt kosten würde, wären besser in weitere CO₂-Einsparungen investiert.

Die Klimaschutzmaßnahmen haben absolute Priorität, das sehe ich auch so. Aber man muss auch den Leuten helfen, die vom Klimawandel unmittelbar betroffen sind. Zum Beispiel die Bevölkerung von Leh, der Hauptstadt von Ladakh. Ihre Wasserversorgung hängt von einem Gletscher ab, der nur noch einen halben Quadratkilometer groß ist.

Woher soll der Bürgermeister von Leh 100 Millionen Franken nehmen, um seinen Gletscher zu beschneien?

Diese Summe bezieht sich auf Bau und Betrieb der Anlage in der hochpreisigen Schweiz. In Ladakh wäre es deutlich billiger. Ich hatte Kontakt mit der Weltbank, und es gibt auch den Green Climate Fonds. Die könnten und würden so etwas finanzieren. Und für uns alle ist eine solche Summe auch ein Augenöffner dafür, was uns der Klimawandel noch kosten wird.

Ihr Projekt wäre ein gewaltiger Eingriff in die Natur, wie eine überdimensionale Hochspannungsanlage. Einheimische und Touristen wären wohl nicht erfreut.

Ich bezeichne mich auch als Naturschützer. Und ich will das nicht schönreden: Es wäre ein hässlicher Eingriff in die Landschaft, ja. Seile kann man aber relativ leicht wieder rückbauen. Von unten würde man die Seile nicht sehen, hauptsächlich nur vom Berg aus oder aus der Luft. Zu rechtfertigen ist die Anlage für mich, weil sie Menschen helfen könnte, die das Klimaproblem nicht verschuldet haben, aber darunter leiden. Es kann aber auch sein, dass wir mit unseren jetzt beginnenden Versuchen so sicher sind, dass die Anlage funktioniert, dass wir sie nicht in der Schweiz vorbauen müssen, sondern gleich in Ladakh, wo sie einen Nutzen bringt.

Eis-Stupa im Aufbau: Wasser rieselt von oben über das Geflecht und bildet eine Eispyramide, die viel Wasser speichern kann.

(Foto: Mayk Wendt)

Sie errichten auch Eis-Stupas zum Wasserspeichern. Wie funktioniert das?

Ja, diese sensationelle Technik hat der Inder Sonam Wangchuk erfunden. Er war auch hier in Pontresina und hat uns gezeigt, wie man es macht. Wir haben nun die Technik etwas weiterentwickelt. Das Prinzip: Man lässt Wasser über eine Art Jurte oder an Seilen herunterrieseln. Es friert und bildet eine große Eispyramide, die nicht so schnell schmilzt. Wenn das in der richtigen Höhe aufgebaut wird, kann man damit Wasser speichern, das im Frühling zur Bewässerung der Felder benötigt wird. Eis-Stupas sind hübscher als die Leitungen. Aber mit einem Schneiseil kann man so viel Wasser wie mit 1000 Eis-Stupas speichern.

Sie spielen auch Geige auf dem Gletscher, warum?

Für das Umwelthandeln ist die Motivation am wichtigsten. Ich versuche, damit ein kleines Zeichen zu setzen, um möglichst mit guter Laune die Menschen zu motivieren, den Klimaschutz mit Vollgas und Spaß voranzutreiben.

© SZ
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