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Alpen:Wann geht's endlich los?

Geschlossene Hütten und Liftbügel in Warteposition: Wenn die Saison vorbei ist, verharren viele Orte in den Alpen zwischen "nicht mehr" und "noch nicht". Der Schweizer Simon Walther hat diesen Schwebezustand fotografiert.

Die Natur kennt keine Saison, nur die Jahreszeiten. Die Saison hat sich der Mensch einfallen lassen. Und ist dabei sehr auf die Natur angewiesen - mehr als ihm oft lieb ist. Weshalb er sich von ihr zu emanzipieren versucht, speziell winters in den Alpen. Indem er Berge künstlich beschneit, wenn kein Schnee fallen mag. Aber selbst dafür war es bislang zu warm, jedenfalls in den tiefer gelegenen Skigebieten. Der Beginn des Winters und der Wintersaison sind zweierlei.

In den Alpen gibt es im Wesentlichen eine Sommer- und eine Wintersaison. Die Übergänge mögen mancherorts als Vor-, Nach-, Neben- oder Zwischensaison bezeichnet und vermarktet werden. Im Prinzip aber sind sie eine Unsaison. "Man müsste diese Tage überspringen oder zumindest abkürzen können", schreibt Markus Maeder in seinem Vorwort zu Simon Walthers Band "Zwischensaison" aus Perspektive der Hoteliers und Gastwirte, der Seilbahnbetreiber und anderweitig am Tourismus Verdienender: "Dieser Schwebezustand zwischen nicht mehr und noch nicht erwischt uns immer wieder auf dem falschen Fuß."

Der Fotograf Simon Walther hat sich just in diesen Phasen aufgemacht in die schweizerischen Alpen, mit einem allradgetriebenen Camper, um die Zwischensaison zu dokumentieren. Wenn noch nicht oder nicht mehr genügend Schnee liegt für den Wintersport. Wenn noch oder schon zu viel Schnee liegt zum Wandern und Klettern. Wenn die Hotels und Gastwirtschaften geschlossen haben, die Lifte nicht fahren. Wenn die Hinterlassenschaften der vergangenen Saison noch nicht weggeräumt sind und die der anstehenden noch verstaut.

Vieles steht dann wie entblößt da - Schilder, die augenblicklich niemandem nutzen, Motorschlitten auf einem Untergrund aus Kies, Matten, die Stürze von Skifahrern abmildern sollen. Doch auf den winzigen Schneeresten fährt niemand mehr. Lange rote Holzpflöcke, mit denen winters Straßenverläufe markiert werden, liegen aufgestapelt in einem Verschlag, Schleppliftbügel baumeln über braungrünen Hängen, Liegestühle behaupten eine andere Jahreszeit.

In mancherlei Hinsicht ist die Zwischensaison jedoch auch eine sehr betriebsame Zeit. Wenn keine Gäste da sind, kann an- und umgebaut, kann die Infrastruktur erneuert werden. Simon Walther zeigt auf seinen Fotografien in diesem Bildband konsequent keine Menschen. Aber er dokumentiert zum Beispiel Baufahrzeuge oder einen mit alten, kaputten Stühlen übervollen Müllcontainer. Eine Schneelanze sprüht Kunstschnee auf die Riffelalp bei Zermatt - Walther hat diese Szene aus einem Blickwinkel aufgenommen, aus dem es so aussieht, als bekäme am Horizont der Gipfel des Matterhorns eine Sahnehaube verpasst.

Kuriositäten wie diese gibt es eine Menge: Sie resultieren oft aus dem Umstand, dass die Dinge in den Alpen eben nur eine saisonale Funktion haben. Manchmal sind die Dinge auch an sich merkwürdig: ein Transparent mit der Aufschrift "Ankommen und Genießen" zum Beispiel, angebracht an einem recht heruntergekommenen Haus. Ein geschlossener Imbissstand auf dem Gotthardpass neben einer steinernen Marienfigur. Das Restaurant Furkablick, an dessen Fassade sich nur die Buchstaben "Rest" erhalten haben.

"Zwischensaison" gleicht dem Blick in einen Hinterhof. Wo sich Dinge stapeln, die man gewiss oder wenigstens vielleicht noch einmal braucht, und andere, die man wegzuwerfen sich bislang nicht die Mühe gemacht hat. Simon Walther streut in die Fotoserie aber auch immer wieder Motive ein, wo er nach der Schönheit der Zwischensaison sucht, nach besonderen Lichtstimmungen, wie sie nur der späte Herbst und der frühe Frühling hervorbringen. Es sind rare Momente, die der Trostlosigkeit trotzen. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Saison und Jahreszeit.

Simon Walther: Zwischensaison. AS Verlag, Zürich 2018. 144 Seiten, 39,50 Euro.

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SZ vom 13.12.2018/edi
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