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Berghütten in den Alpen:Zu viert im Bett

Blick von der Gufferthütte

Der Blick von der Gufferthütte im Morgenlicht: Das Rofangebirge zwischen Achensee und Inntal ist eher gemütlich - aber es gibt dort beste Aussichten für Wanderer.

(Foto: Petra und Thomas Meyer)

In einigen Berghütten in Österreich und Deutschland kann nun endlich wieder übernachtet werden. Doch die Auflagen verwirren Wirte wie Gäste.

Von Dominik Prantl

So kann es in den Bergen des bayerisch-tirolerischen Grenzgebiets also auch zugehen; man hatte das ja kaum mehr für möglich gehalten. Am Parkplatz Köglboden in Tirol, nicht weit vom Achensee entfernt, stehen gerade einmal zwei Autos, beide mit österreichischem Kennzeichen. Auf dem Forstweg hinauf zur Gufferthütte lassen sich die Feiertagsausflügler an einer Hand abzählen, der Fahrradständer vor der Hütte ist erst zu einem Viertel gefüllt. Dabei liegt die Gufferthütte nur 200 Meter von der deutsch-österreichischen Grenze entfernt, der Weg hier hoch gilt gerade unter oberbayerischen Bergpedalisten als perfekte Frühjahrstour. Es ist Vormittag, halb elf, der Himmel ist strahlend blau; nie waren die Berge schöner.

An einem Tisch auf der Hüttenterrasse sitzt Anita Hartmann, seit dieser Saison Wirtin der Gufferthütte, im Hintergrund huscht eine Angestellte mit Plastikvisier zu einem der beiden Tische, an denen insgesamt drei Gäste sitzen. "Sehr überschaubar" sei das Pfingstgeschäft gewesen, sagt Hartmann. Und wenn sie rein auf das Konto schaue, so die gelernte Buchhändlerin, die über Stationen in Berlin, Würzburg und München in Tirol landete, "dann ist das natürlich sehr deprimierend".

Gufferthütte

Anita Hartmann ist erst seit dieser Saison Wirtin der Gufferthütte. Sie freut sich auf Gäste.

(Foto: Dominik Prantl)

Den Pachtvertrag hat sie im Oktober unterschrieben, in der alten Normalität, wie man die Prä-Corona-Ära heute so gerne nennt, als Social Distancing nur was für notorische Berggrantler war. Ganz zu Beginn des Jahres waren die insgesamt 57 Schlafplätze bereits an mehreren Wochenenden ausgebucht, im Juli zum Beispiel, aber auch um Pfingsten herum; es sah nach einem verheißungsvollen Start in ihr Leben als Hüttenwirtin aus. Hartmann hatte sich Gedanken gemacht, wie sie die Hütte führen wolle, kleine Speisekarte, regionale Zulieferer, Coaching-Seminare, diese Richtung. Dann kam Corona, und mit der Pandemie kamen die Stornierungen. Von der Vollbelegung des Pfingstwochenendes blieben zwischen zehn und 15 Gäste pro Nacht übrig.

Dabei war es in Österreich wie auch in Deutschland das erste Wochenende überhaupt, an dem in den Berghütten nach dem großen Shutdown geschlafen werden durfte - sofern diese die Saison schon eröffnet hatten. Und wer sich unter den Wirten ein wenig umhört, wie sie diese Wiedereröffnung bewerten, stellt fest, dass neben Kaiserschmarrn und Hauswurst derzeit mehr denn je Experimentierfreude, Geduld und auch Lust an der Kommunikation mit Gästen gefragt sind. Zudem geht es in Corona-Zeiten offenbar jenen Hütten verhältnismäßig gut, die eher an ein Hotel erinnern, die kleine Zimmer haben, keine großen Lager. Jede Hütte hat mit ihren eigenen Problem fertig zu werden.

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Die Probleme hatten zumindest bis vor wenigen Tagen auch mit der Lage an den Grenzen zu tun. Hüttenwirte in Österreich etwa litten stark unter dem Ausbleiben der wanderfreudigen Deutschen und hoffen nun, dass sich die Situation mit der vollständigen Grenzöffnung bessert, die am 4. Juni vollzogen wurde. Robert Fankhauser, Wirt des Solsteinhauses im westlichen Karwendel, schätzt beispielsweise, dass in der Vor-Corona-Ära etwa 80 bis 85 Prozent der Übernachtungsgäste aus Deutschland kamen. Entsprechend hoch seien nun die Rückgänge. Für den Juni rechnet er mit 200 statt der üblichen 700 bis 800 Nächtigungen. Allerdings könne er wegen der Corona-Auflagen auch nur etwa 65 bis 70 Schlafplätze in der üblicherweise 95 Übernachtungsgäste fassenden Hütte anbieten. Mehr sei laut Fankhauser schon alleine deshalb nicht sinnvoll, da auch die Tische in den Gasträumen nicht voll besetzt werden können. "Wir möchten ja nicht, dass die Leute in Schichten essen müssen", so Fankhauser. Vom Tagesgeschäft immerhin zeigt er sich auch aufgrund des guten Wetters wie viele andere Wirte "positiv überrascht".

In Deutschland sind die Hütten zwar kaum auf offene Grenzen und Gäste aus Nachbarländern angewiesen, aber dafür sind die Auflagen strenger. So gibt es neben der Maskenpflicht jenseits der Esstische auch gekennzeichnete Laufwege, der Mindestabstand beträgt eineinhalb Meter. Regina Hang von der Blaueishütte im Berchtesgadener Land sah an Pfingsten dennoch einen "Andrang wie in ganz starken Tagen im Herbst". Dabei beobachtete sie auch einen gewissen Herdentrieb bei einem Teil der Gäste. "Wenn die Masse anschiebt, halten sich manche nicht mehr so ganz an die Regeln." Wobei: Richtig spannend wird es ohnehin erst am kommenden Wochenende, wenn die Blaueishütte ebenfalls für Übernachtungsgäste öffnet.

Gufferthütte

Vieles ist auch geblieben, wie es war: Der Apfelstrudel beispielsweise.

(Foto: Dominik Prantl)

Denn die Corona-Auflagen bedeuten nicht nur geringere Erträge durch größere Abstände, sondern auch einen höheren Aufwand - und eine ganz eigene Corona-Hütten-Arithmetik, um die weder die Alpenvereine noch die Hüttenwirte zu beneiden sind. Denn der Mindestabstand ist nach den derzeit geltenden Vorgaben auch in den Zimmern und Schlaflagern einzuhalten. Ausgeschlossen davon sind all jene Personen, die dem eigenen oder einem weiteren Haushalt angehören und mit denen man sich sardinengleich in jedes Hüttenlager legen dürfte. Zumindest ist das auf deutschen Hütten so - wo aber ohnehin nur zwei Hausstände pro Raum erlaubt sind.

In Österreich dagegen findet sich für jenen Personenkreis, zu dem der direkte Kontakt erlaubt ist, der durchaus bergsportlich anmutende Begriff "Risikogemeinschaft". Dieser definiert sich wie folgt: maximal vier Erwachsene zuzüglich ihrer minderjährigen Kinder oder Personen im gemeinsamen Haushalt. Laut Peter Kapelari, dem Hüttenverantwortlichen beim Österreichischen Alpenverein, gilt diese Regel aber nur an den Tischen, nicht im Matratzenlager. Für dieses gebe es noch immer keine klare Ansage seitens der Behörden. Er selbst habe es so verstanden, dass zu einer Risikogemeinschaft all jene zählen, die gemeinsam eine bergsportliche Aktivität ausüben, also etwa einen Kletterkurs belegen - und damit auch ein gemeinsames Schlaflager belegen dürften. Nur: Ganz sicher ist er sich da eben auch nicht.

Für die Hüttenwirte beidseits der Grenzen sind damit neben den Zimmergrößen auch die Konstellationen der Gästegruppen plötzlich ganz entscheidend. Von ihnen hängt ab, wie oft die öffentlichen Waschräume zu reinigen sind und wie viele Betten belegt werden können. In sechs Zimmern bringt man sechs Familien womöglich ebenso unter wie sechs Zweierseilschaften, Einzelgänger lassen sich nicht mehr einfach als Füllmasse von Restplätzen verwenden. Andy Kiechle von der Reintalangerhütte meint, am Samstag sei seine Hütte mit nur 32 Gästen voll gewesen.

"Dabei habe ich normalerweise für 120 Personen Platz." Wegen der oft widersprüchlichen Informationen und der daraus resultierenden Unsicherheit vieler Besucher sei zudem der organisatorische Aufwand höher, so Kiechle. "200 Mails am Tag, und das Telefon klingelt in einer Tour." Laut Deutschem Alpenverein würden einige Hütten erst gar nicht öffnen, da sich dies wegen der Zimmerstruktur nicht lohne.

Anita Hartmann hat es da mit der Gufferthütte, deren Terrasse sich mittags doch merklich füllt, noch relativ gut getroffen. Mit den vier Angestellten habe sie sich einigen können, dass diese vorerst die Stunden reduzieren. In den Matratzenlagern hat sie Trennwände in regelmäßigen Abständen eingezogen, wodurch kleinere Schlafkojen für je zwei Personen entstehen. Damit lässt sich nicht nur die Auslastung in Coronazeiten erhöhen. Die Lager wirken zudem heimeliger, was durchaus ein Modell für die Zeit nach Corona sein könnte. Auch die Regel, dass eigene Schlafsäcke mitzubringen sind, da keine Decken mehr ausgelegt werden, dürften einige als Fortschritt werten. Anders als in Deutschland werden auf der Gufferthütte aber weiterhin die Bettlaken gestellt. "Die waschen wir jetzt jeden Tag", sagt Hartmann.

Sie hat die Vorstellung von einem tollen Hüttensommer ja keineswegs aufgegeben. Natürlich wisse sie nicht, wie viele Leute kommen, wenn nun endlich jene Grenze wieder offen ist, die nur ein paar Hundert Metern hinterm Haus verläuft. "Aber meine Hoffnung ist schon, dass die Leute verstärkt in die Alpen fahren werden, wenn keine Fernreisen möglich sind." Die Frage ist nur, ob man dann möglicherweise als Risikogemeinschaft in Österreich loswandert und als Haushalts-Patchwork an verschiedenen Tischen in einer deutschen Hütte endet.

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© SZ vom 04.06.2020/ihe/edi
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