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Wandern in der Corona-Krise:Auf die Berge, fertig...

Rotwandhaus

Das Rotwandhaus am Spitzingsee ist normalerweise Anlaufpunkt für viele Bergsportler.

(Foto: Marina Eckert/DAV)

Die Hütten in den Alpen öffnen wieder. Doch auch hier wird der Besuch nicht so sein wie sonst - und die Wirte machen sich Sorgen, wie sie die neuen Vorschriften umsetzen sollen.

Von Hans Gasser

Der Hüttenwirt ist skeptisch: "Wenn die Leute so lang eingesperrt waren, dann strömen die sicher zu uns herauf, ich weiß noch nicht, ob wir uns das diese Woche schon antun", sagt Peter Weihrer. Er ist seit 32 Jahren Wirt auf dem viel besuchten Rotwandhaus über dem Spitzingsee, und normalerweise würde er sich über einen Gästeansturm freuen. Aber die vielen Regeln, die er zum Infektionsschutz einhalten muss, setzen ihm und anderen Hüttenwirten zu.

Seit 18. Mai dürfen die Hütten in Bayern aufsperren, allerdings eine Woche lang nur mit Bewirtung im Außenbereich. Der Mindestabstand beträgt, wie auch im Tal, 1,5 Meter; das bedeutet, dass deutlich weniger Gäste gleichzeitig bewirtet werden können. Gäste müssen überall, auch auf der Terrasse, Mundschutz tragen, außer sie sitzen am Tisch. Das alles ist aber nicht Weihrers Hauptsorge, er würde das schon hinkriegen. "Das größte Problem ist, dass wir jeden Gast mit Adresse und Telefonnummer aufschreiben müssen."

So sollen Infektionsketten im Notfall nachverfolgt werden können. "Bei 200 bis 300 Gästen am Tag brauch ich da einen eigenen Mitarbeiter." Ob es zulässig ist, dass sich die Gäste selbst in Listen eintragen, weiß er noch nicht. Zudem macht er sich Sorgen, was bei einem Wetterumschwung passiert. "Da bin ich als Wirt einer Schutzhütte verpflichtet, die Leute reinzulassen. Und wenn da gleichzeitig 80 Gäste von der Terrasse hineinströmen, dann kann man das mit dem Mindestabstand vergessen."

Deshalb warnt der DAV-Vizepräsident Roland Stierle vor einem Ansturm auf die Hütten: "Wenn man zum Beispiel sieht, dass die Gäste bereits Schlange stehen oder keiner der gekennzeichneten Plätze mehr frei ist, kann man den Hüttenbesuch ja ein anderes Mal nachholen." Er rät deshalb, genug Getränke und Proviant mitzunehmen, um nicht auf die Hütte angewiesen zu sein.

Purtschelerhaus

Das Purtschellerhaus oberhalb von Berchtesgaden: Die Terrasse wird bei der Öffnung am 21. Mai wohl nicht so voll werden dürfen.

(Foto: Sepp König/DAV)

Ab 25. Mai dürfen die Hütten in Bayern auch wieder ihre Gaststuben öffnen, ab 30. Mai auch die Schlafplätze. Doch hier wird es noch komplizierter. Bislang gibt es laut DAV-Sprecher Thomas Bucher noch keine behördlichen Vorgaben. Bei Hütten mit kleineren Zimmern können Familien oder Freunde wie im Hotel relativ problemlos untergebracht werden. Matratzenlager und größere Zimmer stellten die Wirte vor Herausforderungen. Jedes zweite Bett belegen? Fremde gar nicht zusammen in einem Lager unterbringen oder mit zwei Metern Abstand?

Auch Hüttenwirt Weihrer weiß es noch nicht, er plant, nur die halben Schlafplätze zu vergeben: "In den Waschräumen werden wir wohl jedes zweite Waschbecken abdecken", sagt Weihrer. "Und wir müssen dann viel öfter putzen und desinfizieren." Deshalb werde er drei Euro mehr pro Übernachtung verlangen müssen. "Bei halber Auslastung wird es aber dennoch schwierig, rentabel zu arbeiten, denn wir haben mehr Arbeit und weniger Gewinn."

Ob die Wirte etwa durch eine Reduzierung der Pacht unterstützt werden, obliege den einzelnen DAV-Sektionen, denen die Hütten gehören, sagt DAV-Sprecher Bucher. Die Kredite, die die Sektionen für Umbauten oder Ähnliches aufgenommen haben, würden mit DAV-Hilfe vorerst gestundet.

Im benachbarten Österreich und in der Schweiz, wohin deutsche Wanderer wohl ab 15. Juni wieder reisen können, ging es schon vor einigen Tagen mit den Hütten und auf den Almen wieder los. In Österreich gilt das Abstandsgebot von einem Meter, Masken müssen von den Bedienungen und Gästen nur innen getragen werden, nicht im Freien. Pro Tisch darf eine "Risikogemeinschaft" sitzen, was auf Corona-Deutsch bedeutet: vier Erwachsene mit den zugehörigen Kindern. Wie auch der DAV warnt der Österreichische Alpenverein (ÖAV) vor langen Wartezeiten, da die Sitzplätze reduziert seien, man solle sich Proviant selber mitbringen.

Der Wirt der Wildbichl-Alm nördlich von Kufstein, Gottfried Anker, hat vom Plexiglas an der Theke über reduzierte Sitzplätze bis zu Desinfektionsspendern alles umgesetzt: "Wir sollen nach Möglichkeit die Gäste zum Tisch führen, aber das werden wir nicht schaffen. Es braucht auch eine gewisse Selbstverantwortung!" Übernachtungen sind auf österreichischen Schutzhütten ab 29. Mai möglich. Noch gibt es keine Verordnung dazu, aber laut informellen Informationen des ÖAV wird eine Reservierungspflicht gelten, Übernachtungen im Lager sollen mit zwei Metern Abstand oder mit Abtrennungen möglich sein.

Der Schweizer Alpen-Club hat indes bereits verbindliche Regeln für die Übernachtung auf seinen Hütten vorgelegt, von denen ein knappes Dutzend schon wieder geöffnet ist. Die Reservierung eines Schlafplatzes ist ab sofort obligatorisch. Auch das Mitbringen von Kissenbezug, Hüttenschlafsack, Desinfektionsmittel und Handtuch. Die Hüttenwirte werden angehalten, die Zahl der Schlafplätze so zu begrenzen, dass, etwa in größeren Lagern, zwei Meter Distanz möglich sind. Empfohlen wird zudem, Abtrennungen aus Holz oder plastifizierten Vorhängen zwischen den Schlafplätzen anzubringen und die Schlafplätze wechselseitig (Kopf/Fuß) anzuordnen. Regelmäßiges Putzen und Desinfizieren von Oberflächen ist hingegen Pflicht, genauso wie mehrmaliges längeres Lüften pro Tag.

Durch all das wird es im kommenden Sommer wohl noch deutlich schwieriger als bisher schon, einen Hüttenplatz zu ergattern. DAV-Sprecher Bucher empfiehlt deshalb eine "kreative Tourenplanung", bei der man die überlaufenen Berge, Wege und Hütten eher meidet.

© SZ vom 20.05.2020/ihe
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