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Ägypten:Es wird kurz Licht

Abu Simbel Ägypten

Nur zweimal im Jahr erhellt die Sonne die Statuen im Heiligtum von Abu Simbel.

(Foto: AFP)

Das Sonnenwunder von Abu Simbel lockte einst Tausende, nun kommt nur noch ein Zehntel der Besucher. Den Wachen kann es dennoch gar nicht schnell genug gehen.

Von Jochen Müssig

"Yala! Yala!", rufen die Polizisten und schieben die Leute in den Tempel. "Weiter! Weiter!" So viele Menschen wie möglich sollen das Sonnenwunder erleben können. "Yala! Yala!" - immer wieder. Wer stehen bleibt, wird weitergeschubst.

Der Weg ist genau vorgegeben. Von Anmut kann man an Sonnenwundertagen wahrlich nicht sprechen, wenn kurz vor sechs Uhr in Abu Simbel die Sonne aufgeht. Zumindest war das so vor dem Arabischen Frühling in Ägypten. Dieses Jahr dürfte der Andrang deutlich geringer sein: Der Tourismus hat mehr als die Hälfte an Volumen verloren. Die Touristen warten ab, blicken skeptisch ins Land der Pharaonen und buchen nur sehr zögerlich Tempeltouren und Tauchgänge. Aber genau da liegt die Chance, einem faszinierenden Ereignis einmal in gebotener Ruhe beiwohnen zu können.

"Sonnenwunder", erklärt Mohamed El Bialy, "bedeutet, dass das Sonnenlicht bis in das rund 65 Meter hinter dem Tempeleingang gelegene Heiligtum fällt und dort drei der vier Götter beleuchtet: von rechts gesehen den Sonnengott Re, Ramses II. mit mächtiger Doppelkrone, Reichsgott Amun und Ptah, der auch in diesen 20 Minuten stets im Dunkeln bleibt. Der Gott der Dunkelheit benötigt schließlich niemals Licht."

SUDAN-EGYPT-TOURISM-KIDNAP

Abu Simbel: An der einst vielbesuchten historischen Stätte haben Reisende heute viel Platz für sich.

(Foto: Khaled Desouki/AFP)

El Bialy ist Direktor der antiken Stätten von Abu Simbel, das 20 Kilometer von der Grenze zum Sudan entfernt liegt. "Der Tempel von Abu Simbel zeigt Ramses auf dem Weg von Mensch zu Gott", erklärt er weiter. "Draußen ist er in vierfacher Form noch Mensch, begleitet von seiner Familie zu seinen Füßen, im Heiligtum drinnen hat er sich dagegen schon in die Reihe der bedeutendsten Götter eingereiht, die man in der 19. Dynastie verehrte." Auch das Sonnenwunder sollte diese Vergöttlichung unterstreichen, vermuten Experten.

Das Schauspiel vollzieht sich jeweils am 22. Februar und 22. Oktober, dem Geburts- und Krönungstag von Ramses. Und wer dabei sein will, muss früh aufstehen. Gegen drei Uhr platzierten sich vor der Revolution die ersten Schaulustigen zu Füßen der vier kolossalen, 22 Meter hohen Ramses-Statuen, die aus einem Steinblock gemeißelt wurden. Die Menschen hockten auf mitgebrachten Kissen, lagen auf Decken oder Hotelhandtüchern in Open-Air-Konzert-Atmosphäre: Schlange sitzen am Tempel, denn normalerweise können höchstens die ersten 500 Leute das Sonnenwunder live erleben. Es dauert jeweils gerade mal 20 Minuten.

2010, im Jahr vor Ägyptens Facebook-Revolution, kamen noch 5000 Menschen, in den Folgejahren kaum mehr als ein Zehntel. Früher waren die letzten Besucher ohne Chance: 5000 Leute kann man nicht in 20 Minuten durch einen Tempel schleusen. Ein paar Japaner haben einmal sogar 6000 Euro Bakschisch bezahlt, angeblich, um in der Nacht vom 21. auf den 22. Februar im Tempel meditieren zu dürfen.

Schon um drei Uhr morgens, wenn es noch stockfinster ist, sperren Polizisten in Paradeuniform mit Seilen den Tempeleingang ab, den Weg, den die Sonnenstrahlen etwa zwanzig Minuten lang bis ins Heiligste nehmen werden. Das Polizeiaufgebot ist massiv, denn ein Zwischenfall würde Ägypten noch weiter in der Urlaubergunst abstürzen lassen.

Informationen

Von individuellen Touren ist - wegen der Teilreisewarnung des Auswärtigen Amtes - abzuraten. Es empfiehlt sich die Anreise per Flugzeug (via Kairo oder Assuan) oder mit dem Schiff im Rahmen einer Nil-Kreuzfahrt. Privatreisen für zwei Personen mit Reiseführer und Gruppenreisen bietet zum Beispiel MTI-Reisen: Eine Woche inklusive Flug ab/bis Deutschland, Kreuzfahrt über den Nassersee mit Vollpension von Assuan bis Abu Simbel, Transfers, deutschsprachiger Reiseleitung und lokaler SIM-Karte fürs Handy kostet ab 1485 Euro (Termine: 16.2. bis 23.2. und 19.10. bis 26.10., www.mti-reisen.de/). Visum bei Ankunft in Ägypten für 25 Dollar. Weitere Informationen: www.egypt.travel.

"Für die ganz überwiegende Mehrheit der deutschen Urlaubsreisenden in Ägypten verlaufen Aufenthalte ohne Probleme. Jedoch bestehen für einzelne Regionen Teilreisewarnungen", teilt das Auswärtige Amt mit. So wird von "Überlandfahrten ohne ortskundige Begleitung dringend abgeraten". Nagy Hussein, aus Luxor stammender Chef des Reiseveranstalters Magic Travel International in Radebeul, sagt indes: "Wir führen die Nassersee-Kreuzfahrt bis Abu Simbel seit September ohne jeglichen Zwischenfall durch." Auch zum diesjährigen Sonnenwunder "fahren wir selbstverständlich". Studiosus, Gebeco und andere größere Studienreiseveranstalter bieten 2017 mangels Nachfrage im Februar allerdings keine Tour an.

Abu Simbel steht seit 1979 auf der Weltkulturerbeliste der Unesco. Der Tempel wurde zwischen 1964 und 1968 ab- und 65 Meter höher sowie 185 Meter weiter landeinwärts wieder aufgebaut. Ohne diesen Umzug wäre das Monument vom aufgestauten Nassersee, der durch den Assuan-Staudamm entstand, überflutet worden. Heute zeigt sich Abu Simbel als Kuppelbau, der im Inneren aussieht wie ein Kraftwerk, aber nach außen dem ursprünglichen Felsblock täuschend ähnlich sieht.

SZ-Karte

Um 6.03 Uhr ist es soweit. Ptah im Dunklen, die anderen drei angestrahlt vom roten morgendlichen Sonnenlicht. In gebückter Haltung, damit kein Schatten auf die Figuren fällt, betrachten die Besucher das Schauspiel aus nächster Nähe, allerdings nur für wenige Sekunden. Dann heißt es wieder: "Yala! Yala!" Weiter, weiter. Denn 20 Minuten nach dem Sonnenaufgang verfinstert sich der Weg ins Heiligste wieder: Die Sonne steht dann bereits zu hoch am ägyptischen Winterhimmel.

Draußen erwartet den Besucher die Morgensonne und das Sonnenfest auf dem Vorplatz. Die Derwisch-Tänzer drehen sich minutenlang, posieren mit Touristen für Fotos. Es ist ein lockeres, ein fröhliches Fest, das der Sonne gewidmet ist.

Tempeltürsteher Awad Hassan, einer von elf Tempelwächtern, die sich im 24-Stunden-Dienst abwechseln, zeigt stolz seinen riesigen Tempelschlüssel. 2017 wird sein 18. Sonnenwunder. "Nur zweimal gab es nichts zu sehen", sagt er, "weil zu dichte Wolken da waren."

© SZ vom 12.01.2017/kaeb

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