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Ägypten als Partnerland der ITB:Imagepolitur in der Messehalle

Ägyptens Wirtschaft liegt am Boden, weil Urlauber das Revolutionsland weiterhin für zu gefährlich halten. Auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin verbreitet die Branche Zweckoptimismus und betont: "In Lateinamerika ist es nicht so sicher!"

Susanne Mlasko ist seit knapp 30 Jahren in Ägypten unterwegs, aber das ist ihr noch nie passiert: "Es gibt derzeit kaum noch Sprit zu kaufen", sagt die Reiseveranstalterin. "Auf der verzweifelten Suche nach Diesel bin ich mit meinen Gästen von Hinterhof zu Hühnerhof gefahren." Für den Massentourismus der großen Reiseveranstalter sei der Treibstoff-Engpass kein Problem, so die Chefin eines Münchner Individualreisebüros; in den großen Reisegebieten am Roten Meer und auch in Kairo gebe es immer genug Treibstoff. Doch die meisten Tankstellen in Mittelägypten seien geschlossen, die Schwarzmarktpreise für Benzin und Diesel stiegen, der unter der Hand zu kaufende Treibstoff sei oft mit Wasser gestreckt. Das Reiseland am Nil leidet nun auch unter einer Benzinkrise.

Der arabische Frühling hat Ägypten und Tunesien, neben Israel und Marokko klassische Reiseländer in Nordafrika und Nahost, erschüttert. Vor allem in Ägypten liegt die Wirtschaft seit dem Frühjahr 2011 am Boden. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist der drastische Rückgang des Tourismus. In Ägypten ist die Reiseindustrie eine der wichtigsten Säulen der nationalen Ökonomie und eine Jobmaschine für die Einheimischen. Nach Angaben der Kairoer Statistikbehörde ist im Vorjahresvergleich die Zahl der Gäste im vierten Quartal 2011 um 30 Prozent gesunken: Nur 2,9 Millionen Besucher besichtigten die Pyramiden von Gizeh bei Kairo oder machten Badeurlaub am Roten Meer - statt zuvor 4,2 Millionen. Im Vorjahr 2010 kamen noch fast 15 Millionen Gäste ins Land, die Einnahmen lagen bei knapp zwölf Milliarden Euro. Jeder achte Arbeitsplatz hing am Reisegeschäft, Tendenz steigend.

Es kamen Europäer, Russen und US-Amerikaner, aber auch Saudis, Kuwaiter und andere Golf-Araber. Während Europäer und Amerikaner vor allem vom ewig warmen Wetter und den pharaonischen Ruinen zwischen Abu Simbel, Luxor und Kairo angezogen werden, schätzen viele Araber die 17-Millionen-Einwohner-Metropole Kairo als Abwechslung vom Leben in ihren sittenstrengen Heimatländern. Sie bevölkern die Luxushotels oder mieten in Kairo Wohnungen für eine oft mehrwöchige Auszeit in Ägypten. Jetzt, ein Jahr nach der Tahrir-Revolution, ist es in Kairos Fünf-Sterne-Hotels ebenso ruhig wie an den Touristenzentren am Nil. An den Gizeh-Pyramiden treten die Touristen einander nicht mehr auf die Füße, auf Kairos Altstadt-Basar Khan El-Khalili stehen vor den Läden meist mehr Verkäufer als ausländische Kunden.

Die Ägypter zahlen einen Preis für die weltweit ausgestrahlten Fernsehbilder von ihrem erfolgreichen Aufstand gegen Präsident Hosni Mubarak, von den immer wieder aufflackernden Unruhen und vor allem von den Berichten über die landesweit verfallende Sicherheit auf den Straßen. Im Gegensatz zu den bleiernen Jahrzehnten der Mubarak-Herrschaft berichten die Medien nun freier darüber. Es werden Banken überfallen, teure Geländewagen auf den Autobahnen von Straßenräubern gestohlen. Vereinzelt verbreiten Kidnapper Schrecken. Dass im neuen Parlament Islamisten die Mehrheit stellen und einige von ihnen ein Alkohol- und Bikini-Verbot an den Badeorten gefordert haben, macht Ägypten als Reiseland nicht attraktiver.

Den Tourismus-Verantwortlichen in Ägypten bleibt nichts anderes übrig, als immer wieder zu betonen: Das Land am Nil ist noch immer wesentlich sicherer als die meisten Staaten Lateinamerikas; Handtaschenraub und Autodiebstahl sind weit seltener als in Italien oder Spanien. Tourismuszentren wie Scharm el-Scheich und Hurghada sind abgeschirmt und geschützt, Reisebusse fahren nur mit Polizeibegleitung über Land.

Ägyptens Reisefachleute verbreiten diese Botschaft nun auch bei der ITB in Berlin. Und sie hoffen, dass sich der Tourismus erholt, sobald sich die politischen Verhältnisse stabilisieren. Auch nach den großen Terroranschlägen in den neunziger Jahren oder den ersten Jahren des neuen Jahrtausends waren die internationalen Gäste nach einigen Wochen oder Monaten zurückgekommen. Trotz der vielen Resorts und Hotelburgen auf dem Sinai und an der afrikanischen Rotmeerküste hatte in den letzten Jahren auch an der ägyptischen Mittelmeerküste ein Bauboom eingesetzt; neue Hotelanlagen ziehen sich fast bis zur libyschen Küste und warten nun auf Gäste.

Die Hoffnung lassen sich die Ägypter jedenfalls nicht nehmen. "In Ägypten geht am Ende immer irgendwas", sagt Reiseleiterin Mlasko. "Auf der letzten Reise hat mir dann eben der Schwarzhändler den Sprit verkauft."