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Ägäis:Griechischer Stein

Lange interessierte sich kaum ein Tourist für Kalymnos - bis Kletterer die Insel und ihre Stalaktiten entdeckten.

Von Florian Sanktjohanser

Kopfüber hängt Lucien Cousin in 30 Metern Höhe an einem Stalaktiten. Mit seinen dünnen Armen und Beinen hat er sich in den Fels gekrallt und gespreizt; es sieht aus, als klebe er an der Decke wie Spiderman. Noch ein letzter Griff, sich noch einmal abdrücken, dann hat er das Ende der Route erreicht. Die muskulösen älteren Kletterer schauen zu ihm hoch, sie nicken anerkennend, einige klatschen, rufen "bravo", während der schmächtige Franzose am Seil abwärtsschwebt. Seine Aussicht: auf der einen Seite die Tropfsteinhöhle, aus deren grau-braun-schwarz getigertem Fels unzählige Stalaktiten und Sinterzapfen ragen wie umgedrehte Termitenhügel oder die Türme einer Sandburg. Auf der anderen Seite das ägäische Meer und der Berg der Insel Telendos.

"Kalymnos ist für mich der beste Ort zum Klettern", sagt Lucien Cousin, der mit seinen 1,65 Metern und 46 Kilo viel jünger aussieht als 18 Jahre. Zum achten Mal ist er mit seinen Eltern und seinem Bruder auf der griechischen Insel. "Wir waren schon in den spanischen Pyrenäen, auf Sardinien und überall in Frankreich", sagt Cousin. "Aber die Qualität der Felsen hier ist außergewöhnlich, vor allem der Kalktuff und die Stalaktiten, die sich auf viele Arten greifen lassen. Man kann hier alles machen."

Mittlerweile kommen so viele Kletterer, dass sie an manchen Routen Schlange stehen

Kalymnos ist heute ein Weltstar unter den Klettergebieten. Etwa 10 000 Kletterer kommen jedes Jahr auf die griechische Insel der Dodekanes-Gruppe, die direkt vor der türkischen Küste liegt. Durch die Dörfer Massouri und Armeos schlendern sehnige Kerle mit Bandanas um die langen Haare und drahtige Frauen in Funktionsshirts. 2500 Routen wurden bereits gebohrt, jedes Jahr kommen 200 hinzu. Es gibt ein Kletterfestival und Klettershops, in den Restaurants und Cafés hängen Poster der Profis, und abends laufen dort Kletterfilme.

Kalymnos

Abseilen im Felsenmeer: Viele Bergsportler bleiben wochenlang auf Kalymnos hängen.

(Foto: Florian Sanktjohanser)

Bis vor 20 Jahren kannte man die Insel höchstens als Heimat der Schwammtaucher. Schon zu Homers Zeiten sprangen sie nackt mit den Skandalopetra, großen Steinen an einem Seil, ins Meer. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ermöglichten Taucherglocken es, in bis zu 80 Metern Tiefe Schwämme zu sammeln. Von Kalymnos aus wurden Naturschwämme in die ganze Welt exportiert. Ein paar Händler wurden reich, viele Taucher starben oder wurden jung zu Krüppeln. Von der Dekompressionskrankheit hatte keiner je gehört.

In den 1970er-Jahren begann der Niedergang. Viele Sammelgründe im Mittelmeer waren abgeerntet, die Konkurrenz aus Kuba und den Philippinen sowie die neuen Kunstschwämme waren billiger. Tausende Bewohner verließen ihre Insel, die aus der Ferne aussieht wie ein Stück Afghanistan im Meer: graubraune Hügel, karg und trostlos. Sie gingen in die USA, nach Australien, Frankreich und sogar in den Kongo. Die Daheimgebliebenen versuchten, wie ihre Nachbarn auf Kos und Rhodos, mit Touristen Geld zu verdienen. Es funktionierte nie richtig. Kalymnos hat weder lange Strände noch Bars oder All-inclusive-Hotels. Aber Felsen.

Die zweite Karriere der Insel begann 1996 mit einem Zufall. Der italienische Kletterprofi Andrea Di Bari war in den Flitterwochen auf Kos und kam für einen Tag nach Kalymnos, um Roller zu fahren. Als er durch Massouri rollte, sah er die Felswände und Höhlen oberhalb des Dorfs. Er sah den soliden Kalkstein, die Überhänge, die Stalaktiten. Im nächsten Jahr kam Di Bari mit Freunden zurück und setzte die Bohrhaken der ersten 43 Routen.

Aris Theodoropoulos hörte zwei Jahre später zum ersten Mal Geschichten über das Klettern auf Kalymnos. Der Bergführer ist 50 Jahre alt und sieht ein bisschen aus wie Pep Guardiola: Glatze, braune Kulleraugen, Dreitagebart. Theodoropoulos hat die meisten Routen angelegt und den einzigen Kletterguide über Kalymnos geschrieben. Er ist so etwas wie der Kletterpapst der Insel. "Ich glaubte zunächst nicht, dass es so gut sein würde, wie meine Freunde erzählten", sagt er. "Aber als ich das erste Mal die phantastische Qualität der Felsen sah, ging ich direkt zum Bürgermeister."

Informationen

Anreise: Mehrere Airlines bieten Flüge auf die Insel Kos. Von dem Hafenstädtchen Mastichari setzen täglich mehrere Fähren in rund einer Stunde nach Kalymnos über. Alternativ ist auch die Anreise per Fähre von Athen oder Rhodos aus möglich.

Reisezeit: Die besten Bedingungen herrschen von April bis Mai sowie von September bis Oktober. Dann ist es trocken und nicht zu heiß. Für die Zeit des Festivals Anfang Oktober sind Zimmer und Roller schon Monate vorher ausgebucht.

Unterkunft: Es gibt viele Pensionen, in denen ein DZ rund 30 Euro kostet. Das Hotel Oasis verlangt für ein DZ mit Frühstück je nach Saison zwischen 50 und 80 Euro, www.oasis-kalymnos.gr

Klettern: Die Webseite climbkalymnos.com bietet Auskünfte rund ums Klettern. Dort kann man auch den zehntägigen Anfängerkurs von Aris Theodoropoulos buchen. Ausrüstungsverleih und - verkauf bieten mehrere Geschäfte in Massouri.

Der war begeistert von der Idee, Kalymnos als Kletterinsel neu zu erfinden. Er gab Theodoropoulos Geld und freie Hand. Der Bergführer teilte die Felswände in Sektoren ein und stellte Regeln für das Bohren neuer Routen auf: Die Bohrhaken müssen aus rostfreiem Stahl sein, der lange hält. Und sie müssen in Abständen von höchstens zwei Metern gesetzt sein. Denn auf der Insel gibt es keinen Rettungshubschrauber; sichere Routen sind also Grundvoraussetzung.

Das ist gut für Juliane Seifert. Die blonde Berlinerin, 33, hat den Anfängerkurs gebucht, den Aris Theodoropoulos jedes Jahr gibt. In zehn Tagen soll sie lernen, Achterknoten zu knüpfen, Partner zu sichern und den Füßen zu vertrauen. Das ruft ihr Theodoropoulos immer wieder von unten zu. "Benutz' deine Füße! Tu es!" Es ist der erste Tag, Theodoropoulos hat seine acht Schüler zum Sektor Summertime gebracht. Unten an der Küstenstraße parken ihre Roller neben Oleanderbüschen, dahinter glitzert das Meer. Ziegen trotten bimmelnd zwischen Steinbrocken, vertrockneten Blumen und Dornbüschen umher, ansonsten ist es still. Seifert ist zuvor nur ein paar Mal in der Halle geklettert. Sie hängt etwas verkrampft an der Wand. Am Abend sagt sie: "Beim ersten Mal dachte ich: Warum bin ich hier? Warum habe ich nicht eine schöne Yoga-Reise gebucht?" Wahrscheinlich, weil ihre Freundin Rachel Sampson sie überredet hat. Die Amerikanerin, 34, hat den Anfängerkurs ein Jahr zuvor gemacht. "Jeder Tag war magisch", sagt sie im schönsten US-Pathos. "Früh morgens klettern gehen, dann im Meer schwimmen und abends in einer Taverne sitzen. Es war die beste Reise meines Lebens."

Der ultimative Klettertrip, darauf hoffen die Kletterer, die aus aller Welt nach Kalymnos reisen. An den Felsen hört man Italienisch, Österreichisch, Polnisch und natürlich Englisch in verschiedensten Färbungen. Von 2003 bis 2010 ist die Zahl der Klettertouristen nach oben geschnellt, mittlerweile sind es doppelt so viele wie Badeurlauber. An den berühmten Routen müsse man manchmal Schlange stehen, sagt Lucien Cousin. "Es ist überall dort überlaufen, wo man nicht lange hingehen muss. Aber wenn man 20 Minuten weiter aufsteigt, ist man komplett allein." Oder man setzt sich auf den Roller und fährt die kurvige Küstenstraße nach Norden zu den stillen Dörfern Skalia und Emporios. Weiße Steine am Straßenrand zeigen den Weg zu den Sektoren mit Gehzeiten an.

Wer es noch einsamer will, wandert von der Kapelle an der Passstraße nach Palionisos querfeldein zu einem Loch im Boden, das aussieht wie ein Meteoriteneinschlag. Durch die Höhle namens Sikati ziehen sich einige der anspruchsvollsten Routen der Insel.

An der schwierigsten Route der Insel überhaupt zeigte Adam Ondra eines seiner Glanzstücke. 2009 meisterte der Ausnahmeathlet aus Tschechien als Erster "Los Revolucionarios", Grad 9a. Ondra war damals auf der Insel, um beim Kletterfestival gegen andere Profis anzutreten. Theodoropoulos hatte die Veranstaltung im Jahr 2000 ins Leben gerufen und damals Berühmtheiten wie die französische Alpinistin Catherine Destivelle eingeladen. 180 Kletterer aus 13 Ländern kamen. "Wir bekamen viele Berichte in Klettermagazinen und auf Webseiten", sagt Theodoropoulos. Es war der Durchbruch für Kalymnos.

Kletterer sind Individualisten. Viel Geld geben sie allerdings nicht aus, es reicht der Fels

Seitdem wird das Festival regelmäßig wiederholt, in diesem Jahr von 9. bis 12. Oktober. Dann klettern Legenden aus den 1980ern und 90ern um die Wette, Amateure messen sich beim Klettermarathon von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Abends gibt es Vorträge, Filme, Partys. Neu ist ein Einführungskurs für Schüler. Denn bisher klettern auf Kalymnos vielleicht zehn Jugendliche, schätzt Giorgos Hatzismalis. "Das ist ein Problem", sagt der Chef des Tourismusbüros. "So kommt die Jugend nicht für Jobs als Kletterlehrer oder Bergführer infrage."

Die Kletterleidenschaft ihrer Gäste ist den meisten Bewohnern von Kalymnos fremd geblieben. Zu anstrengend, sagen sie, zu riskant, nicht mein Ding. Der Kletterboom aber ist ihnen sehr willkommen. Er hat die Touristensaison auf der Insel von zwei Monaten auf acht ausgedehnt und das in Griechenland übliche Muster von Haupt- und Nebensaison auf den Kopf gestellt. Auf den meisten anderen Ferieninseln fallen die Massen im Sommer ein. Auf Kalymnos sind Frühling und Herbst die Hochsaison. Ein weiterer Vorteil: Fast alle Kletterer reisen individuell an, ihr Geld geht also direkt an die Einheimischen, die ihnen Studios und Roller vermieten.

Die Kehrseite ist, dass die meisten Kletterer wenig ausgeben. Ihnen reicht der Fels, sie kaufen kaum Souvenirs und buchen keine Touren. Manche versuchten, über den Zimmerpreis zu verhandeln, klagt ein Hotelier, "sie wollen den Basar eröffnen". Viele machen in zehn Tagen nicht einen einzigen Ausflug. Hatzismalis fragt sich: "Sind sie überhaupt nicht daran interessiert, was diese Insel früher war?"

© SZ vom 22.03.2016
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