Heinrich VIII. von England Frauenheld mit Appetit

Heinrich VIII., König von England, in der Blüte seines Lebens - ein Miniaturbild des Tudors, datiert auf 1526/27

(Foto: Foto: AP)

Er völlerte, liebte, war prunksüchtig, mordete und hatte - zum Kummer des Papstes - sechs Frauen: Heinrich VIII. Nun feiern die Briten den schillernden König, der vor 500 Jahren den Thron bestieg.

Eine Reportage von Oliver Das Gupta, London

Englands Geschichte ist reich an illustren Monarchen: Verrückte waren darunter oder solche, die als Krieger in Erinnerung blieben. Viele Fresser, Sexmaniacs und Bauwütige saßen auf dem Thron.

Manche Könige wiederum gaben sich fromm, idealistisch, sie heuchelten und herrschten unerbittlich. Auf Heinrich den Achten (1491 - 1547) traf alles auf einmal zu. Und: Er war der mit den sechs Ehefrauen.

Belesene Briten rümpfen bisweilen die Nase, weil alle Welt heute dazu neigt, jenen König aus dem Hause Tudor auf sein Liebesleben zu reduzieren.

Blaublütiger Womanizer

Befestigte Heinrich VIII. nicht weite Teile der englischen Südküste? Hat er nicht mehr als 50 Residenzen sein Eigen genannt und hohe Summen in die Kunst investiert? Zeigte er nicht ein geradezu universelles Interesse, das von der Astronomie bis zum Tennisspielen reichte? Bot er nicht mutig dem Papst die Stirn, brach mit Rom und schuf die Anglikanische Kirche?

Was ist mit dem für Englands späteren Aufstieg unerlässlichen Aufbau der Flotte? Und mit einer Außenpolitik, die viele Jahre Frieden brachte?

Touristen lassen sich trotzdem eher mit dem Bild des vielweibernden Königs locken, sogar als Fernsehfigur wühlte er sich unlängst durch die höfischen Schlafgemächer. Blaublütige Womanizer sind eben besonders sexy.

Vor 500 Jahren, im April 1509, wurde der junge Prinz in London gekrönt und gesalbt. Dementsprechend ausführlich zelebriert die Historische Schlösserverwaltung das große Jubiläum der Thronbesteigung - und hofft auf Besucherströme im Krisenjahr.

Dramen, für die Nachwelt nachgespielt

Bunt ist das Programm, das rund um den schillernden Heinrich dargeboten wird: Ein Festival mit Tudor-Musik ist geplant, ebenso ein ritterliches Lanzenstechen hoch zu Ross.

Dazu sollen Fechtkämpfe, Falkenjagden, Bogenschießen dargeboten werden - Sportarten, denen einst der König nachging.

Großbritannien

In der Waffenkammer von Heinrich VIII.

Kostümierte Darsteller spielen historische Begebenheiten nach: Den Aufstieg Anne Boleyns von der Mätresse zur Königin - und den tiefen Fall der angeblichen Ehebrecherin inklusive Todesurteil.

Schließlich: Die royale Vermählung des inzwischen aufgedunsenen Königs mit Catherine Parr, der Ehefrau, die seine sechste war und ihn überlebte.

Tower-Attraktionen zum Thronjubiläum

Pompös soll im Juni eine Themse-Fahrt sein; auf Dutzenden nachgebauten Booten soll die Entourage wie einst bei Heinrich VIII. flussaufwärts rudern. Freilich darf auch ein Historiker-Kongress nicht fehlen.

Einzig die Mitmach-Attraktion "Tudor Prisoners" wirkt schräg: "Werden Sie die Herrschaft Henrys lebend überstehen?", heißt es in der Vorankündigung - "oder werden Sie, so wie so viele seiner Freunde, ihren Kopf im Tower verlieren?"

Im Tower, wo über Jahrhunderte munter gefoltert, geköpft und auf sonstige Arten gestorben wurde, wird dieses "fun game" (Zitat aus dem Pressetext) im Juli angeboten. Der rabenschwarze Humor scheint den Briten auch in Zeiten von Folterknästen wie Abu Ghraib und Guantanamo nicht abhanden gekommen zu sein.

Der Tower an der Themse, Schutz- und Trutzburg der englischen Könige seit fast 1000 Jahren, ist in diesen Tagen wie eh und je überlaufen. Zu Hunderten stehen die Besucher an, nach dem Einlass werden sie von einem Wärter des Towers in Empfang genommen.

Schussschild statt Schutzschild: Eines von Heinrichs Kriegsspielzeugen, derzeit zu sehen in der Ausstellung "Dressed to kill" im Londoner Tower

(Foto: Foto: Historical Royal Palaces)

In breitem schottischen Akzent schildert einer der "Beefeater" lapidar gelungene Hinrichtungen und solche, die es weniger waren ("Der Scharfrichter traf zuerst Schulter und Nacken - er war wohl aufgeregt"), während zwei der Tower-Raben gegen das Gekreische von Schulkindern ankrächzen.

Andere Touristen eilen schnurstracks zu den Kronjuwelen: Sie bekommen die Kronen und Zepter des Empire nur wenige Augenblicke zu Gesicht, während sie auf einem Laufband an den Klunkern vorübergleiten. Aber man darf mehrmals aufs Laufband gehen.

Prächtig und mörderisch, so liebte es der König

Der Andrang wird im Heinrich-Jahr noch anschwellen, dafür ist gesorgt: Im zentralen White Tower, einen Steinwurf entfernt von der Stelle, an der der skrupellose König seinen Angetrauten Nummer zwei und vier ihre Köpfchen abschlagen ließ, wird die Ausstellung "Dressed to kill" gezeigt: Rüstungen und Kriegsgerät Heinrichs.

Die gut erläuterte Schau zeigt eindrucksvoll, in welcher Übergangsphase der Weltgeschichte Heinrich lebte. Mittelalterliches Rittertum geht über ins Schusswaffenzeitalter - Heinrich verquickte beides.

Gewehre mit mächtigen hölzernen Kolben sind zu sehen, eine Lanze, in deren ehernem Schaft der Lauf für eine tödliche Kugel eingelassen ist, dazu Schutzschilde mit eingebauten Schießeisen. Alles prächtig, innovativ - und mörderisch, so liebte es der König.

Heinrichs Waffen- und Rüstungskammer

Die Hauptattraktion aber sind Henrys Rüstungen, die aus verschiedenen Sammlungen zusammengeliehen wurden.

Mehrere blankpolierte Luxus-Exemplare ließ der Renaissance-Fürst sich schmieden, bei Tiroler Experten, bald gründete er eine eigene Manufaktur, in Greenwich, vor den Toren Londons. Anhand der metallenen Kampfmonturen zeigt sich auch, wie der sportlich-schlanke König im Laufe der Jahre verfettete.

Die Rüstung, die ihm in seinen letzten Lebensjahren passte, scheint für einen Bären gefertigt worden zu sein: Der Brustpanzer bot Platz für Heinrichs mächtige Wampe, seine zuletzt aufgequollenen und mit Geschwüren übersäten Beine waren nicht mehr vollends eisenverkleidet, sondern nur noch durch angestrapste Schienen geschützt - der König soll am Ende seines Lebens 160 Kilogramm gewogen haben.

Aufgedunsen, selbstbewusst, brutal: Heinrich im Herbst seines Lebens. Das Gemälde ist Teil der Ausstellung "Henry's Women" im Hampton Court Palace.

(Foto: Foto: Historical Royal Palaces)

Angefressen hatte sich der Monarch seinen kolossalen Körper während zahlreicher Gelage. Einen Eindruck von der opulent bestückten Tafel kann man sich in Hampton Court machen - sowohl von den Speisen, als auch vom Ambiente.

Der Palast liegt im Südwesten Londons, nahe Richmond, und ist nicht nur einen Besuch wert, sondern auch angenehm schwächer besucht als der Tower oder die innerstädtischen Schlösser.

Heinrich ließ sich den roten Backsteinpalast vom seinem Eigentümer Kardinal Wolsey gehorsamst überlassen. Der Gottesmann durfte, nachdem er in Ungnade gefallen war, immerhin sein Leben behalten.

Meisterwerke, ein halbes Jahrtausend alt

Der König befahl, die Anlage am Themse-Ufer prachtvoll auszubauen, für die Nachwelt ein Glücksfall: Die erhaltene Great Hall ist mit ihrem hölzernen Dachstuhl ein Meisterwerk. Sie diente Heinrich als Multifunktionssaal: Hier wurde gespeist, Theater gespielt und vor allem: repräsentiert. Die Halle ist ebenso mit einzigartigen Gobelins behangen wie der Große Wachsaal nebenan.

Unter der Decke der Schlosskapelle, blau, verspielt, mit Sternen bedeckt, wähnte sich Heinrich mit seinem Gott im Reinen. Sehenswert ist auch die astronomische Uhr. Letztere soll nach einem Entwurf eines gewissen Nicolaus Kratzer geschaffen worden sein, einem Mann aus dem fernen Bayern. Nicht zu vergessen der Tennisplatz Heinrichs, auf dem nach wie vor nach 500 Jahre alten Regeln Bälle gedroschen werden.

Die Wohngemächer Heinrichs und seiner Frauen fielen einem abgebrochenen Generalumbau im 18. Jahrhundert zum Opfer, dem das Schloss sein Aussehen verdankt: Eine Hälfte strahlt rot und warm im Tudor-Stil, die andere vom Barock-Baumeister Christopher Wren umgestaltete Seite zeigt sich kalkweiß und kantig in Richtung der weitläufigen Gartenanlagen.

In der Küche des Tudor-Königs

Aus Heinrichs Zeit sind auch Teile der Palastküchen erhalten geblieben: Für den Hof nur das Teuerste und Beste und davon viel, lautete damals die Devise.

Während die gemeinen Untertanen Haferschleim löffelten, ließen sich der König und sein bis zu 800-köpfiges Gefolge zweimal am Tag Exquisites auftischen: feine Pasteten und zuckrige Kuchen, Zitrusfrüchte aus Italien und Ananas aus der gerade entdeckten neuen Welt, Pfeffer aus Indien und Ingwer aus China wurden dargeboten, dazu Wein vom Festland und vor allem - Fleisch.

Etwa ein Kilo davon soll ein Mann am Hofe täglich verschlungen haben, 5000 Kalorien fanden ihren Weg in die hochwohlgeborenen Mägen, schätzen Forscher.

Gegrillt, gebraten und geschmort wurde alles, was schmeckte: Fasane und Rinder, Lämmer und Lachse, Zicklein, Schweine - und ab und zu auch ein Delphin.

All das wurde von livrierten Dienern zum Servieren geschleppt unter den strengen Blicken der Verwalter. Sie überwachten nicht nur den ordnungsgemäßen Ablauf und zählten die Speisen, sondern achteten auch darauf, dass das wertvolle Zinngeschirr vollständig zurückkehrte.

Schauplatz von Gelagen, Feiern und menschlichen Dramen: Hampton Court Palace im Südwesten Londons. Im Vordergrund tragen Restauratoren das Deckblatt der astronomischen Uhr zurück an ihren Platz im Uhrenhof.

(Foto: Foto: Historical Royal Palaces)

Wie es in den für die opulenten Massenmenüs zuständigen Küchentrakten zugegangen sein muss, schildern heute Speisearchäologen. Sie führen durch die Gewölbe, in denen die Fässer für den königlichen Rausch lagerten, zeigen die Feuerstätten und Öfen, in denen Brot und Pasteten gebacken wurden und Fleischbrocken am Spieß über den Flammen brutzelten.

Ab und zu wird vor den Augen der Besucher auch noch wie zu Zeiten Henrys gekocht - von den Speisen zu kosten, ist jedoch nicht erlaubt, die heutigen Gesundheitsvorschriften verbieten es.

Wie ein Heuschreckenschwarm

"A food factory", sagt der Fachmann, "eine Essens-Fabrik" sei es gewesen - für den Tudor-König eine Möglichkeit, Wohlstand und Großzügigkeit zu demonstrieren.

All das hineingestopfte Essen wurden die Herrschaften übrigens im "Haus der Erleichterung" wieder los: Am Burggraben befand sich das "Common jakes", ein Gemeinschaftsabort, in dem sich Knaben und Männer erleichterten. Höhere Angehörige des Hofes nutzten Klosettstühle. Der König verrichtete seine Notdurft sogar mit Hilfe eines speziellen Dieners. Sein klingender Titel lautete: "Pfleger des Stuhls".

Nach einigen Wochen der täglichen Gelage zog der hungrige Hofstaat weiter - wie ein Heuschreckenschwarm hatte er das Umland leer gefressen. Eine andere Residenz war schon auf die Fortsetzung der Völlerei vorbereitet.

Heinrich VIII.

Hampton Court Palace

Hampton Court Palace blieb für Heinrich bis zum Ende seines Lebens ein besonderer Ort. Hier war er oft, hier hielt er gerne Hof, auch nachdem sich der Geist des einst so schönen, athletischen Jünglings verdunkelt hatte: Henry hatte sich zum feisten, tobenden Brutalo entwickelt, der Zehntausende Tode zu verantworten hatte.

Unter den vielen Unglücklichen war auch sein treuer Lehrer und Berater Thomas Morus. Anders als Heinrich wollte der Humanist und Staatsmann nicht mit der katholischen Kirche brechen: Er lehnte den berüchtigten Suprematseid ab - für den König ein Fall fürs Schafott.

Morus' abgetrennter Kopf soll einen Monat lang an der London Bridge der gaffenden Menge zur Schau gestellt worden sein. Die katholische Kirche honorierte so viel Märtyrertum mit einem Heiligentitel, allerdings erst in den 1930er Jahren.

Heinrich und seine Frauen

In einem kleinen abgedunkelten Kabinett in Hampton Court hängen Porträts von Heinrich und seinen Frauen. Da ist die bleiche Katharina von Aragon zu sehen, jene unglückliche Witwe seines Bruders, die Heinrich auf Wunsch seines Vaters übernahm.

Er verbannte sie samt Tochter vom Hof, nachdem sie ihm keinen männlichen Thronfolger gebären konnte. Anne Boleyn, die Lady, die den König zappeln ließ, bis er mit dem Papst gebrochen hatte, um sie ehelichen zu können.

Drei Jahre nach der Heirat ließ ihr Heinrich den Kopf abschlagen, angeblich hatte sie ihn betrogen, tatsächlich konnte auch sie ihm keinen Prinzen schenken.

Jane Seymour, Gattin Nummer drei, war zu diesem Zeitpunkt schon die Favoritin des Königs, er heiratete sie in Hampton Court. Auf ihrem Porträt hängen kostbare Edelstein-Ketten um ihren Hals, glücklich wurde sie nicht. Sie starb im Kindbett hier im Schloss, doch Heinrich hatte endlich seinen ersehnten Thronfolger: Edward, ein kränkelnder Knabe, der wenige Jahre nach seinem Vater sterben sollte.

Zu sehen ist Anna von Kleve, in rotem, hochgeschlossenen Kleid. Der König verliebte sich in ein Bild der Dame, in Natura fand er sie ganz und gar nicht liebreizend. Heinrich löste die Causa auf seine Art: Er ließ sich scheiden. Anna erhielt ein Schloss - ihr Leben ließ er ihr auch.

Die spukende Königin

Anders Catherine Howard, eine gerade mal 20 Jahre alte Maid, die den inzwischen unansehnlichen König angeblich gleich mit zwei Männern betrogen haben sollte.

In Hampton Court soll noch ihr Geist spuken: Ab und an vernimmt man Howards Schreie um Gnade, die sie vor der Schlosskapelle einst ausstieß, in der der fromme Heinrich betete. Pardon gab er nicht: Zuerst verloren ihre Lover das Leben, dann die junge Königin.

Auch Catherine Parr ist zu sehen, die Ehefrau, die in Hampton Court wohnte und Heinrich überlebte. Und schließlich der König selbst: Breitbeinig ließ er sich in Öl pinseln, einen prächtigen Wams trägt er, seinen bartumwachsenen Mund zusammengekniffen, der Blick selbstbewusst und brutal.

500-jähriges Thronjubiläum

Heinrich VIII. und seine Frauen

Das schönste Gemälde ist jedoch das einer Frau von seinem Fleisch und Blute: Elisabeth. Heinrich hatte die mit Anne Boleyn gezeugte Tochter von der Thronfolge ausgeschlossen, doch nach seinem Tod und Jahren der politischen Instabilität wurde sie Queen.

Im Gegensatz zu ihrem Vater heiratete Elisabeth zwar nie. Doch in Sachen Machtwillen und Durchsetzungskraft stand sie dem König in nichts nach. Unter Elisabeth erlebte England ein "goldenes Zeitalter", sie selbst gab sich so wie auf dem Gemälde: Edel, ätherisch und unnahbar. Sie blieb kinderlos.

Heinrichs blutiger Zinober um einen männlichen Nachkommen, der vor allem dem Dynastieerhalt galt, war umsonst. Mit Elisabeths Tod im Jahre 1603 erlosch die Linie der Tudors.

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