4. September 2014, 13:57 Hippe kleine Städteschwestern Brüssel? Oh wie schön ist Gent!

Historie statt EU-Verwaltung, Kultur statt Manneken Pis: Wer einen Städtetrip nach Belgien plant, sollte unbedingt Gent besuchen. Die gemütliche kleine Studentenstadt gilt als Manhattan des Mittelalters und bietet eine Menge skurriler kleiner Bars.

Von Sarah K. Schmidt

Mit Tausenden anderen vor Museen die Füße platt stehen, an völlig überhöhten Hotelpreisen verzweifeln und das klassische Sightseeing-Programm abspulen? Das muss nicht sein, denn es gibt lohnende Alternativen zu den überlaufenen Tourismus-Hotspots Europas. Kleine Städte-Schwestern bieten viel, zu günstigeren Preisen und ohne Anstehen. Für ein entspanntes verlängertes Wochenende sind sie nicht die zweite, sondern die erste Wahl. Wir stellen wöchentlich die schönsten vor.

Gent statt Brüssel

Wer sich für EU-Verwaltungsgebäude und kleine Bronzejungen, die in Wasserbecken pinkeln, begeistern kann, der soll ruhig weiter nach Brüssel fahren und Fritten futtern. Für einen abwechslungsreichen und entspannten Städtetrip nach Belgien ist hingegen Gent viel besser geeignet. So viel europäische Geschichte und Kultur pro Quadratkilometer gibt es nur an sehr wenig anderen Orten. Der Stadt in Flandern gelingt es dabei perfekt, den Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart zu schlagen.

Stolze Stadt, Manhattan des Mittelalters, Blumenstadt, Flanderns Geheimnis - das alles sind Bezeichnungen für Gent. Jetzt kommst du, Brüssel! Zudem ist Gent die größte Studentenstadt Belgiens - wie immer ein verlässlicher Indikator für eine quirlige Szene und bezahlbare Preise.

Es bleibt ein Rätsel, warum nur relativ wenige Touristen diese gemütliche Stadt ansteuern. Das Touristenbüro tut zwar alles, um das zu ändern - so gibt es ausführliche deutschsprachige Internetseiten mit allen wichtigen Infos (zum Beispiel Visitgent.be und Flandern.com). Und die Stadt führt ein eigenes Hashtag, unter dem Besucher auf Twitter ihre schönsten Erlebnisse teilen können (#visitgent). Noch ist Gent jedoch ein Geheimtipp - und ein besonders günstig gelegener noch dazu. Wer seinen Trip verlängern will, hat es nur etwa 50 Kilometer weit bis Brüssel und Antwerpen, nach Brügge sind es sogar nur 40 Kilometer.

Schon vor etwa 70 000 Jahren hat ein Steinzeit-Mensch bei Gent seinen Faustkeil verlegt. Später machten es sich hier dann Kelten und Römer gemütlich, doch so richtig groß wurde Gent erst im Mittelalter. Zu dieser Zeit war die Stadt, was heute überraschend klingen mag, eine Metropole. Nördlich der Alpen war damals nur Paris größer, erst danach kamen London oder Köln.

Kein Wunder also, dass es fast 10 000 kulturhistorisch wertvolle Gebäude in der Stadt gibt. Diese Menge lässt sich während eines verlängerten Wochenendes natürlich nicht bewältigen - wir konzentrieren uns daher auf die Highlights.

Immer dem viertelstündlichen Glockenleuten nach geht es zum Belfried. Der Turm aus dem 14. Jahrhundert kann bestiegen werden. Der Ausblick aus knapp 100 Metern Höhe lohnt sich - allein für die Übersicht. Direkt nebenan liegt die gotische Tuchhalle, an dessen Fassade ein Relief einer bizarren Szene prangt: Ein älterer Mann nuckelt am entblößten Busen einer grimmigen Matrone. Der Hintergrund der Geschichte ist jedoch ernst. Einer römischen Legende zufolge wurde ein Häftling namens Cimon zum Hungertod verurteilt, seine Tochter rettete ihn durch Fütterung.

Ein Besuch in der St.-Bavo-Kathedrale ist Pflicht. 22 Altäre aus Marmor und Eiche hat das sakrale Bauwerk zu bieten. Die meisten wollen vor allem den von Jan van Eyck aus dem Jahre 1432 sehen. Das Altarbild rund um die Anbetung des Lamm Gottes ist eines der wichtigsten Kunstwerke Gents - und hat eine überaus abenteuerliche Geschichte hinter sich. Kinogängern dürfte es aus dem Clooney-Film "The Monuments Men" bestens bekannt sein.

In der Abtei St. Peter führt Mönch Alison virtuell durch eine mittelalterliche Kriminalgeschichte. So lassen sich auch Kinder für die Geschichte des Klosters aus dem siebten Jahrhundert begeistern.

Selfie-Hotspot und Mittelalter-Hafen

Historie und morbiden Charme vereint die Burg Gravensteen, in deren Keller einst ein Gefängnis samt Folterkammer untergebracht war. Ein Museum gibt heute Einblick in diesen finsteren Teil der Stadtgeschichte.

Wer sich gern vor Sehenswürdigkeiten fotografiert, tut dies in Gent am effizientesten von der St.-Michael-Brücke aus. Der Selfie-Hotspot bringt besonders viele Gebäude der Altstadt mit aufs Bild. Graslei und Korenlei sind das alte Zentrum der Stadt. An der Gracht des mittelalterlichen Hafens reiht sich ein historisches Giebelhaus ans andere.

Von alter Geschichte zu moderner Kunst

Der Kurzabriss durch Gents bewegte Geschichte ging jetzt ein bisschen schnell? Im Stadsmuseum Gent, dem Stadtmuseum, wird das alles noch einmal wunderbar zusammengefasst. Das Museum ist in einer alten Abtei untergebracht, die um einen Neubau erweitert wurde. Die Ausstellungsstücke werden durch interaktive Multimedia-Installationen ergänzt. Wiederum macht sich die Stadt hier große Mühe für ihre Gäste - und bereitet Geschichte spannend auf.

Von alter Geschichte zu moderner Kunst: Das geht ganz schnell in Gent. Im Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, also im Städtischen Museum für aktuelle Kunst (SMAK), werden nationale und internationale Künstler präsentiert. Die ständige Ausstellung wird dabei durch ein immer wieder neues Programm ergänzt. Auf dem Dach des Gebäudes im Citadelpark findet sich das Werk "De man die de wolken meet" (Der Mann, der die Wolken vermisst) von Jan Fabre.

Designmuseum und Blumenmarkt

Sehenswert ist außerdem das Designmuseum. In dem offenen, modernen Gebäude finden sich Designobjekte verschiedenster Stilrichtungen. Neben belgischen Designern sind auch ausländische Künstler vertreten. Kleiner Tipp: Selten hat sich ein Gang zur Toilette so gelohnt wie in diesem Museum.

Ein ganz anderes Konzept verfolgt das Huis van Alijn: Die Räume dieses besonderen Museums sind mit Gegenständen des Privatlebens eingerichtet - und geben so Einblicke in das Leben ganz normaler Genter quer durch das 20. Jahrhundert. Auch der Laden und das Café, die zum Museum gehören, sind sehr nett gestaltet.

Die Blumenstadt wird auf dem Kouter ganz besonders ihrem Ruf gerecht. Immer sonntags findet dieser Markt statt. Ein Bummel durchs Blumenmeer, zur Stärkung gibt es dann frische Austern. Freitags, samstags und sonntags findet außerdem am Morgen auf dem Bij-Sint-Jacobs-Platz ein Trödelmarkt statt.

Gent feiert sich selbst als "Veggie-Hauptstadt Europas" - und in der Tat finden sich hier zahlreiche vegetarische Restaurants. Zudem hat die Stadt den Donnerstag zum fleischfreien Tag erklärt. Mehrere Sterneköche sind auf diesen Zug aufgesprungen. Im "Naturell" zum Beispiel kreiert Chefkoch Lieven Lootens vegetarische Menüs, die alle zwei Monate wechseln. Das hat allerdings seinen Preis - etwa 70 Euro kosten die sechs Gänge. Etwas günstiger ist der Mittagstisch - hier gibt es zwei Gänge für etwa 30 Euro.

Ebenfalls sehr gut und kreativ kocht das "Avalon". Hier gibt es fleischlose Burger, Eintöpfe, Salate, Quiches und Desserts - das ganze zudem bio.

Studentisch, trendy, to go gibt es die Veggie-Küche im "Greenway". Wie wär's mit einem asiatischen Wrap, einem Spinatburger oder einer Gemüselasagne und danach einem veganen Brownie?

Speisen beim flämischen Jamie Oliver

Doch auch Fleischfans müssen in Gent nicht hungern. In der großen Fleischhalle, dem "Groot Vleeshuis", gibt es in toller Kulisse flämische Spezialitäten. Der Ganda-Schinken hängt direkt von den dicken Holzbalken an der Decke, außerdem gibt es Käse, Pasteten und zahlreiche weitere warme und kalte Leckereien. Ideal für einen regionalen Mittagssnack.

Kobe Desramaults ist eine Art flämischer Jamie Oliver. Der junge Sternekoch hat in einer früheren Metzgerei ein schönes, schlichtes Restaurant mit einem tollen Ambiente. "De Vitrine" heißt es - passend zur großen Fensterfront. Hier gibt es kreative Kreationen - hochwertig aber bezahlbar. Es empfiehlt sich, vorab zu reservieren.

Speisen in toller Kulisse? Das geht im "The House of Eliott" - in 20er-Jahre-Dekoration gibt es Hummer, aber auch zahlreiche andere Spezialitäten mit französischem Einschlag.

Cuberdons und Waffeln

Auch die Genter haben wie Belgier generell natürlich ein Händchen für Süßes. Seit mehr als hundert Jahren werden bei "Temmerman" Süßigkeiten verkauft. In nostalgischer Kulisse gibt es hier auch die Genter Spezialität Cuberdons zu kaufen - Himbeergelee-Drops mit einer schmelzenden Füllung. Ein ideales Mitbringsel, sollten denn welche den Weg bis nach Hause schaffen.

Selbst die besten Brüsseler Waffeln gibt es in Gent. Und zwar im "Etablissement Max". In fünfter Generation wird hier mit alten Eisen fluffiges Gebäck hergestellt. Das schöne Café liegt am Gouden Leeuwenplei - eine Waffel mit Puderzucker und der Blick auf den Belfried können hier gemeinsam genossen werden.

Belgische Pralinen mit spezieller Note finden sich in der Chocolaterie "Yuzu".

Das Genter Nachtleben wird mit Einbruch der Dunkelheit perfekt in Szene gesetzt. Ein ausgeklügeltes und prämiertes Beleuchtungskonzept taucht die historischen Backsteingebäude in ein malerisches Licht.

Gent wartet mit einer ganzen Reihe Bars der Kategorie "kreativ bis kurios" auf. Zum einen ist da das "Pink Flamigo's" - eine legendäre kleine Bar, die sich explizit zum Kitsch bekennt. Zum farbenfrohen Ambiente gibt es Drinks, Snacks und kostenloses W-Lan.

Im "`t Velootje" verschmelzen Schrottplatz und Kneipe. Noch nicht mal ein richtiges Schild ist über der alten Fahrradwerkstatt im Kalversteeg 2 angebracht. Allerdings verrät ein bisschen Gerümpel auf dem Gehsteig die alternative Kult-Location. Wer sich durch die schwere Tür traut, kriegt ein Bier vom kauzigen Inhaber und sitzt mitten in einer einmaligen Kulisse aus alten Fahrradreifen und sonstigem Plunder.

Die "Wasbar" ist tatsächlich eine Wasch-Bar - hier können die Leute ihre Wäsche waschen, dazu eine hausgemachte Limo oder ein Bier trinken oder sich sogar die Haare machen lassen. Donnerstagabends gibt es Live-Musik.

Cocktails, Hausbier und internationale DJs

In der afrikanisch und südamerikanisch angehauchten Bar "Polé Polé" gibt es Cocktails am langen Holztresen. Die Bar liegt zudem strategisch günstig zwischen Zentrum und Uni-Viertel.

Traditionell setzen die Belgier ja allerdings eher auf Bier als auf Caipis. Die größte Auswahl davon findet sich in der "Herberg de Dulle Griet". In historischem Setting gibt es mitten in der Altstadt mehr als 250 Sorten. Im Tausch gegen den Schuh gibt es ein Hausbier im Stiefel.

Das "Charlatan" ist ein Klassiker der Genter Club-Szene. Zu Live-Musik wird hier gefeiert, Genres und Altersgruppen vermischen sich. Wer frische Luft schnappen möchte, kann dies auf einer großen Terrasse tun.

Groß, etwas außerhalb und mit internationalem Ruf ist der "Culture Club". Hippe, schöne Menschen, strenge Türsteher und angesagte DJs findet man hier.

Alternativer und kleiner, aber nicht weniger legendär geht es im "Video" zu. Zudem liegt diese angesagte Location mitten in der Ausgehmeile in der Oude Beestenmarkt.