150 Jahre Pauschalreise:Das haben wir uns verdient

Urlaub hinter Mauern, am Buffet und unter scheinbar Gleichgesinnten: Neun SZ-Autoren berichten von ihren Pauschalreise-Erlebnissen.

Es mag unglaublich klingen, aber die erste Pauschalreise der Geschichte führte von London nach Paris. Man reiste damals noch gepflegt mit Eisenbahn und Schiff, und nur der Alkohol war im Preis nicht enthalten. Denn der britische Unternehmer Thomas Cook, der am 17. Mai 1861 die erste Pauschalreise anbot, war Baptist und Laienprediger und forderte seine Gäste stets zum Maßhalten auf. Wenn er wüsste, was 150 Jahre später aus seiner Idee geworden ist - er hätte es sich womöglich anders überlegt. Neun SZ-Autoren berichten von ihren All-Inclusive-Erfahrungen, die mit puritanischem Kulturgenuss im Paris des 19. Jahrhundert wenig zu tun haben.

Hungrig auf Lanzarote

Bei einer pauschal gebuchten Reise denken viele zuerst ans Essen. Ich hatte tatsächlich unglaublichen Hunger, denn ich war schwanger und wollte noch einmal in die Wärme fliegen, bevor mich, des Bauches wegen, keine Fluggesellschaft mehr transportieren würde. Lanzarote ist warm, auch im März schon, und so suchte ich das Hotel heraus, auf dessen Website die Buffets am üppigsten wirkten. Mein Zimmer war sonnenhell und groß, und nachts fuhr der Salzwind in die Gardinen, dass sie aussahen wie geblähte Segel.

Am schmalen Strand, der zum Hotel gehörte, traf ich einen Studenten aus dem Vogtland. Er las "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" von Márquez. Er trug Jesuslatschen und einen gewebten Stoffbeutel. Der Student hatte kein Geld für ein Hotel und schlief auf einer Matte am Strand. Er hatte aber so viel Hunger wie ich. Am zweiten Tag, als ich ihn hohlwangig über seinem Buch fand, habe ich ihn eingeladen.

Den Rest der Woche saß er in Sandalen und verschwitztem T-Shirt beim Abendessen an meinem Tisch. Wir redeten über Bücher und: aßen. Dann ging er zurück in den Sand, zu seiner Matte, zu seinem Buch. Ich hatte kein schlechtes Gewissen, ihn durchgefüttert zu haben, den nicht zahlenden Gast. Es hatte niemand nach seiner Zimmernummer gefragt. Renate Meinhof

Nach Agadir der Liebe wegen

Spießer, Superspießer, Tourist, Pauschaltourist. So ist das doch: Die Geschichte eines Niedergangs. Aber ich war jung und SIE wollte: nach Agadir. Lastminutepauschal. So etwas macht man nur für eine Frau. (Lange bevor man seine Ehefrau kennenlernt, die man aber kaum je in Agadir kennenlernt.)

Jedenfalls: Vor Agadir war ich in Europa unterwegs, per Interrail. Ich träumte von Fernost oder vom Reisen per Anhalter. Nach Agadir hingegen fliegt man - und überquert dabei Casablanca. Man guckt aus dem Fenster und denkt sich traurig, dass Bogart niemals nach Agadir gereist wäre. Nicht mit einem Pauschalanbieter, der irgendwie dänisch klingt.

Man kommt an, geht an den Strand, denkt sich, dass man sich Afrika anders vorgestellt hat und isst auf einem Markt irgendetwas, wovor immer gewarnt wurde. Alle sagen, dass man dann sehr krank wird. Man wird dann auch sehr krank. Und 14 Tage später fliegt man heim. Für den Rest seines Lebens hat man die Gewissheit: Dass man nicht Bogart ist. Seither habe ich keine Pauschalferien mehr gemacht. Mitunter bedaure ich das. Dann denke ich an Ilsa und Rick und sage, mehr zu mir selbst: "Uns bleibt immer Agadir." Gerhard Matzig

Familienterror in Italien

Warum man mit Kindern überhaupt immer wieder verreist und nicht gemütlich und stressfrei daheim in den Biergarten und ins Freibad geht, ist eines der Rätsel der Menschheit. Warum man aber auf die irrsinnige Idee kommt, bei einem auf Familien spezialisierten Veranstalter einen Pauschalurlaub in Italien zu buchen, bei dem man mit vielen anderen Eltern und Kindern zusammen ist, wird auf ewig ein ungelöstes Rätsel bleiben.

Man denkt: Da hat der eigene Nachwuchs jemanden zum spielen, es gibt eine Kinderbetreuung, wahrscheinlich haben die auch Apparate zum Flaschenauskochen, Ersatzwindeln, Spielsachen und was man sonst immer so alles selbst mitschleppen muss im überquellenden Auto.

Und dann sitzt man zwischen lauter greinenden Kleinen, die einem höllisch auf die Nerven gehen, weil es nicht die eigenen sind, und zwischen Eltern, die nur über Kinder reden. Das Hotel liegt nicht am Meer, sondern neben einem vollgepinkelten Freibad, es ist dreckig, weil das Haus ja nur für Familien mit Kindern gedacht ist, die ohnehin ständig schmutzen. Und die Kinderbetreuung besteht aus einem staubigen Raum mit einer kaputten Rutsche und abgebrochenen Malstiften. Und zuhause scheint derweil natürlich die Sonne. Cathrin Kahlweit

Abgeschottet in Senegal

Ausgerechnet Senegal. 1895 französische Kolonie, 1960 unabhängig, heute abhängig von Entwicklungshilfe. Verarmung, soziale Spannungen, geringe Lebenserwartung, hohe Kindersterblichkeit. Im Ferienclub kriegt man davon nichts mit. Der Pauschalreisende: "Was geschieht mit dem Fleisch vom Buffet, das übrig bleibt?" Der Angestellte. "Wird vernichtet."

Nächster Tag: Gruppenausflug auf dem Quad. Touristen rasen durch Dörfer, in denen Frauen Hirse stampfen und abgemagerte Kinder mit Stöcken spielen. Abends wieder Buffet. Der Pauschalreisende: "Könnte man nicht das Fleisch auch an die Menschen draußen verteilen?" Der Angestellte: "Auf keinen Fall. Soziale Spannungen. Verteilungskämpfe!"

Nächster Tag: Strand. Ein Einheimischer geht am Ufer entlang. Sicherheitskräfte fangen ihn ab. Der Pauschalreisende: "Was ist passiert?" Der Angestellte: "Er wollte in die Stadt. Am Meer entlang geht es am schnellsten." Der Pauschalreisende: "Und wieso hindern sie ihn?" Der Angestellte: "Das ist ein Strand für Touristen. Der Mann muss einen Umweg nehmen."

Die Pauschalreisenden an der Bar kippen einen Gin Tonic nach dem anderen. "Probier mal", sagen sie, "Chinin schützt auch vor Mücken". Martin Zips

Jugendliche Gier auf Mallorca

Als die Neunziger Jahre die ganze Welt gefangen hielten und die Pubertät die eigene, da waren Reisebuchung noch keine Schnäppchenjagd im Internet und das Fliegen noch keine mühsame Notwendigkeit. Das Reisebüro war noch kein musealer Anachronismus und im Flugzeug wurde noch erleichtert geklatscht - im Fall einer Mallorca-Reise gar begeistert gesungen.

Acht durstige Burschen vom Dorf hatten im damals neugegründeten Sender RTL 2 vogelwilde Dokus über El Arenal gesehen und in jugendlicher Gier gleich zwei Pauschal-Wochen gebucht. Vielleicht wäre alles (die Reise, das Aufwachsen, das Leben) anderes verlaufen, wenn das Reisebüro die notgeile Gruppe nur für ein Wochenende auf die Partyinsel geschickt hätte.

So aber folgte den ersten spektakulären Eindrücken eine endlose Pauschalschleife aus Pommes, Sonnenbrand, Bier, wieder Pommes, Sinnsuche, erbärmlich langweiligen Abenden in Großraumdiskos und einem stets vor dem Hotelbunker wartenden Zuhälter, der verzweifelt seine Visitenkarte (Slogan "Piff, Paff, Puff") verteilte.

Sie gingen als Jungen und kamen erwachsen zurück - wenn auch anders als geplant. Hätten unsere Eltern vor der Reise gewusst, was wir vorhatten, hätten sie uns zu Hause festgekettet. Hätten sie gewusst, wie ernüchternd und unsexy der Urlaub werden sollte, hätten sie ihn bezahlt. Auf dem Heimflug hat jedenfalls keiner mehr gesungen. Martin Wittmann

Hinter Mauern in Hurghada

Ein Konferenzraum mit Teppichboden. Schwere Vorhänge, Neonlicht, dazu pappsüßes Fruchtsaft-mit-Irgendwas-Getränk. Viele bleiche Menschen mit Augenringen. Draußen ist es Nacht. Ein Mann, der sich als unser Reiseleiter vorstellt, erzählt von Bootsausflügen und Museumsbesuchen.

Wo sind wir und wie sind wir hier her gekommen? Ach ja, die gelben Zettel. Von den Last-Minute-Schaltern des Münchner Flughafens haben sie uns hierher gelockt, nach Hurghada, Ägypten, eine Woche all inclusive, viel Sonne für wenig Geld, sofort. Die Sonne scheint tatsächlich sehr viel und auch sonst gibt es - zumindest für Pauschalreisen-Amateure - nichts zu meckern: Das Zimmer ist sauber und der Balkon so groß wie die Wohnung zuhause. Nach zwei Tagen entdecken wir in einer Ecke des Geländes sogar ein Restaurant, wo man seinen All-Inclusive-Anspruch abseits der großen Abfütterungshallen mit ihren Feinrippunterhemden und Adiletten durchsetzen kann.

Und Russen sind auch keine da. Das ist offenbar auch gut. Denn wo Russen sind, so antworten zumindest unsere Mitreisenden auf nie gestellte Fragen, da ist es unangenehm. So ist es wie Disneyland ohne Achterbahn.

Hurghada liegt hinter den Mauern der Hotelburgen, am Ende einer schön gepflasterten Straße: Viele Hochhäuser aus unverputztem Beton, dazwischen ein paar Läden mit Souvenirramsch. Und das Papyrusmuseum. Das natürlich kein Museum ist, sondern ein weiterer Laden. Zu kaufen gibt es große Papyruskunst für kleines Geld - genauso unecht wie der Rest des Urlaubs. Lena Jakat

Positiv denken auf Djerba

Wer Horrorgeschichten mag, liebt das Hotel Overlook. Stephen King hat es zum Schauplatz seines Thrillers "The Shining" gemacht. Es ist ein menschenleerer Kasten in der verschneiten Einsamkeit der Rocky Mountains. In Wirklichkeit stehen solche Hotels am Mittelmeer. In der Nebensaison sind sie besonders gruselig, weshalb man sie günstig buchen kann. Etwa auf Djerba, eine Woche Halbpension mit Flug für 399; D-Mark damals noch.

Der Flughafenbus setzt ein ahnungsloses Gymnasiastenpaar ab. Es ist schon dunkel, die gläserne Hoteltür wurde von innen mit einem Besenstiel verrammelt. Ein alter Mann schläft auf einer Couch in der Lobby. Es dauert, bis er vom Klopfen aufwacht. Aber es gibt noch etwas zu essen, in einem riesigen Saal mit 100 Tischen, an den 99 anderen sitzt kein Mensch.

Der Kellner ist schweigsam, es ist der alte Mann, der eben auf dem Sofa gelegen hat. Nun macht er nicht extra Licht an, gespenstisches Kerzenlicht muss dem speisenden Paar genügen. Schlafen gehen - über düstere Treppen und Flure - ist die reinste Mutprobe. Das Zimmer ist in Ordnung, aber es lässt sich nicht absperren, es gibt nicht mal einen Besenstiel. Gott sei Dank! Dann wird es ja doch nicht wie in "Shining". Darin bricht der böse Wahnsinnige mit der Axt durch eine Tür. Hier könnte er einfach am Knauf drehen.

Wenn man eins lernt als Pauschaltourist, dann: positiv zu denken. Jochen Temsch

Im Doppelpack auf Fuerteventura

Es ist lange her und es sollte nur für eine Woche sein, eine Woche Sonnen-Garantie. Das Reisebüro machte ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte, Fuerteventura im Doppelpack: Entweder Club 1 (berühmt und begehrt) oder Club 2 (neu und unbekannt). Da ich beide Clubs nicht kannte, war ich bester Laune, als der Bus vor Club 2 hielt, wo alle, die das Doppel-Angebot angenommen hatten, untergebracht waren.

Einige Leute weinten vor Enttäuschung, andere blieben im Bus und fuhren sofort zurück zum Flughafen. Ich blieb.

Es wurde eine tolle Woche. Keine Wolke am Himmel, herrlicher Strand. Der Tennisplatz und die Bogenschießanlage waren zwar noch nicht fertig, aber abends war Clubtanz, und die Animateure und die Köche spielten Theater. Vielleicht hatte deshalb tagsüber keiner mehr Lust, sich animieren zu lassen. Die Animateure spielten mit sich selbst Malefiz.

Am letzten Abend wurde ein Mann aus der ersten Gruppe (wir waren die zweite) geehrt, weil er als Einziger bis zum Schluss geblieben war. Er war ein Held, und ich habe ihn nie vergessen. Harald Hordych

Rundum zufrieden in der Türkei

Essen. Der alte Freund aus Schultagen weiß, wie er mich locken kann. "Da kannst du rund um die Uhr essen", sagt er am Telefon. Allein die Dessert-Theke sei so groß wie das komplette Buffet in gewöhnlichen Hotels. Er behält recht.

Zwei Monate später, es ist November, stehe ich in einer bunten All-inclusive-Bungalowsiedlung an der türkischen Riviera neben anderen Deutschen am Tresen und esse, esse, esse - allein von den klebrig-süßen Lokum-Würfelchen einen Teller voll, täglich. Dazu Döner, Lahmacun, Pide, Köfte und all die anderen guten Dinge, die man echten türkischen Männern und Claudia Roth ("Ich kann gute Börek machen") gleich ansieht.

Wie's war, fragt ein anderer Freund, als er mich nach meiner Rückkehr sieht: "rundum zufrieden, was?" Die nächste Reise war eine Fastenwanderung. Marc Felix Serrao

© SZ vom 17.05.2011/dd
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