Artenschutz

Die Wirbeltiere sind weg

Die Zahl der Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien auf der Erde hat sich in nur 50 Jahren drastisch verringert.

Doch es gibt auch positive Entwicklungen.

Artenschutz

Die Wirbeltiere sind weg

Die Zahl der Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien auf der Erde hat sich in nur 50 Jahren drastisch verringert.

Doch es gibt auch positive Entwicklungen.

13. Oktober 2022 - 4 Min. Lesezeit

Wenige Wochen vor Beginn der Weltnaturkonferenz im kanadischen Montreal zeigt ein Bericht der Umweltorganisation WWF, welche dramatischen Ausmaße der weltweite Schwund von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien bereits angenommen hat. In nur knapp 50 Jahren hat die Menschheit durchschnittlich 69 Prozent der beobachteten Populationen von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien vernichtet.

Die nicht ganz so schlechte Nachricht des aktuellen Living Planet Reports ist, dass der Schwund sich nicht weiter beschleunigt hat. „Seit 2015 knickt die Kurve nicht mehr weiter nach unten ab, sondern stagniert auf sehr niedrigem Niveau“, sagt Christoph Heinrich vom WWF Deutschland. Ziel müsse sein, dass sich die Bestände erholen, so dass die Kurve wieder nach oben zeigt.

Um den Schwund der Wirbeltiere auf der Welt zu quantifizieren, hat der WWF gemeinsam mit der Zoological Society of London (ZSL) den sogenannten „Living Planet Index“ entwickelt, der alle zwei Jahre neu berechnet wird. Die Indexkurve zeigt die durchschnittliche prozentuale Veränderung der erfassten Tierbestände seit dem Jahr 1970. In die aktuellen Berechnungen flossen Daten aus knapp 32000 Wirbeltierbeständen ein. Seit dem letzten Bericht aus dem Jahr 2020 sind Daten von 838 Arten aus 11011 Populationen dazugekommen.

Besonders schlecht geht es den Ergebnissen zufolge Süßwasserarten, Tieren also, die in Flüssen, Seen oder Feuchtgebieten leben. Ihre Bestände sind im Schnitt um 83 Prozent zurückgegangen. „In keinem anderen Ökosystem gibt es weltweit derart gravierende Rückgänge“, sagt Heinrich. Europa ist da keine Ausnahme. Auch in Deutschland haben Süßwasserorganismen mit vielen verschiedenen schädlichen Einflüssen zu kämpfen: Unter anderem gehen immer mehr Moore und Sümpfe verloren und Staudämme in Flüssen unterbrechen die Wanderwege von Fischen.

Doch es gibt auch Positivbeispiele, die zeigen, dass sich Arten auch wieder erholen können, wenn sie ausreichend geschützt werden. Die Population der Tiger in Nepal etwa ist mittlerweile wieder auf mehr als 235 Individuen angewachsen, 2009 gab es nur noch 121 Exemplare. Eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes sind auch die Seeadler in Schleswig-Holstein. 1945 gab es dort nur noch ein einziges Paar. Mittlerweile sind es immerhin wieder 57.

Der Bestand der Kegelrobben in der Ostsee - hier ein Welpe auf Helgoland in der Nordsee - hat sich in den vergangenen Jahren wieder erholt.
Der Bestand der Kegelrobben in der Ostsee - hier ein Welpe auf Helgoland in der Nordsee - hat sich in den vergangenen Jahren wieder erholt.

Besser geht es auch den Kegelrobben in der Ostsee, deren Bestand zwischen 2013 und 2019 um 139 Prozent gewachsen ist.

Auf der anderen Seite gibt es aber viele Arten, die stark zurückgegangen sind, so dass manche von ihnen kurz vor dem Aussterben stehen. Große Sorgen machen sich die Naturschützer etwa um den Amazonasdelfin in Brasilien, dessen Bestand zwischen 1994 und 2016 um 67 Prozent geschrumpft ist.

Mindestens genauso schlecht geht es den Westlichen Flachlandgorillas in Kamerun (69 Prozent Rückgang zwischen 2005 und 2019).

In Europa werden die ehemals sehr häufigen Feldlerchen immer seltener: zwischen 1980 und 2019 sind sie um 56 Prozent zurückgegangen.

Die häufigste Ursache für den Schwund weltweit ist dem Bericht zufolge die Zerstörung von Lebensraum. Eine große Rolle spiele dabei die Landwirtschaft, etwa wenn Wälder gerodet werden, um Felder anzulegen. Etwa 50 Prozent der für den Bericht untersuchten Arten, haben damit zu kämpfen.

Ein Viertel leidet vor allem unter der Übernutzung durch den Menschen, sei es durch Wilderei, legale Jagd oder Überfischung.

Im Kongo-Becken gebe es beispielsweise noch vergleichsweise intakte Wälder, in denen aber nur noch wenige Wirbeltiere leben, sagt Heinrich. Die Wälder seien praktisch leer gejagt.

Der Bestand der Kegelrobben in der Ostsee - hier ein Welpe auf Helgoland in der Nordsee - hat sich in den vergangenen Jahren wieder erholt.
Der Bestand der Kegelrobben in der Ostsee - hier ein Welpe auf Helgoland in der Nordsee - hat sich in den vergangenen Jahren wieder erholt.

Besser geht es auch den Kegelrobben in der Ostsee, deren Bestand zwischen 2013 und 2019 um 139 Prozent gewachsen ist.

Auf der anderen Seite gibt es aber viele Arten, die stark zurückgegangen sind, so dass manche von ihnen kurz vor dem Aussterben stehen. Große Sorgen machen sich die Naturschützer etwa um den Amazonasdelfin in Brasilien, dessen Bestand zwischen 1994 und 2016 um 67 Prozent geschrumpft ist.

Mindestens genauso schlecht geht es den Westlichen Flachlandgorillas in Kamerun (69 Prozent Rückgang zwischen 2005 und 2019).

In Europa werden die ehemals sehr häufigen Feldlerchen immer seltener: zwischen 1980 und 2019 sind sie um 56 Prozent zurückgegangen.

Die häufigste Ursache für den Schwund weltweit ist dem Bericht zufolge die Zerstörung von Lebensraum. Eine große Rolle spiele dabei die Landwirtschaft, etwa wenn Wälder gerodet werden, um Felder anzulegen. Etwa 50 Prozent der für den Bericht untersuchten Arten, haben damit zu kämpfen.

Ein Viertel leidet vor allem unter der Übernutzung durch den Menschen, sei es durch Wilderei, legale Jagd oder Überfischung.

Im Kongo-Becken gebe es beispielsweise noch vergleichsweise intakte Wälder, in denen aber nur noch wenige Wirbeltiere leben, sagt Heinrich. Die Wälder seien praktisch leer gejagt.

Der Klimawandel spielt dem Bericht zufolge für den Schwund von etwa 15 Prozent der untersuchten Arten eine Rolle. Laut dem Weltklimarat (IPCC) wird sich die Wirkung der Klimakrise auf die Artenvielfalt in Zukunft aber erhöhen, je nachdem, wie stark die Temperaturen ansteigen. Bei einer globalen Erderhitzung um 1,5 Grad nimmt der Anteil der Arten mit hohem Aussterberisiko beispielsweise um vier Prozent zu. Erhöht sich die Erhitzung um 3 Grad, steigt der Anteil auf 26 Prozent.

Zu denjenigen Arten, auf die sich der Klimawandel schon jetzt negativ auswirkt, gehören beispielsweise Meeresschildkröten: aufgrund der Hitze schlüpfen mancherorts nur noch weibliche Tiere, die dann keinen Partner mehr finden, um sich zu vermehren. Und aus Europa und den USA gebe es Berichte, dass Hummeln aufgrund von Hitzewellen lokal verschwunden seien, sagt Arnulf Köhnke, der beim WWF Deutschland für den Artenschutz zuständig ist.

Umgekehrt treibt der fortschreitende Verlust biologischer Vielfalt die Klimakrise weiter an. Ein Beispiel dafür sind die afrikanischen Waldelefanten. Nach dem aktuellen Living Planet Index sind sie in einigen Gebieten um mehr als 90 Prozent zurückgegangen.

Die Abwesenheit der großen Wirbeltiere führt dem Bericht zufolge dazu, dass sich die Zusammensetzung des Waldes so verändert, dass er weniger Kohlendioxid speichern kann.

Umgekehrt treibt der fortschreitende Verlust biologischer Vielfalt die Klimakrise weiter an. Ein Beispiel dafür sind die afrikanischen Waldelefanten. Nach dem aktuellen Living Planet Index sind sie in einigen Gebieten um mehr als 90 Prozent zurückgegangen.

Die Abwesenheit der großen Wirbeltiere führt dem Bericht zufolge dazu, dass sich die Zusammensetzung des Waldes so verändert, dass er weniger Kohlendioxid speichern kann.

Grundsätzlich verstärken sich Klima- und Artenkrise gegenseitig, weil höhere Temperaturen, mehr oder weniger Niederschläge und häufigere Extremwetter die Zusammensetzung der Spezies in Ökosystemen verändern. Dieses veränderte Artenspektrum wirkt sich dann wieder auf die Stickstoff-, Kohlenstoff-, und Wasserkreisläufe und damit auf das Klima aus.

Auf der Weltnaturkonferenz in Montreal sollte es deshalb nach Ansicht der Artenschützer nicht nur um Lösungen für die Biodiversitätskrise gehen, sondern auch um die Begrenzung der Erderwärmung.

Team
Text Tina Baier
Bildredaktion Jörg Buschmann, Niklas Keller
Digitales Storytelling Wolfgang Jaschensky