
Da ist dieses Gefühl bei vielen, wenn sie heute auf ein Volksfest gehen: Wie sicher bin ich hier noch? Die Nachrichten von terroristischen Anschlägen, die Diskussionen darum, die schwer bewaffneten Polizisten, die genau davor schützen sollen – sie alle führen zur Frage: Muss ich mich jetzt wirklich vor Terror fürchten?
Um das einschätzen zu können, schaut man besser nicht auf einzelne Ereignisse, sondern betrachtet die Gefahr für die gesamte Gesellschaft in einer größeren Zeitspanne. Denn niemand kann mit Sicherheit sagen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, bei einem bestimmten Volksfest in einen Terroranschlag zu geraten. Der generellen Terrorgefahr im öffentlichen Raum hingegen kann man sich statistisch annähern.

Dafür ist zuerst die genaue Definition von Terror entscheidend. In Deutschland richtet sich die nach dem Strafgesetzbuch. Terror muss demnach grundsätzlich politisch motiviert sein, potenziell lebensgefährlich und staats- oder verfassungsfeindlich. Der Messerangriff eines Asylsuchenden in Aschaffenburg im Januar gilt beispielsweise nicht als Terroranschlag, weil die Ermittler nicht von einem politischen Motiv ausgehen.
Bis 2023 hat das Bundeskriminalamt (BKA) eine genaue Statistik aller Verletzten und Toten, die unter solche terroristischen Taten fallen. Für das vergangene Jahr, in dem sich die Fälle – Mannheim, Solingen, Magdeburg – auffällig gehäuft haben, fehlt die Auswertung noch. Das ist vor allem deshalb relevant, weil die Tat in Magdeburg das zuvor in Deutschland gekannte Ausmaß von Anschlägen deutlich überstieg. Mit über 300 Verletzten gab es in Magdeburg weit mehr Opfer als bei allen Terroranschlägen in den vorherigen fünf Jahren zusammengenommen.
Im Schnitt gut 70 Terroropfer jährlich
Um die Terrorgefahr einordnen zu können, hat die SZ daher die Fälle aus dem vergangenen Jahr, die nach aktuellem Stand unter die Definition des BKA fallen, in den Daten ergänzt und anschließend den Mittelwert der vergangenen fünf Jahre errechnet: Gut 70 Menschen wurden demnach jährlich bei Terroranschlägen verletzt oder getötet.
Auf die deutsche Gesamtbevölkerung und deren Lebenserwartung hochgerechnet, ergibt sich daraus schließlich eine Zahl, mit der sich die Größe der tatsächlichen Terrorgefahr einordnen lässt: 0,006 Prozent oder 1 zu 16 500. Das bedeutet: Wenn es jedes Jahr so viele Opfer gäbe wie in den vergangenen fünf Jahren, würde jeder 16 500. in seinem Leben bei einem Terroranschlag zu Schaden kommen. Dass das tatsächlich so kommt, ist unwahrscheinlich, denn die Terrorlage wird kaum ein Leben lang unverändert bleiben – aber es hilft, um das aktuelle Risiko einzuschätzen.
Wie wahrscheinlich sind andere Gefahren?
Zum Vergleich sehen Sie im Folgenden verschiedene andere Risiken, die Menschen im Alltag begegnen können. Alle sind ausschließlich aus Daten der Vergangenheit berechnet und keine Prognosen für die Zukunft. Und: Sie gelten für das Mittel der deutschen Bevölkerung, unabhängig vom eigenen Lebensstil.
Was schätzen Sie, welche Gefahren sind wahrscheinlicher, welche unwahrscheinlicher? Vergleichen Sie jeweils die auf der Karte genannte Gefahr mit der zuvor genannten. Im ersten Fall also mit der eines Terroranschlags in Höhe von 1:16 500.
Hatten Sie alles richtig? Herzlichen Glückwunsch. Haben Sie sich bei manchem geirrt? Dann geht es Ihnen so wie vielen Menschen.
Der Soziologe Ortwin Renn forscht seit Jahrzehnten zur Risikowahrnehmung in der Gesellschaft. „Gerade das Risiko von Gefahren, die nur selten passieren, können Menschen schlecht einschätzen“, sagt er. Besonders häufig überschätzten Menschen die Gefahr von großen Katastrophen wie Terroranschlägen. „Da rückt die tatsächliche Wahrscheinlichkeit komplett in den Hintergrund.“
Alltägliche Risiken werden oft unterschätzt
Schon vor Jahrzehnten fanden Studien heraus, dass die Anzahl der tatsächlichen Todesfälle nur eine sehr kleine Rolle für die Wahrnehmung des Risikos spielt. So fürchteten Menschen beispielsweise Gefahren, bei denen 300 Menschen auf einmal sterben, mehr als andere, bei denen 300 Menschen über das Jahr verteilt umkommen. Besonders Gefahren, die regelmäßig in der Zeitung erwähnt werden, wirkten oft größer, als sie tatsächlich seien, sagt Renn.
Hingegen unterschätzen Menschen Gefahren meist dann, wenn sie alltäglich werden – und meinen, diese selbst beeinflussen zu können. Im Verkehr sorgen sich also auch deshalb so wenige, weil sie glauben, als sicherer Fahrer schon keine Unfälle zu bauen.
Solche Fehleinschätzungen können weitreichende Folgen haben, wie der Psychologe Gerd Gigerenzer erklärt. Der Direktor des Zentrums für Risikokompetenz an der Universität Potsdam hat die Folgen des Attentats am 11. September 2001 untersucht. „Damals sind viele Leute aus Angst vor Flugzeugen lieber mit dem Auto gefahren“, sagt er. „Die Anzahl der Verkehrstoten in den USA ist daraufhin erheblich gestiegen.“

Soll man seine Angst also schlicht ignorieren, trotzdem in den Flieger steigen? Oder einfach zu Hause bleiben und das Volksfest im Fernsehen anschauen? Besser sei es, raten die Experten, sich regelmäßig die tatsächlichen Risiken bewusst zu machen. „Vielen Menschen hilft es zu realisieren, dass es nirgendwo ganz sicher ist“, sagt Psychologe Gigerenzer. Selbst bei der Handynutzung auf dem Sofa kann ein Wohnungsbrand ausbrechen – oder, viel wahrscheinlicher, der Bewegungsmangel das Risiko erhöhen, an Diabetes zu erkranken. Gefahren sind Teil des Lebens. Entscheidend sei die Fähigkeit, sie richtig einzuschätzen.
Dafür, dass das vielen so schwerfällt, sieht Gigerenzer auch die Medien in der Verantwortung. „Die Medien berichten über jeden terroristischen Anschlag“, sagt er. Was er hingegen vermisse, seien Berichte darüber, wie sich die Welt verbessert. „Dabei wäre es in vielerlei Hinsicht korrekt zu schreiben: Uns geht es so gut wie nie zuvor.“
Ist heute alles besser als früher?
Gibt es also eigentlich Grund zur Freude? Oder hat sich das ein oder andere doch verschlechtert? Im folgenden Quiz präsentieren wir Ihnen verschiedene Punkte, an denen sich die Lage der Welt betrachten lässt. Und immer geht es um dieselbe Frage: Wie haben sie sich innerhalb dieses Jahrhunderts entwickelt? In welche Richtung haben sich die folgenden Parameter also seit 2000 verändert?
Wie lautet also das Fazit? Nun, gerade wenn es um Entwicklungspolitik geht, hat sich in den vergangenen Jahren vieles verbessert. Aber ganz aufhören, uns Sorgen um die Welt zu machen, können wir deshalb nicht.
„Es gibt eine Reihe an bedrohlichen kollektiven Risiken, die Menschen eher unterschätzen“, sagt Soziologe Renn. Der Klimawandel etwa oder das noch immer nicht ganz ungefährliche Coronavirus. „Menschen haben die besondere Fähigkeit, langfristige Bedrohungen irgendwann als normal zu empfinden.“
Wie sich der Weltblick korrigieren lässt
Es ist also nachvollziehbar, dass kurzfristige Schockereignisse die eigene Weltsicht vergleichsweise stark beeinflussen. Für einen rationaleren Blick könnte es aber helfen, sich doch noch einmal in Ruhe mehrere Entwicklungen vor Augen zu führen, nicht bloß die kurzfristigen.
Die Zukunftsforscherin Florence Gaub riet kürzlich in der SZ: „Lesen Sie die langen Artikel, nicht die kurzen.“ Psychologe Gert Gigerenzer rät: „Lesen Sie auch die guten Nachrichten, nicht nur die schlechten.“ Beides könnte helfen, einen realistischeren Blick auf die gegenwärtige Lage zu bekommen – auf die Gefahren und die Entwicklungen. Die Anzahl der vergleichsweise häufigen tödlichen Verkehrsunfälle, nur als Beispiel, ist seit der Jahrtausendwende um über 60 Prozent zurückgegangen. Tendenz: seit Jahrzehnten sinkend.