
Politisch gesehen dürfte 2012 aus gegenwärtiger Perspektive so etwas wie eine gute heile Zeit gewesen sein. Doch der Moralpsychologe Jonathan Haidt beschrieb das politische Klima in den USA da bereits als „Meldungen aus der Kriegszone“. In diesem Jahr veröffentlichte er „The Righteous Mind“, in dem er analysierte, warum sich Menschen mit gegensätzlichen politischen Ansichten so unversöhnlich begegnen. In dem Buch stellt er die Theorie der moralischen Grundlagen vor. Moralische Instinkte bestimmen demnach unser politisches Denken. Linke und Rechte haben dabei unterschiedliche ethische Grundgefühle und Intuitionen. Da diese unbewusst wirken, verstehen sich die beiden Lager oft falsch oder gar nicht und verurteilen sich gegenseitig. Jetzt, 14 Jahre später, erscheint das Buch erstmals in deutscher Übersetzung: „Die Macht der Moral. Warum Politik und Weltanschauungen unsere Gesellschaft spalten“ (Rowohlt-Verlag). Aber kann das Modell die gegenwärtige Spaltung überhaupt noch erklären? Waren die Vorhersagen viel zu optimistisch? Zeit für ein paar Fragen.