Klimapolitik

Mehr Fortschritt als erwartet

Nein, es wird nicht genug für den Klimaschutz getan. Aber klimapolitisch hat sich mehr bewegt, als noch vor wenigen Jahren vorstellbar war. Eine Analyse in Daten und Grafiken.

4. April 2022 - 9 Min. Lesezeit

Mit der Ukraine-Krise kommt noch mehr Dringlichkeit in eine ohnehin schon dringliche Angelegenheit. Gas-Embargo, Engpass, Frühwarnstufe - begleitet von Notfallrhetorik wird derzeit über Gas, aber auch über Öl und Kohle und die Abhängigkeit davon debattiert. Der Umbau der Energieversorgung ist aber nicht nur mit Blick nach Russland, sondern auch mit Blick in die Zukunft erforderlich. Die Klimakrise macht die Abkehr von fossilen Brennstoffen zwingend nötig, ob sie nun aus Russland stammen oder nicht.

Der Weltklimarat IPCC wird an diesem Montag klimapolitisch Bilanz ziehen: Die dritte Arbeitsgruppe veröffentlicht ihren Bericht zu Klimaschutzmaßnahmen und Emissionsbegrenzung. Im Zentrum steht eine Bestandsaufnahme, was getan wurde und noch zu tun ist – ob die Weltgemeinschaft auf dem richtigen Weg ist, um den Klimawandel zu bremsen.

Auch vor Erscheinen des Berichts ist klar: Die Welt hat sich auf den Weg gemacht. Bei aller berechtigten Kritik am internationalen Zögern und Zaudern lässt sich festhalten: Klimapolitisch hat sich einiges bewegt. Nicht genug, aber doch mehr, als in jüngster Vergangenheit zu erwarten gewesen wäre.

Denn es ist noch nicht lange her, dass apokalyptische Szenarien vergleichsweise wahrscheinlich erschienen. Der Weltklimarat IPCC hat die schlimmste aller Zukunftsversionen in seinem fünften Sachstandsbericht in den Jahren 2013 und 2014 als das "Weiter so wie bisher"-Szenario tituliert, unter der Annahme, dass die Menschheit nicht mit entsprechenden Maßnahmen auf den Klimawandel reagiert.

Fünf Grad plus verglichen mit der Zeit vor der Industrialisierung standen im Raum. Mit einer solch rapiden Erwärmung wären große Teile der Erde im 22. Jahrhundert kaum mehr bewohnbar.

In dieser Grafik, angelehnt an die warming stripes oder Klimastreifen, steht jeder vertikale Streifen für die Durchschnittstemperatur in einem Jahr. Die Farbe der Streifen zeigt an, ob es im jeweiligen Jahr wärmer oder kälter als vor der Industrialisierung war: Blau steht für einen im Vergleich kühleren Mittelwert, Gelb und schließlich Tiefrot wie hier im Fünf-Grad-Szenario für höhere Temperaturen.

Von diesem Worst-Case-Szenario, genannt RCP 8.5, geht die Mehrheit der Klimawissenschaftler realistischerweise allerdings nicht mehr aus. Und das liegt nicht nur an Konstruktionsfehlern des Modells, sondern auch an den Fortschritten der Klimapolitik in den vergangenen Jahren. Unter wachsendem öffentlichen Druck ist ein “Weiter so” unmöglich geworden.

Ein Tiefpunkt war die gescheiterte Klimakonferenz von Kopenhagen 2009. Der uneinigen Weltgemeinschaft gelingt es nicht, sich auf neue, weitergehende Ziele nach dem Kyoto-Protokoll zu verständigen. Das Scheitern hat Folgen: Der Climate Action Tracker, ein wissenschaftliches Projekt, dessen Berechnungen auch die SZ für ihren Klimamonitor verwendet, prognostiziert danach im Mittel eine Erwärmung von um die 3,5 Grad bis zum Jahr 2100.

Es dauert einige Jahre, aber nach und nach schlagen sich die düsteren Prognosen, welche dramatischen Folgen auch eine Erwärmung von um die drei Grad hätte, auch politisch nieder. Beim "Wunder von Paris", der Klimakonferenz 2015, verpflichten sich die Staaten, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu drücken, wenn möglich sogar auf um die 1,5 Grad. Aus den tatsächlichen Einsparzusagen, mit denen der Climate Action Tracker nach Paris rechnet, ergeben sich zwar keine 1,5 Grad, aber mit 2,7 Grad im Mittel immerhin die bisher niedrigste prognostizierte Erderwärmung.

Nach dem Wunder wird die Klimapolitik zwischenzeitlich wieder von der Realität eingeholt, die Klimakonferenzen bleiben ohne große Fortschritte. Unter dem Eindruck weltweiter Proteste von "Fridays for Future" oder Extremereignissen wie anhaltenden Dürren in Europa und den USA gestalten sich die Klimaschutzziele aber allmählich wieder ambitionierter. Halten die Staaten ihre bei der jüngsten Klimakonferenz in Glasgow gegebenen Versprechen, gelänge es wahrscheinlich, die Erderwärmung auf 2,1 Grad zu begrenzen.

Auch eine im Magazin Science veröffentlichte Analyse attestiert den Glasgow-Vereinbarungen, dass die Welt dem 1,5-Grad-Ziel damit näher rückt, als es noch in Paris der Fall war, vor allem mit Blick auf die Verpflichtungen in naher Zukunft. Die Chancen, die Temperatur auf unter zwei Grad zu drücken, seien gestiegen. Die Autoren betonen aber auch, dass dafür den Worten Taten folgen müssten.

Fünf Grad plus verglichen mit der Zeit vor der Industrialisierung standen im Raum. Mit einer solch rapiden Erwärmung wären große Teile der Erde im 22. Jahrhundert kaum mehr bewohnbar.

In dieser Grafik, angelehnt an die warming stripes oder Klimastreifen, steht jeder vertikale Streifen für die Durchschnittstemperatur in einem Jahr. Die Farbe der Streifen zeigt an, ob es im jeweiligen Jahr wärmer oder kälter als vor der Industrialisierung war: Blau steht für einen im Vergleich kühleren Mittelwert, Gelb und schließlich Tiefrot wie hier im Fünf-Grad-Szenario für höhere Temperaturen.

Von diesem Worst-Case-Szenario, genannt RCP 8.5, geht die Mehrheit der Klimawissenschaftler realistischerweise allerdings nicht mehr aus. Und das liegt nicht nur an Konstruktionsfehlern des Modells, sondern auch an den Fortschritten der Klimapolitik in den vergangenen Jahren. Unter wachsendem öffentlichen Druck ist ein “Weiter so” unmöglich geworden.

Ein Tiefpunkt war die gescheiterte Klimakonferenz von Kopenhagen 2009. Der uneinigen Weltgemeinschaft gelingt es nicht, sich auf neue, weitergehende Ziele nach dem Kyoto-Protokoll zu verständigen. Das Scheitern hat Folgen: Der Climate Action Tracker, ein wissenschaftliches Projekt, dessen Berechnungen auch die SZ für ihren Klimamonitor verwendet, prognostiziert danach im Mittel eine Erwärmung von um die 3,5 Grad bis zum Jahr 2100.

Es dauert einige Jahre, aber nach und nach schlagen sich die düsteren Prognosen, welche dramatischen Folgen auch eine Erwärmung von um die drei Grad hätte, auch politisch nieder. Beim "Wunder von Paris", der Klimakonferenz 2015, verpflichten sich die Staaten, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu drücken, wenn möglich sogar auf um die 1,5 Grad. Aus den tatsächlichen Einsparzusagen, mit denen der Climate Action Tracker nach Paris rechnet, ergeben sich zwar keine 1,5 Grad, aber mit 2,7 Grad im Mittel immerhin die bisher niedrigste prognostizierte Erderwärmung.

Nach dem Wunder wird die Klimapolitik zwischenzeitlich wieder von der Realität eingeholt, die Klimakonferenzen bleiben ohne große Fortschritte. Unter dem Eindruck weltweiter Proteste von "Fridays for Future" oder Extremereignissen wie anhaltenden Dürren in Europa und den USA gestalten sich die Klimaschutzziele aber allmählich wieder ambitionierter. Halten die Staaten ihre bei der jüngsten Klimakonferenz in Glasgow gegebenen Versprechen, gelänge es wahrscheinlich, die Erderwärmung auf 2,1 Grad zu begrenzen.

Auch eine im Magazin Science veröffentlichte Analyse attestiert den Glasgow-Vereinbarungen, dass die Welt dem 1,5-Grad-Ziel damit näher rückt, als es noch in Paris der Fall war, vor allem mit Blick auf die Verpflichtungen in naher Zukunft. Die Chancen, die Temperatur auf unter zwei Grad zu drücken, seien gestiegen. Die Autoren betonen aber auch, dass dafür den Worten Taten folgen müssten.

Dieser Zusatz ist nach wie vor nötig, denn es klafft noch immer eine große Lücke zwischen den Versprechungen und dem 1,5-Grad-Ziel, zu dem man sich in Glasgow erneut bekannt hat. Beim Blick auf die prognostizierten CO₂-Emissionen und die daraus resultierenden Erwärmungsszenarien wird das in dieser Grafik noch einmal auf einen Blick deutlich. Je nachdem, von welchen Zielsetzungen der Weltgemeinschaft man ausgeht, ergeben sich ganz unterschiedliche Entwicklungspfade:

Diese Zukunft zeichnete sich noch vor zehn Jahren ab: Die Klimaschutzversprechen der Staaten wären nicht weit vom Worst-Case-Szenario RCP8.5 entfernt gewesen. Statt einer Erwärmung um fünf Grad bis Ende des Jahrhunderts hätte es mit diesen Versprechen eine um 3,5 Grad gegeben.

Was seitdem erreicht wurde, zeigt die rot leuchtende Fläche: Sie zeigt die zu erwartenden Emissionen, wenn man die bis Ende 2021 in Gesetze gegossenen oder schon umgesetzten Klimaschutzmaßnahmen zugrunde legt – ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zu den Versprechen von 2012. Bis zum Ende des Jahrhunderts würde sich die Erde um 2,7 Grad erwärmen.

Allerdings klafft zwischen den schon verabschiedeten Klima-Gesetzen und den in Glasgow selbsterklärten Klimazielen der Staaten (orangefarbener Bereich), die auf eine Erwärmung von 2,1 Grad hinausliefen, noch immer eine Lücke.

Und für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels wären selbst diese selbstgesteckten Ziele nicht ausreichend. Die gelbe Fläche zeigt, wie sich die Emissionen dafür entwickeln müssten. Die Staaten müssten nachbessern, in den Zielen, aber auch in der Umsetzung derselben. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts müssten die Emissionen sogar negativ werden, Kohlendioxid müsste der Atmosphäre wieder entzogen werden.

Diese Zukunft zeichnete sich noch vor zehn Jahren ab: Die Klimaschutzversprechen der Staaten wären nicht weit vom Worst-Case-Szenario RCP8.5 entfernt gewesen. Statt einer Erwärmung um fünf Grad bis Ende des Jahrhunderts hätte es mit diesen Versprechen eine um 3,5 Grad gegeben.

Was seitdem erreicht wurde, zeigt die rot leuchtende Fläche: Sie zeigt die zu erwartenden Emissionen, wenn man die bis Ende 2021 in Gesetze gegossenen oder schon umgesetzten Klimaschutzmaßnahmen zugrunde legt – ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zu den Versprechen von 2012. Bis zum Ende des Jahrhunderts würde sich die Erde um 2,7 Grad erwärmen.

Allerdings klafft zwischen den schon verabschiedeten Klima-Gesetzen und den in Glasgow selbsterklärten Klimazielen der Staaten (orangefarbener Bereich), die auf eine Erwärmung von 2,1 Grad hinausliefen, noch immer eine Lücke.

Und für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels wären selbst diese selbstgesteckten Ziele nicht ausreichend. Die gelbe Fläche zeigt, wie sich die Emissionen dafür entwickeln müssten. Die Staaten müssten nachbessern, in den Zielen, aber auch in der Umsetzung derselben. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts müssten die Emissionen sogar negativ werden, Kohlendioxid müsste der Atmosphäre wieder entzogen werden.

Bislang hält kein einziges Land seine Versprechen wirklich ein. Was die Länder in ihren jeweiligen Klimaschutz-Gesetzen festgeschrieben haben, hat nur bedingt mit den vollmundigen Versprechungen auf internationaler Bühne zu tun – es reicht nicht aus, um die Emissionen derart zu reduzieren wie behauptet.

Woran hakt es gerade? Zunächst an den Zielen selbst: Zwar verlangt das Pariser Klimaabkommen, dass die nationalen Klimaziele stetig nachgebessert werden. Einige Staaten wie Australien, Indonesien, Russland, die Schweiz oder Vietnam haben aber in Glasgow die gleichen Ziele wie noch 2015 eingereicht. Brasilien und Mexiko senkten ihre Klima-Ambitionen sogar ab.

Und auch die Umsetzung lässt häufig zu wünschen übrig. Um das globale 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müsste die Kohleverstromung nach Ansicht von Experten bis 2040 weltweit beendet werden. Staaten wie China, Indien, Indonesien und Vietnam setzen aber weiterhin auf den klimaschädlichsten aller Energieträger, bauen teils sogar neue Kraftwerke. Und statt von Kohle direkt auf erneuerbare Energien umzusteigen, bauen viele Staaten, darunter auch Deutschland, auf Erdgas als Brückentechnologie. Auch die Emissionen aus der Verwendung von Erdgas müssen aber langfristig gesehen sinken.

Einen besonders schweren Rückschlag erlebt die Welt jetzt gerade: 2021 haben die globalen CO₂-Emissionen ein neues Allzeithoch von 36,3 Milliarden Tonnen erreicht. Ein Plus von sechs Prozent gegenüber 2020, was natürlich mit der wirtschaftlichen Erholung nach dem Einbruch durch die Corona-Pandemie zu tun hat. Allerdings zeigt der scharfe Anstieg laut einem Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA), dass die Welt eben nicht die richtigen Werkzeuge gewählt hat, um die Folgen der Krise zu bewältigen. Zu Beginn der Pandemie hatte IEA-Chef Fatih Birol gefordert, saubere Energien in den Mittelpunkt von Hilfspaketen zu stellen. Stattdessen wurde 2021 so viel Kohle wie nie zuvor verbrannt, um Strom und Wärme zu erzeugen. Eine verpasste Chance.

Immerhin: 400 Milliarden US-Dollar pro Jahr können derzeit laut IEA jedes Jahr für saubere Energien mobilisiert werden. Allerdings wären 1000 Milliarden US-Dollar jährlich notwendig, damit die Emissionen langfristig einen Paris-kompatiblen Pfad einschlagen.

Daher warnt der Emissions-Gap-Report der Vereinten Nationen, dass das Paris-Ziel bereits in den kommenden zwei Dekaden gerissen werden, die Erde sich also bereits um 1,5 Grad erwärmt haben könnte, wenn nicht groß angelegte und sofortige Maßnahmen ergriffen würden. Bisher allerdings, kritisiert der Bericht, schieben viele Staaten Maßnahmen auf die lange Bank. Sprich: Wirklich durchgreifen sollen die meisten Klimaschutzpläne erst nach 2030.

Die Berechnungen des Climate Action Trackers können Sie sich in diesem interaktiven Modul aus dem SZ-Klimamonitor auch selbst anschauen. Beim Klick auf das Plus-Symbol erfahren Sie mehr über die Klimaschutzziele der einzelnen Länder.

Weitere Daten, Informationen und Geschichten zum Klimawandel und zur Klimapolitik finden Sie im SZ-Klimamonitor:

Team
Text und Daten Sabrina Ebitsch, Christoph von Eichhorn, Sören Müller-Hansen
Digitales Storytelling Sören Müller-Hansen
Digitales Design, Infografik Sead Mujić
Foto in Collage NASA via dpa
Redaktion Elisa von Grafenstein, Marlene Weiß
Schlussredaktion Florian Kaindl