Wirtschaftsgipfel 2022

So kommt Deutschland durch den perfekten Sturm

Von Marc Beise und Lisa Nienhaus, Collagen: Stefan Dimitrov
22. November 2022 - 7 Min. Lesezeit

Neulich in München. Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz Christoph Heusgen referiert über die sicherheitspolitische Lage von Kiew bis Taipeh, von Iran bis China, den Klimawandel nicht zu vergessen. Die Zuhörer lauschen gebannt, aber sie werden in ihren Sesseln auch immer kleiner. Der Krieg in der Ukraine, Putins Ambitionen, die Veränderungen in China, das Pulverfass Nahost: Hochrisiken, Heusgen zählt sie alle auf. Unwillkürlich fragt man sich, was der Mann wohl daheim bei der Familie denkt. Welch düstere Welt entsteht da gerade?

Wenige Tage zuvor ein Gespräch mit Ulrike Malmendier, Berkeley-Professorin und neue Frau im Rat der Wirtschaftsweisen, dem Gremium, das die Bundesregierung seit Ludwig Erhards Zeiten in Wirtschaftsfragen berät. Ihre gute Laune steht in scharfem Kontrast zur Kühle der menschenleeren Hotelbar in Berlin, in der sie für dieses Gespräch sitzt. „Wir schlittern in eine Rezession, ja“, sagt sie, und fügt fröhlich an: „Das muss keine tiefe Wirtschaftskrise werden.“ Sie sei „optimistischer als andere“.

Noch zuversichtlicher ist Joachim Schreiner, Deutschlandchef des IT-Dienstleisters Salesforce, eines der Vorzeigeunternehmen des Silicon Valley. Er ist gerade im Auto unterwegs und spricht per Telefon. Die Frage, wie er so drauf sei, beantwortet er mit: „Bestens.“ Das Geschäft? Läuft. Die Krisen? Herausfordernd. Aber: „Ich bin Optimist. Und felsenfest davon überzeugt, dass wir unseren Kindern eine bessere Welt hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben.“

Viele Unternehmer und Managerinnen sind sich da aktuell nicht ganz so sicher. In Gesprächen mit ihnen dominiert Tristesse. Manche sprechen vom „perfekten Sturm“, dem sie ausgesetzt seien.

Jede Krise gebiert ihre eigene Metapher. In der Finanzkrise war es der Schwarze Schwan als Ausdruck für höchst unwahrscheinliche Ereignisse, die dann aber doch eintreten. Und jetzt ist es der perfekte Sturm, den viele vor Augen haben. In die Alltagssprache eingegangen ist er dank eines gleichnamigen Sachbuchs über den Untergang des Fischereischiffes Andrea Gail vor der amerikanischen Ostküste im Jahr 1991; später verfilmt unter dem Titel „Der Sturm“ vom jüngst verstorbenen Wolfgang Petersen mit George Clooney. Die Andrea Gail sank wegen eines unwahrscheinlichen Wetterphänomens: Die Reste eines tropischen Wirbelsturms und eines Hurrikans trafen auf einen Sturm polaren Ursprungs. „Der perfekte Sturm“ steht als Synonym für die Verkettung aller nur denkbaren schlechten Umstände.

Aber stimmt der Vergleich heute wirklich? Ist das ein perfekter Sturm, den die Welt gerade erlebt?

Ja. Die Krisen kommen gerade in kurzen Abständen und von allen Seiten, wie im Film die unterschiedlichen Wetterereignisse, die der Andrea Gail zum Verhängnis wurden. Noch waren die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise, die Lieferprobleme und Lockdown-Sorgen nicht ganz überwunden, da kamen der Krieg und mit ihm die Energiekrise. Parallel stieg die Inflation in weiten Teilen der westlichen Welt in Höhen, die man so seit Jahrzehnten nicht gesehen hatte – und entwertet langsam, aber beharrlich das Geld der Bürger. Diese Krise des Vermögens ist zwar verbunden mit Krieg und Corona, und doch ist sie eine eigene, mit eigenen Ursachen. Genau wie die Krise des Welthandels. Die Hoffnung, dass die Welt sich politisch immer ähnlicher wird: Das war einmal. Wandel durch Handel? Die These mag kaum mehr jemand vertreten. Die Idee der regelgeleiteten Welthandelsordnung, verkörpert durch die WTO, hatte schon viele Anhänger verloren, als Donald Trump noch amerikanischer Präsident war. Jetzt, nach Pandemie und während des Kriegs, geht es schneller. Und Deutschland muss um seine Märkte fürchten. Das ist die eine Seite.

Wirtschaftsgipfel 2022

So kommt Deutschland durch den perfekten Sturm

Neulich in München. Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz Christoph Heusgen referiert über die sicherheitspolitische Lage von Kiew bis Taipeh, von Iran bis China, den Klimawandel nicht zu vergessen. Die Zuhörer lauschen gebannt, aber sie werden in ihren Sesseln auch immer kleiner. Der Krieg in der Ukraine, Putins Ambitionen, die Veränderungen in China, das Pulverfass Nahost: Hochrisiken, Heusgen zählt sie alle auf. Unwillkürlich fragt man sich, was der Mann wohl daheim bei der Familie denkt. Welch düstere Welt entsteht da gerade?

Wenige Tage zuvor ein Gespräch mit Ulrike Malmendier, Berkeley-Professorin und neue Frau im Rat der Wirtschaftsweisen, dem Gremium, das die Bundesregierung seit Ludwig Erhards Zeiten in Wirtschaftsfragen berät. Ihre gute Laune steht in scharfem Kontrast zur Kühle der menschenleeren Hotelbar in Berlin, in der sie für dieses Gespräch sitzt. „Wir schlittern in eine Rezession, ja“, sagt sie, und fügt fröhlich an: „Das muss keine tiefe Wirtschaftskrise werden.“ Sie sei „optimistischer als andere“.

Noch zuversichtlicher ist Joachim Schreiner, Deutschlandchef des IT-Dienstleisters Salesforce, eines der Vorzeigeunternehmen des Silicon Valley. Er ist gerade im Auto unterwegs und spricht per Telefon. Die Frage, wie er so drauf sei, beantwortet er mit: „Bestens.“ Das Geschäft? Läuft. Die Krisen? Herausfordernd. Aber: „Ich bin Optimist. Und felsenfest davon überzeugt, dass wir unseren Kindern eine bessere Welt hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben.“

Viele Unternehmer und Managerinnen sind sich da aktuell nicht ganz so sicher. In Gesprächen mit ihnen dominiert Tristesse. Manche sprechen vom „perfekten Sturm“, dem sie ausgesetzt seien.

Jede Krise gebiert ihre eigene Metapher. In der Finanzkrise war es der Schwarze Schwan als Ausdruck für höchst unwahrscheinliche Ereignisse, die dann aber doch eintreten. Und jetzt ist es der perfekte Sturm, den viele vor Augen haben. In die Alltagssprache eingegangen ist er dank eines gleichnamigen Sachbuchs über den Untergang des Fischereischiffes Andrea Gail vor der amerikanischen Ostküste im Jahr 1991; später verfilmt unter dem Titel „Der Sturm“ vom jüngst verstorbenen Wolfgang Petersen mit George Clooney. Die Andrea Gail sank wegen eines unwahrscheinlichen Wetterphänomens: Die Reste eines tropischen Wirbelsturms und eines Hurrikans trafen auf einen Sturm polaren Ursprungs. „Der perfekte Sturm“ steht als Synonym für die Verkettung aller nur denkbaren schlechten Umstände.

Aber stimmt der Vergleich heute wirklich? Ist das ein perfekter Sturm, den die Welt gerade erlebt?

Ja. Die Krisen kommen gerade in kurzen Abständen und von allen Seiten, wie im Film die unterschiedlichen Wetterereignisse, die der Andrea Gail zum Verhängnis wurden. Noch waren die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise, die Lieferprobleme und Lockdown-Sorgen nicht ganz überwunden, da kamen der Krieg und mit ihm die Energiekrise. Parallel stieg die Inflation in weiten Teilen der westlichen Welt in Höhen, die man so seit Jahrzehnten nicht gesehen hatte – und entwertet langsam, aber beharrlich das Geld der Bürger. Diese Krise des Vermögens ist zwar verbunden mit Krieg und Corona, und doch ist sie eine eigene, mit eigenen Ursachen. Genau wie die Krise des Welthandels. Die Hoffnung, dass die Welt sich politisch immer ähnlicher wird: Das war einmal. Wandel durch Handel? Die These mag kaum mehr jemand vertreten. Die Idee der regelgeleiteten Welthandelsordnung, verkörpert durch die WTO, hatte schon viele Anhänger verloren, als Donald Trump noch amerikanischer Präsident war. Jetzt, nach Pandemie und während des Kriegs, geht es schneller. Und Deutschland muss um seine Märkte fürchten. Das ist die eine Seite.