Fastfood in Russland

Wie McDonald’s, nur ohne Big Mac

Der Name ist neu, der Besitzer auch, das Essen schmeckt nahezu gleich: In Russland haben die ersten McDonald’s-Filialen wiedereröffnet. Für Russland ist es ein symbolträchtiger Akt.

13. Juni 2022 - 4 Min. Lesezeit

Der schwarz gekleidete junge Mann mit den kurzen Haaren hält ein Plakat in die Kameras, auf ihm steht: „Bringt den Big Mac zurück“.

Der schwarz gekleidete junge Mann mit den kurzen Haaren hält ein Plakat in die Kameras, auf ihm steht: „Bringt den Big Mac zurück“.

Wer in Russland öffentlich protestiert, muss normalerweise mit dem Schlimmsten rechnen. Was mit dem einsamen Demonstranten bei der Wiedereröffnung der ersten neuen McDonald’s-Filiale in Moskau passiert ist, ist leider nicht bekannt. Auf den Videoaufnahmen der Pressekonferenz ist nur zu sehen, wie er von Mitarbeitern aus dem Raum geführt wird.

Drei Monate, nachdem sich der umsatzstärkste Fastfood-Konzern der Welt aus Russland zurückgezogen hat, wurden am vergangenen Wochenende die ersten Schnellrestaurants unter neuem Namen in Moskau und Umgebung wiedereröffnet. Während in der Ukraine täglich auch russische Soldaten sterben oder verwundet werden und Russlands Wirtschaft von westlichen Sanktionen getroffen wird, bemüht sich der McDonald’s-Nachfolger um Normalität. Das goldene M ist verschwunden, stattdessen heißt die Kette in Russland jetzt „Wkusno i totschka“, auf Deutsch: „Lecker und Punkt“.

Das neue Logo zeigt zwei orange Striche und einen roten Kreis auf dunkelgrünem Hintergrund, es soll zwei Pommes und ein Burger-Patty darstellen. Ansonsten hat sich wenig geändert. Die Standorte der Restaurants sind dieselben, die Mitarbeiter ebenso und das Menü ist fast identisch, auch wenn die Burger jetzt andere Namen tragen. So heißt der „Filet-o-Fish“ jetzt „Fish Burger“, der Hamburger „Royal“ ist zum „Grand“ geworden und der „Double Royal“ zum „Double Grand“.

Ein Pendant zum „Big Mac“, der sich sogar als Maßstab für die Kaufkraft in internationalen Wirtschaftsstatistiken etabliert ist, sucht man auf der neuen Speisekarte allerdings vergebens.

Ein Pendant zum „Big Mac“, der sich sogar als Maßstab für die Kaufkraft in internationalen Wirtschaftsstatistiken etabliert ist, sucht man auf der neuen Speisekarte allerdings vergebens.

Der neue Eigentümer Alexander Gowor erklärt dies mit markenrechtlichen Gründen. „Der Big Mac ist die Story von McDonald’s. Wir werden definitiv etwas Ähnliches machen“, sagte der russische Unternehmer der Nachrichtenagentur Reuters.

Gowor, der einst durch Geschäfte in der Öl- und Bergbaubranche reich geworden ist, hatte zuletzt 25 McDonald’s-Restaurants in Sibirien betrieben. Die übrigen 825 anderen Restaurants hat er nach McDonald’s Rückzug aus Russland zu einem nicht genannten Preis aufgekauft. Bis Ende Juni will er nun 200 Restaurants wiedereröffnen – die restlichen bis zum Ende des Sommers. Gowor ist dazu verpflichtet, den bisherigen 62 000 Mitarbeitern mindestens zwei Jahre lang eine Jobgarantie zu geben und zu denselben Konditionen weiterzubeschäftigen.

McDonald’s hat vor mehr als 30 Jahren seine ersten Filialen im Land eröffnet und war dort bis zuletzt ein wichtiger Arbeitgeber. Mit Russlands Angriffskrieg in der Ukraine wurde der Druck auf das Unternehmen aber so groß, dass es im März alle russischen Schnellrestaurants schließen und sich aus dem Land zurückziehen musste. Zu welchem Preis die Filialen an Gowor verkauft wurden, ist nicht bekannt. Nach eigenen Angaben musste McDonald’s durch den Rückzug Sonderkosten in Höhe von 1,2 bis 1,4 Milliarden Dollar verbuchen. „Unsere Werte bedeuten, dass wir das sinnlose menschliche Leid, das in der Ukraine geschieht, nicht ignorieren können“, hatte Konzernchef Chris Kempczinski im März mitgeteilt.

Es ist das Ende einer drei Jahrzehnte langen Erfolgsgeschichte, die am 31. Januar 1990 begann. Damals eröffnete die Burger-Kette ihre erste Filiale am zentralen Moskauer Puschkin-Platz – ein Zeichen für Wandel und Aufbruch und in der damaligen Sowjetunion eine Attraktion.

Für einen Big Mac stellten sich die Gäste stundenlang in die bis zu 500 Meter lange Schlange.

Für einen Big Mac stellten sich die Gäste stundenlang in die bis zu 500 Meter lange Schlange.

Etwa 25 000 Menschen aßen dort an jenem ersten Tag, das Restaurant schloss erst um Mitternacht, zwei Stunden später als geplant.

Ganz so groß war der Andrang am vergangenen Wochenende nicht, trotzdem warteten am Sonntag schon mehr als eine Stunde vor Einlass Hunderte Menschen vor dem Gebäude am Puschkin-Platz, um endlich wieder Burger essen zu können.

„Alles schmeckt wie vorher auch, nur die Cola ist schlechter“, stellte einer der Gäste nach seinem Besuch fest.

„Alles schmeckt wie vorher auch, nur die Cola ist schlechter“, stellte einer der Gäste nach seinem Besuch fest.

Auch Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin ist an diesem Eröffnungstag, der symbolträchtig mit dem Feiertag „Tag Russlands“ zusammenfällt, gekommen. Sobjanin preist „Lecker und Punkt“ als russisches Erfolgsmodell an. McDonald’s habe gemeinhin immer als amerikanisch gegolten, dabei sei eigentlich „alles unseres, russisch“, meint er auch mit Blick auf die russischen Landwirte, von denen der US-Konzern in der Vergangenheit die Zutaten für seine Filialen in Russland bezog. Immer wieder betonen kremltreue Politiker, dass die westlichen Sanktionen Russland nichts anhaben könnten und das Land sogar gestärkt daraus hervorgehen werde. Die neue Kette soll das beweisen.

Team
Text Sonja Salzburger
Bildredaktion Jessy Asmus
Digitales Storytelling Elisa von Grafenstein