Lange Leitung

Seit dem Krieg in der Ukraine fürchtet Deutschland um seine Rohstoffversorgung.
Wo genau kommen Öl, Gas oder Strom eigentlich an?
Eine Rundreise durch die Republik.

Lange Leitung

Seit dem Krieg in der Ukraine fürchtet Deutschland um seine Rohstoffversorgung.
Wo genau kommen Öl, Gas oder Strom eigentlich an?
Eine Rundreise durch die Republik.

Fotos: Robin Hinsch
26. Mai 2022 - 4 Min. Lesezeit

Schon der Begriff ist sperrig. »Kritische Infrastruktur« – die Schlüsselstellen aller technischen Anlagen, die jene Abläufe gewährleisten, die Menschen hierzulande für alltäglich halten: Wasser aus dem Hahn, Strom aus der Steckdose, Diesel an allen Ausfallstraßen und jederzeit Gas für Heizung und Boiler. Welcher Aufwand hinter diesen Annehmlichkeiten steht, wird selten augenscheinlich – wenn, dann meistens nach Ausfällen kritischer Infrastruktur, nach Pannen oder Naturkatastrophen.

Dabei sind ihre Anlagen durchaus sichtbar, die Starkstromtrassen, Hochbehälter, Rohrfernleitungen, Konverterhallen und Seekabel-Anlandestellen, die das Leben hier leicht machen. In dieser Bildstrecke das SZ-Magazin eine Auswahl der wichtigsten Endpunkte kritischer Infrastruktur in Deutschland versammelt. Darunter sind Stellen, die bis vor wenigen Wochen weitgehend unbekannt waren, doch nun berühmt sind – wie das Ende der Druschba-Pipeline, die lange russisches Öl nach Deutschland geliefert hat.

Wasser

Sieben Tage ist Trinkwasser unterwegs, bis es diesen Speicher erreicht. Er steht am nördlichsten Ende des Netzes der Bodensee-Wasserversorgung, dessen Rohre zu den längsten Fernwasserleitungen im Lande zählen: Vom Bodensee aus reichen sie bis an die Grenzen Baden-Württembergs, sich beständig verzweigend. Wasser – der wichtigste Rohstoff des Menschen – genießt in Deutschland eine Sonderrolle: Sein Schutz obliegt Staat und Gemeinden, kommunale Zweckverbände wie die Bodensee-Wasserversorgung dienen in erster Linie nicht dem Gewinn, sondern dem Gemeinwohl. In diesem Speicher, dem Hochbehälter Rehberg, strömt das Wasser aus einem Rohrauslauf, der unter der Wasseroberfläche liegt.

Öl

Gestatten, der Albtraum der deutschen Außenpolitik: An diesem Rohr, das aus dem Boden Brandenburgs ragt, manifestiert sich die deutsche Abhängigkeit von russischen Rohstoffen – es ist das Endstück der Druschba-Pipeline, durch die zuletzt zwölf Prozent des in Deutschland verbrauchten Rohöls floss. Nahezu jeder Tropfen Benzin, Diesel und Heizöl, der in Berlin und Brandenburg verbrannt wird, stammt aus der Raffinerie in Schwedt, die rund um dieses Rohrende steht. Sie nahm 1964 den Betrieb auf, in der DDR. Aus jener Zeit kommt auch der Name der Pipeline: Druschba heißt Freundschaft. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine hemmte auch dieses Endstück der Freundschaft die deutsche Regierung, sich sofort an einem Boykott russischer Rohstoffe zu beteiligen.

Strom

Was aussieht wie eine Kulisse aus Fritz Langs Filmklassiker Metropolis, ist in Wirklichkeit ein Blick in die Zukunft: In dieser Kabeleingangshalle endet die erste direkte Stromverbindung zwischen Deutschland und Norwegen, 2021 in Dienst gestellt. Solche Trassen sollen die Energiewende sichern, indem sie Strom aus Windenergie in die eine, Strom aus Wasserkraft in die andere Richtung schicken, je nach Aufkommen und Bedarf. Das Kabel der Starkstromtrasse, die überwiegend auf dem Grund der Nordsee verläuft, mündet am Fuß der seltsam anmutenden Säule im Hintergrund. Auf so lange Strecken wird Strom als Gleichstrom und unter Hochspannung geschickt, um Verluste zu vermeiden. Die vier Stahlseile, die aus der Spule am Kopf der Säule steigen, führen den Strom dann weiter, in eine Halle nebenan, wo Gleichstrom in Wechselstrom umgewandelt wird – erst dann kann er in das deutsche Stromnetz gespeist werden.

Daten

Wäre jedes Telefonat ein Sandkorn, dann könnte ein ausgelegtes Blatt Briefpapier die Fülle der Gespräche fassen, die durch das Kabel laufen, das an diesem Strand auf Land trifft: 625.000 Menschen können zur selben Zeit über das Überseekabel Atlantic Crossing 1 zwischen Amerika und Europa telefonieren. Auf dem Meeresboden vergraben, durch sieben Materialschichten vor Ankern oder Meeresbeben geschützt, endet AC-1, wo Deutschland beginnt – an diesem Strand auf Sylt. Ohne solche Glasfaserkabel würden Webseiten nicht laden, E-Mails nicht ankommen. Weil ein großer Teil der transatlantischen Kommunikation von Kabeln wie AC-1 abhängt, verraten seine Betreiber den exakten Verlauf nicht.

Gas

Im Inneren dieser Maschine wird russisches Gas zu deutschem: Wie Sprudel, der zu lange in der Sonne stand, verliert das Erdgas auf seiner mehr als 4000 Kilometer langen Reise über Belarus und Polen an Spritzigkeit – wenn es im brandenburgischen Mallnow ankommt, fehlt es ihm an Druck. In diesem Verdichter wirbeln Turbinen das Gas auf, schleudern seine Moleküle nach außen, pressen sie dichter zusammen. Dann steigt das Gas durch das graue Rohr rechts auf und gelangt mit neuem Druck ins deutsche Netz. Zu ihren besten Zeiten speiste die Jamal-Pipeline, die an diesem Verdichter endet, dort jedes Jahr genug Gas ein, um ein Drittel des deutschen Bedarfs zu decken.

Wasser

Sieben Tage ist Trinkwasser unterwegs, bis es diesen Speicher erreicht. Er steht am nördlichsten Ende des Netzes der Bodensee-Wasserversorgung, dessen Rohre zu den längsten Fernwasserleitungen im Lande zählen: Vom Bodensee aus reichen sie bis an die Grenzen Baden-Württembergs, sich beständig verzweigend. Wasser – der wichtigste Rohstoff des Menschen – genießt in Deutschland eine Sonderrolle: Sein Schutz obliegt Staat und Gemeinden, kommunale Zweckverbände wie die Bodensee-Wasserversorgung dienen in erster Linie nicht dem Gewinn, sondern dem Gemeinwohl. In diesem Speicher, dem Hochbehälter Rehberg, strömt das Wasser aus einem Rohrauslauf, der unter der Wasseroberfläche liegt.

Öl

Gestatten, der Albtraum der deutschen Außenpolitik: An diesem Rohr, das aus dem Boden Brandenburgs ragt, manifestiert sich die deutsche Abhängigkeit von russischen Rohstoffen – es ist das Endstück der Druschba-Pipeline, durch die zuletzt zwölf Prozent des in Deutschland verbrauchten Rohöls floss. Nahezu jeder Tropfen Benzin, Diesel und Heizöl, der in Berlin und Brandenburg verbrannt wird, stammt aus der Raffinerie in Schwedt, die rund um dieses Rohrende steht. Sie nahm 1964 den Betrieb auf, in der DDR. Aus jener Zeit kommt auch der Name der Pipeline: Druschba heißt Freundschaft. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine hemmte auch dieses Endstück der Freundschaft die deutsche Regierung, sich sofort an einem Boykott russischer Rohstoffe zu beteiligen.

Strom

Was aussieht wie eine Kulisse aus Fritz Langs Filmklassiker Metropolis, ist in Wirklichkeit ein Blick in die Zukunft: In dieser Kabeleingangshalle endet die erste direkte Stromverbindung zwischen Deutschland und Norwegen, 2021 in Dienst gestellt. Solche Trassen sollen die Energiewende sichern, indem sie Strom aus Windenergie in die eine, Strom aus Wasserkraft in die andere Richtung schicken, je nach Aufkommen und Bedarf. Das Kabel der Starkstromtrasse, die überwiegend auf dem Grund der Nordsee verläuft, mündet am Fuß der seltsam anmutenden Säule im Hintergrund. Auf so lange Strecken wird Strom als Gleichstrom und unter Hochspannung geschickt, um Verluste zu vermeiden. Die vier Stahlseile, die aus der Spule am Kopf der Säule steigen, führen den Strom dann weiter, in eine Halle nebenan, wo Gleichstrom in Wechselstrom umgewandelt wird – erst dann kann er in das deutsche Stromnetz gespeist werden.

Daten

Wäre jedes Telefonat ein Sandkorn, dann könnte ein ausgelegtes Blatt Briefpapier die Fülle der Gespräche fassen, die durch das Kabel laufen, das an diesem Strand auf Land trifft: 625.000 Menschen können zur selben Zeit über das Überseekabel Atlantic Crossing 1 zwischen Amerika und Europa telefonieren. Auf dem Meeresboden vergraben, durch sieben Materialschichten vor Ankern oder Meeresbeben geschützt, endet AC-1, wo Deutschland beginnt – an diesem Strand auf Sylt. Ohne solche Glasfaserkabel würden Webseiten nicht laden, E-Mails nicht ankommen. Weil ein großer Teil der transatlantischen Kommunikation von Kabeln wie AC-1 abhängt, verraten seine Betreiber den exakten Verlauf nicht.

Gas

Im Inneren dieser Maschine wird russisches Gas zu deutschem: Wie Sprudel, der zu lange in der Sonne stand, verliert das Erdgas auf seiner mehr als 4000 Kilometer langen Reise über Belarus und Polen an Spritzigkeit – wenn es im brandenburgischen Mallnow ankommt, fehlt es ihm an Druck. In diesem Verdichter wirbeln Turbinen das Gas auf, schleudern seine Moleküle nach außen, pressen sie dichter zusammen. Dann steigt das Gas durch das graue Rohr rechts auf und gelangt mit neuem Druck ins deutsche Netz. Zu ihren besten Zeiten speiste die Jamal-Pipeline, die an diesem Verdichter endet, dort jedes Jahr genug Gas ein, um ein Drittel des deutschen Bedarfs zu decken.

Team
Fotos Robin Hinsch
Text Joshua Kocher, Astrid Probst, Roland Schulz, Cora Wucherer
Digitales Storytelling Sara Peschke
Digitales Design Lea Sophie Fetköter