

Sophia Thomalla sucht das digitale Gold. Die Schauspielerin rauscht im roten Lacklederkostüm durch den Himmel und landet auf hartem Beton. Wie eine Superheldin. Mit zackigem Schritt geht sie in ein Hochhaus, das nur aus Glas und Licht zu bestehen scheint, wischt sich in der Lobby durch holografische Menüs, aber sie findet nicht, was sie sucht. Da taucht neben ihr ein junger Mann im Anzug auf und bedeutet ihr mit einer Handbewegung den Weg. „Der Chairman erwartet Sie.“ Am Ende eines langen Flurs steht er, dunkler Anzug, Sonnenbrille, wie üblich.
Das Werbevideo, Ende 2020 veröffentlicht, gewährt einen Blick in das Herz eines Fantasielandes, in dem angeblich alles möglich ist: nie mehr Geldsorgen, ein Leben zwischen Strand und Privatjet. Dank Krypto. Der „Chairman“ zeigt, wie es geht.
Aber immer wieder bricht dieses Fantasieland in sich zusammen. Geldwerte verpuffen, bisweilen wohl auch die Altersvorsorge. Und dann, nur wenig später, ersteht das Fantasieland wieder auf – mit neuen Projekten und neuen Versprechen von der wundersamen Geldvermehrung im Internet. Und immer wieder spielt dabei der „Chairman“ eine Rolle, der Kroate Josip Heit, 47 Jahre alt. Seine Geschichte zeigt, wie einfach es in der Kryptoindustrie immer noch ist, Luftschlösser zu bauen. Und damit den Behörden stets einen Schritt voraus zu sein.
Wer dem Fantasieland auf den Grund zu gehen versucht, gerät in ein Labyrinth. Krypto ist international und herrlich kompliziert. Was wird hier zu welchen Konditionen grenzüberschreitend verkauft? Welche nationale Behörde wäre theoretisch dafür zuständig, dieses angeblich milliardenschwere Wirrwarr aus Firmen, Coins und Deals aufzurollen? Und dann wird das Labyrinth auch noch streng bewacht. Heit geht mit großem Aufwand gegen Finanzaufsichtsbehörden und Kritiker vor. Vertreten wird er unter anderem durch die amerikanischen Anwälte von Quinn Emanuel, die sich damit rühmen, zum dritten Mal in Folge zur „meistgefürchteten“ Kanzlei weltweit gekürt worden zu sein.
Auf eine Anfrage der SZ an Josip Heit meldet sich ein Anwalt aus New York. Sämtliche gegen seinen Mandanten erhobenen Vorwürfe seien falsch. Kein Gericht habe sie je bestätigt. Sie gingen zurück auf längst widerlegte Behauptungen unseriöser Quellen, auf anonyme, aktivistische, teils für Falschbehauptungen bezahlte Personen oder verurteilte Straftäter. Einige dieser Personen führten persönliche Vendetten gegen Heit. Sein Mandant sei dagegen immer wieder erfolgreich gerichtlich vorgegangen.
Der Mann, der sich später „Chairman“ nennen wird, kommt 1977 im sozialistischen Jugoslawien zur Welt. Seine Kindheit verbringt er im Hafenstädtchen Kaštela bei Split, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wandert die Familie nach Deutschland aus. Einer rumänischen Promi-Reporterin erzählt er einmal, er sei in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und habe im Fernsehen all die schönen, teuren Dinge gesehen. „Das wollte ich natürlich auch haben.“ 2009 tritt Heit im luxemburgischen Schrassig eine Haftstrafe an. Als Teil einer Bande, die über Jahre hinweg Diebstahlsdelikte begangen hat, bekommt er sechs Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe. 2012 wird er frühzeitig entlassen.
Auf Instagram vermittelt er das Bild eines erfolgreichen Geschäftsmanns. Er zeigt sich im Anzug, mit teuren Uhren, auf Yachten, in schicken Hotels. Immer mit Gewinnerlächeln. Neben ihm tauchen auf den Fotos muskulöse Männer auf, die aussehen, als hätte man sie ungern zum Feind. Mehrere von ihnen werden der organisierten Kriminalität zugerechnet. Heits Kreis überschneidet sich mit dem des Influencers Andrew Tate, der Männlichkeit, Härte und Frauenverachtung predigt und gegen den in Rumänien wegen des Verdachts des Menschenhandels, der Bildung einer kriminellen Organisation und der Vergewaltigung ermittelt wird. Auch Tate selbst, der die Vorwürfe bestreitet, ist mit Heit auf Fotos zu sehen.
Heit, das ist schwer zu übersehen, ist ein Netzwerker. Jemand, der schon mit ihm gearbeitet hat, beschreibt ihn als charmant und gewinnend, er könne aber auch plötzlich umschalten und dann ein ganz anderes Gesicht zeigen.
„Es sind Schüsse gefallen“
2018 stößt Heit zum Stuttgarter Goldhandelsunternehmen Karatbars. Dessen Vertrieb funktioniert nach dem Multi-Level-Marketing-Prinzip, das heißt, jeder, der möchte, kann zum selbständigen Verkäufer werden, das Marketing-Netzwerk vergrößern und Provisionen kassieren. In den Videos von Karatbars tritt Heit als „Chairman of the Board“ auf. Diese Bezeichnung zu verwenden sei Heits Anwalt zufolge allerdings nur eine „Marketing-Höflichkeit“ gewesen, entstanden auf Betreiben des Geschäftsführers von Karatbars. Später habe Heit sich erfolgreich vor Gericht gegen die Bezeichnung im Zusammenhang mit Karatbars gewehrt. Heit sei lediglich ein Investor gewesen.
Karatbars bietet auch eine Kryptowährung an, deren Besonderheit es ist, dass ihr Wert mit echtem Gold abgesichert sein soll. Ab einem sogenannten „Gold Indepence Day“, dem 4. Juli 2019, sollen die Käufer ihre Kryptomünzen in echtes Gold umtauschen können. Aber als der Termin näher rückt, kommt es zu einem Zwischenfall.
Am 15. Juni 2019 trinkt Marvin S., ein von Karatbars beauftragter Marketingexperte, in seiner Mainzer Wohnung ein Glas Whiskey. Er will sich an diesem Abend von seinem Bodyguard in einen Club fahren lassen, so wird er es später Ermittlern erzählen. Um kurz nach 23 Uhr bekommt er einen Anruf. Er solle sofort die Polizei rufen, habe der Bodyguard gesagt. „Es sind Schüsse gefallen.“ Aufs Auto.
In seiner Vernehmung sagt Marvin S., er habe schon länger Zweifel an der Rechtmäßigkeit von Karatbars gehabt und aussteigen wollen. Daraufhin hätten die Karatbars-Verantwortlichen einen Mann fürs Grobe losgeschickt, einen unter anderem wegen räuberischer Erpressung polizeibekannten Kroaten, um ihn zu bedrohen, mit Mord, wie S. es aufgefasst haben will. Er habe Angst gehabt, vor allem vor Josip Heit. Die Leute hinter Karatbars seien für ihn „unberechenbar“ gewesen.
Heits Anwalt verweist darauf, dass Marvin S. vorgeworfen worden sei, selbst Millionenbeträge von Karatbars veruntreut zu haben. Eine entsprechende Anzeige erstattet hat damals der Kroate, der S. bedroht haben soll, der Mann fürs Grobe. Die Ermittlungen gegen S. werden später eingestellt. Es sei nicht ausgeschlossen, schreiben die Beamten in einem Bericht, dass versucht werde, „einen Sündenbock für die geprellten Anleger“ zu präsentieren. Dass die Kryptowährung tatsächlich mit Gold in ausreichender Menge gedeckt sei, wirke nach Aktenlage „höchst zweifelhaft“. Auch die Ermittlungen wegen der nächtlichen Schüsse werden eingestellt, wer sie abgab, bleibt offen.
Wenige Tage nach dem versprochenen „Gold Independence Day“, am 8. Juli 2019, setzt sich „Chairman“ Josip Heit vor eine Kamera, um „Breaking News“ zu verkünden. Er trägt einen Nadelstreifenanzug. Vor ihm steht ein Mikrofon, in das kein Kabel gesteckt ist, offenbar soll die Szenerie aussehen wie eine Pressekonferenz. Ein einsamer Fotoblitz leuchtet aus dem Hintergrund immer wieder auf. Es habe Probleme mit Betrügern gegeben, sagt Heit in gebrochenem Englisch und mit ernster Miene. Der Umtausch der Kryptowerte in Gold müsse verschoben werden.
Sein Anwalt sagt, Heit sei damals getäuscht worden. Er habe an die Existenz der Goldvorräte geglaubt und deshalb in die Firma investiert. Im Dezember 2021, nachdem ihm ein gefälschtes Gutachten über den Goldbestand vorgelegt worden sei, habe er US-Behörden vor Karatbars gewarnt. Heit sei selbst Opfer eines Betrugs. Aus Geschäftsunterlagen, die der SZ vorliegen, geht allerdings hervor, dass Beträge in zweistelliger Millionenhöhe aus der Karatbars-Firmengruppe an ein von Heit kontrolliertes Unternehmen flossen. Im November 2019 ordnet die deutsche Finanzaufsichtsbehörde Bafin an, das Geschäft mit der Karatbars-Kryptowährung einzustellen und abzuwickeln.
Und Josip Heit? Macht im darauffolgenden Jahr weiter mit G999, der Kryptomünze, die Sophia Thomalla am Ende des Werbespots aus einem goldenen Felsen schlägt. Vertrieben wieder per Multi-Level-Marketing. Der Kurs der Kryptowährung bricht ein, heute ist ein G999-Coin weniger als einen tausendstel Euro wert.
Den Mitgliedern des Marketing-Netzwerks werden trotzdem schon bald neue Angebote präsentiert. Es geht unter anderem um angeblich „tokenisierte“ Immobilien in Dubai und Grundstücke in einem virtuellen „Metaverse“. Auch diese Kryptomünzen verlieren nahezu jeden Wert. Profit gemacht hat am Ende nur, wer womöglich selbst den Hype mit angefacht, über die Anwerbung neuer Kunden Provisionen kassiert hat – und früh genug ausgestiegen ist.
„Hinweis auf einen Betrugsfall hohen Grades“
Heit und seine Leute feiern sich bei glamourösen Marketingveranstaltungen, unter anderem in der Coca-Cola-Arena im Operndistrikt von Dubai. Sie lassen den G999-Schriftzug auf den Burj Khalifa projizieren, das höchste Gebäude der Welt. Auf Videos, die von solchen Events später verbreitet werden, läuft triumphale Musik, jubelnde Menschen sind zu sehen, der Schnitt ist rasant, Fotoapparate klicken, Kameras richten sich auf Josip Heit. Ist der Reichtum echt?
In einem der sogenannten „Global Calls“ behauptet einer der führenden Köpfe Anfang November 2023, man sei „bereits ein Milliardenunternehmen“. US-Behörden zitieren selbst die Zahl von „einer Milliarde Dollar Jahresumsatz“, scheinen sie also nicht für völlig unplausibel zu halten, nachprüfen lässt sie sich kaum. Die Analyseplattform Similarweb misst Mitte 2023 zeitweise mehr als eine halbe Million Zugriffe pro Monat auf die Website des Netzwerks. Man kann wohl sagen: Es läuft.
Am 28. Oktober 2023 betritt gegen halb eins mittags ein Mann die öffentliche Bibliothek des Städtchens Belleview im US-Bundesstaat Florida, ein an einer Landstraße gelegenes, mit gelbem Holz verkleidetes Gebäude. „Werde bezahlt, während du schläfst“, steht auf einem Whiteboard am Eingang. Der Mann notiert sich das alles. Er ist Undercover-Ermittler des Bureau of Financial Investigations von Florida. Einer seiner Kollegen untersucht die von Heits Netzwerk angebotenen „MetaCertificates“. Den Anlegern würden Renditen von bis zu 176 000 Prozent der investierten Summe über einen Zeitraum von 18 Monaten versprochen, schreibt der Ermittler in seinem Bericht. Er sehe darin „einen Hinweis auf einen Betrugsfall hohen Grades“. Und empfehle, eine einstweilige Unterlassung zu verfügen. Was dann auch geschieht.
Heits Anwalt verweist darauf, dass sein Mandant im Zusammenhang mit Kryptoangeboten nie verurteilt worden sei. Das ist richtig. Außerdem sind die einstweiligen Anordnungen von Finanzaufsichtsbehörden keine richterlichen Urteile, sie wurden nie gerichtlich überprüft.
„Wenn jemand blöd genug ist, dafür zu bezahlen, was will man da machen?“
Die Branche, in der Heit sich bewegt, ist rechtlich schwer zu greifen. Im Fantasieland zerfließen die Grenzen zwischen Realität und Behauptung. Man darf Käufer nicht täuschen und ohne Erlaubnis zum Wertpapierhandel auch keine Renditen versprechen, nur sind es in der Regel die selbständigen Multi-Level-Marketing-Verkäufer irgendwo auf der Welt, die solche Grenzen überschreiten. Grundsätzlich ist es auch nicht verboten, jemandem ein Stückchen Land in einem „Metaverse“ zu verkaufen. „Wenn jemand blöd genug ist, dafür zu bezahlen, was will man da machen“, sagt ein Staatsanwalt.
Kryptowährungen lassen sich zudem mit wenigen Klicks in den Zuständigkeitsbereich immer wieder anderer Behörden irgendwo auf der Welt verschieben und mit Geldern aus anderen Quellen „verwässern“. Eine rechtssichere Zuordnung, wem auf welchem Kryptokonto was gehört, werde schnell so aufwendig, dass es sich praktisch nicht lohne, sagt der Kryptoforensiker Albert Quehenberger – wenn etwa für jeden sichergestellten Euro zwei Euro Steuergeld an Aufwand eingesetzt werden müssten.
Was hätte eine Finanzaufsichtsbehörde also davon, sich vor einem Verwaltungsgericht mit den „meistgefürchteten“ Anwälten der Welt herumzustreiten? Es kommt ja doch kein Geld wieder raus. Außer vielleicht über einen Deal.
Im Herbst 2024 verkünden mehrere nordamerikanische Finanzaufsichtsbehörden, einen Vergleich mit der Gruppe um Josip Heit erzielt zu haben. Wer in den betreffenden Bundesstaaten lebt und Geld in das Netzwerk gesteckt hat, kann sich melden, um es zurückzubekommen. Nach Abschluss des Verfahrens, der einstweilen aussteht, werden die bis dato vorläufigen Vorwürfe gegen Heit und seine Leute fallen gelassen, sie gelten dann als weder bewiesen noch widerlegt – ganz so, als hätte es sie nie gegeben. Sicher nicht schlecht fürs Geschäft. In anderen Teilen der Welt darf es weitergehen.
„Wer will Millionär werden?“
Am 1. September 2025 halten zwei Lamborghinis und ein Rolls-Royce vor einem Hotel im Münchner Norden, die Profis im Multi-Level-Marketing, die ihnen entsteigen, lieben solche Auftritte. Die rund zweihundert Teilnehmer der Veranstaltung in dem Hotel, die Teil einer Werbetour ist, hören an diesem Abend etwas von einem Marketing-Netzwerk namens DAO1 und der Blockchain-Technologie Apertum, dem angeblich nächsten großen Ding. Wer Bitcoin verpasst habe, müsse unbedingt zuschlagen.
Die Verkäufer von DAO1 erzählen etwas von „finanzieller Freiheit“, davon, wie kaputt das Wirtschaftssystem sei und dass man dringend sein Schicksal selbst in die Hand nehmen müsse. „Wer will Millionär werden?“, fragt einer der Redner. Dann kündigt er einen Mann an, der die Regierungen der Schweiz und der USA zur Kryptoregulierung berate. Im Internet inszeniert sich dieser Mann als „MetaLion“, halb Mensch, halb Businesslöwe, aber weder die Regierung in Washington noch die in Bern kennt ihn, wie sie auf Anfrage mitteilen. Der „MetaLion“ ist seit Jahren eine der wichtigsten Figuren in Heits Netzwerk, auch bei Karatbars war er schon als Vertriebspartner dabei. Im Fantasieland ist er ein Superstar.
Das Wachstum des jungen Kryptosystems Apertum ist in der Tat beachtlich. Eine Telegram-Gruppe für deutsche Investoren hat Anfang Oktober mehr als 1600 Mitglieder – obwohl das „Whitepaper“, die Projektbeschreibung, kaum mehr bietet als eine dürre Aneinanderreihung von Buzzwords auf lediglich elf Seiten. Und obwohl Analysen nahelegen, dass das Kryptosystem gar nicht so transparent ist, wie es behauptet, sondern hinter den Kulissen manipuliert wird.
Nur einen Monat nach der Werbeshow in München wird die deutsche Finanzaufsicht Bafin warnen, DAO1 vertreibe Kryptoangebote ohne die erforderliche Erlaubnis. Eine andere Aufsichtsbehörde, nämlich die texanische, die gegen Heits Netzwerk in der Vergangenheit besonders aktiv war, hat zu diesem Zeitpunkt ihre Unterlassungsanordnung in Sachen Apertum schon wieder zurückgezogen. Heits Anwalt zufolge habe deren leitender Ermittler zuvor aus Belastungseifer „ethische Grenzen“ überschritten und sei daraufhin entlassen worden. Sein Mandant habe die Angelegenheit gewonnen und sei „in diesem Fall vollständig rehabilitiert“.
Wenige Tage später tritt der „MetaLion“ in einem „Global Call“ mit den Mitgliedern eines anderen Netzwerks auf, desjenigen nämlich, bei dem es ursprünglich um G999 gehen sollte. Wer, sagt der Mann, könne besser über die Zukunft des Apertum-Projekts sprechen, als „unser Chairman of the Board“. Dann schaltet sich in einem separaten Fenster Josip Heit zu, grauer Anzug, blaue Krawatte, bei Apertum offiziell „Berater“. Er verkündet, G999 und „all die anderen Produkte“ würden bald, unter Beachtung rechtlicher Beschränkungen, „implementiert“ in Apertum.
„Ladies and gentlemen“, sagt Heit, „vieles liegt noch vor uns.“
Mitarbeit: Nils Heck
Die Recherche wurde unterstützt durch Mittel der Organisation Journalismfund Europe.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels war vom „sowjetischen“ Jugoslawien und von Basel als Sitz der Schweizer Regierung die Rede. Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert.