Preise
Warum Familien am stärksten unter der Inflation leiden
Ein Kilo Mischbrot in der Bäckerei kostet 4,99 Euro, die 0,5 Liter Olivenöl im Supermarkt 10,99 Euro, und wenn Eltern mit zwei Kindern mal im Restaurant essen gehen, sind schnell 100 Euro weg. Dass das Leben seit dem großen Inflationsschub im Jahr 2022 drastisch teurer geworden ist, kann jeder Bundesbürger im Alltag feststellen. Bei Familien mit Kindern stellt sich dieses Gefühl aber in besonderer Weise ein. Viele von ihnen haben den Eindruck, dass sie stärker unter den extremen Preiserhöhungen der vergangenen Jahre leiden als andere Gruppen. Was ist dran an dem Gefühl? Bestätigen es Statistiker und Wirtschaftsforscher?
Zunächst einmal: Das Statistische Bundesamt, das für die Erhebung der Inflationsdaten zuständig ist, hat dazu wenig beizutragen. Die monatliche Inflationsrate ist das Ergebnis von zwei aufwendigen Untersuchungen: Zum einen schwärmen die Mitarbeiter des Amtes jeden Monat aus, um in Tausenden Läden im Bundesgebiet zu ermitteln, wie sich die Preise Hunderter einzelner Waren und Dienstleistungen im Vergleich zum Vorjahresmonat entwickelt haben.
Zum anderen wird alle paar Jahre ermittelt, welchen Anteil jedes dieser Produkte an den Gesamtausgaben der deutschen Haushalte ausmacht. Denn in der Inflationsrate schlägt es sich stärker nieder, wenn die Mieten um drei Prozent teurer werden, als wenn dies beim Friseurbesuch der Fall ist. Die monatliche Inflationsrate ist Ergebnis der Preisveränderung jeder einzelnen Ware und Dienstleistung im Verhältnis zu ihrem Anteil an den Ausgaben aller bundesdeutschen Haushalte.
Das Problem dabei: Die Statistik differenziert die Zahlen über die Preisentwicklung nicht danach, wie arm oder reich ein Haushalt ist und wie viele Kinder in ihm leben. „Viele der Informationen, die dafür benötigt werden, liegen nur aggregiert für die Gesamtheit der privaten Haushalte vor“, sagt eine Sprecherin des Statistischen Bundesamts. Für einkommensschwache Haushalte seien solche Daten in der Regel nicht separat verfügbar.
Lebensmittel und Haushaltsenergie waren die größten Preistreiber
Kann man sich also nur aufs Gefühl verlassen? Nicht ganz: Es gibt Wirtschaftsforscher, die die Daten des Statistischen Bundesamts genauer aufschlüsseln. Am aussagekräftigsten sind dabei die Erhebungen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung. Es rechnet jeden Monat aus, wie sich die Preise für verschiedene Haushaltstypen verändert haben, zum Beispiel für Singles, für Alleinerziehende mit einem Kind und für Eheleute mit zwei Kindern – jeweils differenziert nach unterschiedlichen monatlichen Einkommen.
Das wichtigste Ergebnis: „Familien mit zwei Kindern hatten von 2019 bis 2024 die höchsten haushaltsspezifischen Inflationsraten“, sagt die Volkswirtin Silke Tober, die beim IMK die monatlichen Erhebungen durchführt. Dabei wurde auch die finanzielle Situation der Familien mit zwei Kindern berücksichtigt:


Forscherin Tober sagt über die Ergebnisse: „Gerade für einkommensstarke Haushalte ist eine überhöhte Inflation besser zu verkraften, da lediglich die Sparquote verringert werden muss, um den Konsum aufrechtzuerhalten, während einkommensschwache Haushalte in der Regel eine niedrige Sparquote und geringe darüber hinausgehende Finanzierungsspielräume haben.“
Die Hauptursache für die höhere Teuerung von Familien mit Kindern liegt darin, dass diese besonders bei geringem Einkommen einen größeren Teil ihres verfügbaren Geldes für Lebensmittel und Heizen ausgeben müssen. Gerade diese Warengruppen sind 2022 nach Ausbruch des Ukraine-Krieges besonders stark im Preis gestiegen.
Verglichen mit 2019 war 2024 Erdgas um 92 Prozent teurer, Strom und Heizöl um je 31 Prozent. Und Nahrungsmittel ohne Alkohol und Tabak verteuerten sich von 2019 bis 2024 um 37 Prozent, während die allgemeine Inflationsrate 19,9 Prozent betrug. Spitzenreiter waren Zucker mit einem Preisanstieg von 94 Prozent, Olivenöl mit 91 Prozent und Speiseöle mit 62 Prozent. Solche Grundnahrungsmittel machen bei einkommensschwachen Familien mit Kindern einen deutlich höheren Anteil der monatlichen Ausgaben aus als etwa bei vermögenderen Singles. Erst in der vergangenen Woche veröffentlichte die EZB zudem Daten für den gesamten Euroraum. Demnach verteuerten sich Grundnahrungsmittel von 2019 bis August 2015 um 31 bis 58 Prozent.
Ähnliches bestätigt auch Maximilian Stockhausen, beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für soziale Sicherung und Verteilung verantwortlich. „Wir wissen aus einer früheren Untersuchung eines meiner Kollegen, dass die Inflationsraten auch in ‚normalen‘ Zeiten im unteren Einkommensbereich oft eher höher ausgefallen sind als im oberen Bereich.“ Die extreme Preissteigerung für Familien in den vergangenen Jahren ist also nicht nur gefühlt, sondern real.