
Die Südfrucht
Die Farbe
Zitronengelb strahlt heiter wie die Frühlingssonne im Süden und hebt die Stimmung. In der niederländischen Malerei setzten Altmeister die Farbe ein, um Lichtpunkte in beklagenswert dämmrigen Räumen oder auf Porträts zu setzen, allerdings verblasste die Mixtur aus Pflanzensäften oder verdünntem Bleizinngelb rasch. Erst 1911 wurde ein dauerhaftes Pigment entwickelt, unter dem Namen „Hansagelb“, was eher nach Containerhafen und Signalpollern klingt als nach Fernweh. In India Mahdavis Keramikserie „Canvas“ aber sehen die Gefäße, mit schön dickem Glasurauftrag, genau nach den besten Zitronen-Gegenden Europas aus: Côte d’Azur, Amalfi, Taormina. Ein paar der Becher auf dem Tisch, und man träumt sich kurz weg ans Mittelmeer.
Das Gemälde
In Kunst und Kultur ist die Zitrone für Überraschungen gut. Man denke an den Song „Lemon Tree“ von Fools Garden, ein Neunzigerjahre-Megahit, mit dem kein Mensch gerechnet hatte, am wenigsten wohl die Band aus Pforzheim selbst. Großes Staunen auch bei den Barockgemälden mit aufgetürmten Früchten. Möglichst viele Zitronen in diesen Arrangements dienten der reinen Angeberei, die unerschwinglichen Früchte waren ein Symbol für Reichtum. Édouard Manet hat dann Jahrhunderte später mit seinem Werk „Le Citron“ von 1880 für Verblüffung gesorgt. Der große Manet, und so ein winziges Gemälde, 14 mal 22 Zentimeter, nichts als eine einzelne Frucht als Sujet, incroyable! Kunsthistoriker rätselten, warum der Maler auf jeden Kontext verzichtete (nur ein dunkler Teller), ob das gerade für Manets Raffinesse spreche. Vielleicht auch für die der Zitrone – mit dem Stielansatz oben, der glatten rundlichen Mitte, dem kleinen Knopf am Ende sieht sie einfach formschön aus. Ob von Manet oder in der Natur.
Die Patisserie
Cédric Grolet, Pariser Patissier mit zwölf Millionen Instagram-Followern, schätzt keine Zutat so sehr wie Zitronen. „Ich liebe ihre Säure, die Bitterkeit“, schwärmte der 39-Jährige neulich wieder in einem Interview. Und „Le Citron“ ist auch eine seiner bekanntesten Kreationen: Die täuschend echt wirkenden Früchte sind essbare Kunstobjekte, gefüllt mit Kompott und cremiger Mousse. Dafür bilden sich Schlangen vor der Zwei-Sterne-Konditorei des Hotels Le Meurice. Die Kombination von Frische und sahniger Textur ist das Grundgeheimnis aller legendären Zitronendesserts, ob Tarte au citron oder Meringue Pie. Im italienischen Noto liegt für den pasticciere Corrado Assenza vom berühmten Caffè Sicilia – eine Art anti-Grolet, bedächtig, distinguiert – die denkbar beste Ernte nur zwei Autostunden entfernt: Orangen, Mandarinen, Zitronen, die in den fruchtbaren Gärten um den Ätna gedeihen, sind so etwas wie die Essenz der Zitrusfrüchte. Die schönsten Exemplare verarbeitet Assenza zu kandiertem Obst und belegt damit seine Cassata – ebenfalls ein Kunstwerk, weniger spektakulär, aber wie mit Arabesken verziert.
Das Rezept
Eigentlich ist es erstaunlich, wie selbstverständlich überall von „der Zitrone“ die Rede ist, im Singular und ohne Konkretisierung, als gäbe es nur eine Sorte. Dabei reicht ein Blick auf das Angebot einer normalen Zitrusfarm, um das Sortiment in den heimischen Obstläden der Armseligkeit zu überführen. Ganz zu schweigen von Europas variantenreichstem Zitrushof – „Agrumes Schaller“ am Fuß der französischen Pyrenäen baut gut tausend Sorten Zitrusfrüchte an. Zitronen, botanisch zu den Beeren gehörend, sind extrem kreuzungs- und mutationsfreudig. Zählt man nur die in den Küchen gängigsten Sorten, kommt man auf ein (recht unbekanntes) Dutzend: Wer hätte je von der bordeauxfarbenen „Roten Zitrone“ gehört, der pummeligen „Volkamer“ oder der „Nine Pounder Lemon“, groß wie eine Pampelmuse? Zu den Sorten, die es bis in unsere Auslagen geschafft haben, zählt die sonnengelbe, in den USA beliebte Meyer-Zitrone. Die Kreuzung aus Zitrone und Mandarine ist streng genommen eine eigene Art, die der amerikanische Botaniker Frank Nicholas Meyer vor 120 Jahren in China entdeckte. Meyer-Zitronen haben eine zarte, duftige Haut und eignen sich besonders gut für Desserts und Marmelade. Dafür acht Meyer-Zitronen waschen, vierteln, in hauchdünne Streifen schneiden. Mit 400 ml Wasser und 880 g Zucker bis zu eine Stunde einköcheln lassen, die Kerne wegen des Pektingehalts im Stoffsäckchen mitkochen, zwischendurch rühren und auf einem Teller die Gelierprobe machen (wird ein Klecks fest, ist sie fertig). In sterilisierte Gläser füllen und fest zuschrauben.
Das Buch
sie hat im Winter Saison, ist erfrischend gelb, unschlagbar mediterran – kein Wunder, dass die Zitrone ein Garant für Kochbücher und Sehnsuchtsbände aller Art ist. Diese Frucht gibt einfach viel her, Taschens Pracht-Foliant „The Book of Citrus Fruits“ etwa bringt es auf 4,3 Kilo, der Inhalt basiert auf handkolorierten Bänden des Stadtarchivs Fürth. So weit, so schön. Und doch ist das beste Buch zum Thema Zitronen von karger Bescheidenheit. „The Land Where Lemons Grow“ (Penguin Verlag, nur auf Englisch) kommt ohne Bilder und mit ein paar Landkarten aus, es fesselt allein durch sprachliche Brillanz, Klarheit und fundierte wissenschaftliche Verweise. Die britische Gartenautorin Helena Attlee recherchierte jahrelang in Italien, besuchte Gewächshäuser am Gardasee, Naturkundemuseen in Florenz oder die Zitrushaine von Amalfi und Palermo. Attlee traf die Gärtner, die sich um die „Nachfahren“ der berühmtesten Zitrusbaumsammlung der Geschichte kümmern, die einst in den Medici-Gärten stand. Sie berichtet vom wirtschaftlichen Aufstieg Siziliens durch Zitronenhandel mit der britischen Armee, mischt Kunstgeschichte mit Rezepten, Restaurantbesuchen, Kurzreportagen. So gelingt der Autorin nebenbei eine Geschichte Italiens aus der Perspektive seiner Zitrusfrüchte. Ihr vielfach preisgekröntes Buch von 2015 lässt auch zehn Jahre später Bildbände im Kopf entstehen. Coffee-Table-Werke braucht man da gar nicht.



Die Farbe
Zitronengelb strahlt heiter wie die Frühlingssonne im Süden und hebt die Stimmung. In der niederländischen Malerei setzten Altmeister die Farbe ein, um Lichtpunkte in beklagenswert dämmrigen Räumen oder auf Porträts zu setzen, allerdings verblasste die Mixtur aus Pflanzensäften oder verdünntem Bleizinngelb rasch. Erst 1911 wurde ein dauerhaftes Pigment entwickelt, unter dem Namen „Hansagelb“, was eher nach Containerhafen und Signalpollern klingt als nach Fernweh. In India Mahdavis Keramikserie „Canvas“ aber sehen die Gefäße, mit schön dickem Glasurauftrag, genau nach den besten Zitronen-Gegenden Europas aus: Côte d’Azur, Amalfi, Taormina. Ein paar der Becher auf dem Tisch, und man träumt sich kurz weg ans Mittelmeer.

Das Gemälde
In Kunst und Kultur ist die Zitrone für Überraschungen gut. Man denke an den Song „Lemon Tree“ von Fools Garden, ein Neunzigerjahre-Megahit, mit dem kein Mensch gerechnet hatte, am wenigsten wohl die Band aus Pforzheim selbst. Großes Staunen auch bei den Barockgemälden mit aufgetürmten Früchten. Möglichst viele Zitronen in diesen Arrangements dienten der reinen Angeberei, die unerschwinglichen Früchte waren ein Symbol für Reichtum. Édouard Manet hat dann Jahrhunderte später mit seinem Werk „Le Citron“ von 1880 für Verblüffung gesorgt. Der große Manet, und so ein winziges Gemälde, 14 mal 22 Zentimeter, nichts als eine einzelne Frucht als Sujet, incroyable! Kunsthistoriker rätselten, warum der Maler auf jeden Kontext verzichtete (nur ein dunkler Teller), ob das gerade für Manets Raffinesse spreche. Vielleicht auch für die der Zitrone – mit dem Stielansatz oben, der glatten rundlichen Mitte, dem kleinen Knopf am Ende sieht sie einfach formschön aus. Ob von Manet oder in der Natur.

Die Patisserie
Cédric Grolet, Pariser Patissier mit zwölf Millionen Instagram-Followern, schätzt keine Zutat so sehr wie Zitronen. „Ich liebe ihre Säure, die Bitterkeit“, schwärmte der 39-Jährige neulich wieder in einem Interview. Und „Le Citron“ ist auch eine seiner bekanntesten Kreationen: Die täuschend echt wirkenden Früchte sind essbare Kunstobjekte, gefüllt mit Kompott und cremiger Mousse. Dafür bilden sich Schlangen vor der Zwei-Sterne-Konditorei des Hotels Le Meurice. Die Kombination von Frische und sahniger Textur ist das Grundgeheimnis aller legendären Zitronendesserts, ob Tarte au citron oder Meringue Pie. Im italienischen Noto liegt für den pasticciere Corrado Assenza vom berühmten Caffè Sicilia – eine Art anti-Grolet, bedächtig, distinguiert – die denkbar beste Ernte nur zwei Autostunden entfernt: Orangen, Mandarinen, Zitronen, die in den fruchtbaren Gärten um den Ätna gedeihen, sind so etwas wie die Essenz der Zitrusfrüchte. Die schönsten Exemplare verarbeitet Assenza zu kandiertem Obst und belegt damit seine Cassata – ebenfalls ein Kunstwerk, weniger spektakulär, aber wie mit Arabesken verziert.

Das Rezept
Eigentlich ist es erstaunlich, wie selbstverständlich überall von „der Zitrone“ die Rede ist, im Singular und ohne Konkretisierung, als gäbe es nur eine Sorte. Dabei reicht ein Blick auf das Angebot einer normalen Zitrusfarm, um das Sortiment in den heimischen Obstläden der Armseligkeit zu überführen. Ganz zu schweigen von Europas variantenreichstem Zitrushof – „Agrumes Schaller“ am Fuß der französischen Pyrenäen baut gut tausend Sorten Zitrusfrüchte an. Zitronen, botanisch zu den Beeren gehörend, sind extrem kreuzungs- und mutationsfreudig. Zählt man nur die in den Küchen gängigsten Sorten, kommt man auf ein (recht unbekanntes) Dutzend: Wer hätte je von der bordeauxfarbenen „Roten Zitrone“ gehört, der pummeligen „Volkamer“ oder der „Nine Pounder Lemon“, groß wie eine Pampelmuse? Zu den Sorten, die es bis in unsere Auslagen geschafft haben, zählt die sonnengelbe, in den USA beliebte Meyer-Zitrone. Die Kreuzung aus Zitrone und Mandarine ist streng genommen eine eigene Art, die der amerikanische Botaniker Frank Nicholas Meyer vor 120 Jahren in China entdeckte. Meyer-Zitronen haben eine zarte, duftige Haut und eignen sich besonders gut für Desserts und Marmelade. Dafür acht Meyer-Zitronen waschen, vierteln, in hauchdünne Streifen schneiden. Mit 400 ml Wasser und 880 g Zucker bis zu eine Stunde einköcheln lassen, die Kerne wegen des Pektingehalts im Stoffsäckchen mitkochen, zwischendurch rühren und auf einem Teller die Gelierprobe machen (wird ein Klecks fest, ist sie fertig). In sterilisierte Gläser füllen und fest zuschrauben.

Das Buch
sie hat im Winter Saison, ist erfrischend gelb, unschlagbar mediterran – kein Wunder, dass die Zitrone ein Garant für Kochbücher und Sehnsuchtsbände aller Art ist. Diese Frucht gibt einfach viel her, Taschens Pracht-Foliant „The Book of Citrus Fruits“ etwa bringt es auf 4,3 Kilo, der Inhalt basiert auf handkolorierten Bänden des Stadtarchivs Fürth. So weit, so schön. Und doch ist das beste Buch zum Thema Zitronen von karger Bescheidenheit. „The Land Where Lemons Grow“ (Penguin Verlag, nur auf Englisch) kommt ohne Bilder und mit ein paar Landkarten aus, es fesselt allein durch sprachliche Brillanz, Klarheit und fundierte wissenschaftliche Verweise. Die britische Gartenautorin Helena Attlee recherchierte jahrelang in Italien, besuchte Gewächshäuser am Gardasee, Naturkundemuseen in Florenz oder die Zitrushaine von Amalfi und Palermo. Attlee traf die Gärtner, die sich um die „Nachfahren“ der berühmtesten Zitrusbaumsammlung der Geschichte kümmern, die einst in den Medici-Gärten stand. Sie berichtet vom wirtschaftlichen Aufstieg Siziliens durch Zitronenhandel mit der britischen Armee, mischt Kunstgeschichte mit Rezepten, Restaurantbesuchen, Kurzreportagen. So gelingt der Autorin nebenbei eine Geschichte Italiens aus der Perspektive seiner Zitrusfrüchte. Ihr vielfach preisgekröntes Buch von 2015 lässt auch zehn Jahre später Bildbände im Kopf entstehen. Coffee-Table-Werke braucht man da gar nicht.